Offener Brief
«Frauen mit Behinderungen sind eine doppelt diskriminierte Minderheit» – das zeigt der St.Galler Autor Christoph Keller der Politikerin Sarah Bünter auf

Vor einem Jahr hat der St.Galler Autor Christoph Keller sein neues Buch «Jeder Krüppel ein Superheld» veröffentlicht. Wie Keller darin über seine fortschreitende Muskelkrankheit schreibt, ist einzigartig; er öffnet damit Nichtbehinderten die Augen. In seinem monatlichen Blog schreibt Keller Briefe an Schweizer Persönlichkeiten. Heute an Sarah Bünter, Präsidiumsmitglied von Die Mitte Schweiz.

Christoph Keller
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An Frau Sarah Bünter
Die Mitte
St.Gallen


St.Gallen, am 11. November 2021

Sehr geehrte Sarah Bünter,

ich bin in den letzten Tagen mehrfach zu Ihrem Interview mit dieser Zeitung vom 9. Oktober zurückgekehrt: Es hat mich sehr beeindruckt, mit welcher Offenheit und welchem Engagement Sie über unsere grösste «Minderheit» – Frauen – sprechen. Frauen in der Politik. Frauen, die sich nicht trauen, auch Frauen, die Frauen verhindern, Frauen, die Vorbilder sind.

Sarah Bünter, Präsidiumsmitglied von Die Mitte Schweiz.

Sarah Bünter, Präsidiumsmitglied von Die Mitte Schweiz.

Bild: Benjamin Manser

Doch hat mir auch etwas schmerzhaft gefehlt. Frauen nämlich, die eine Behinderung haben. Beim Lesen – und Wiederlesen – habe ich erst gehofft, mir dann gewünscht: Ah, jetzt kommt's! Jetzt sagt Frau Bünter: « ...und natürlich auch Frauen, die eine Behinderung haben.» Es kam aber nicht, was mir nicht nur bei Ihnen auffällt. Es ist systematisch. Fast schon egal, welche Minderheit gerade ins Rampenlicht gerückt wird, und es sind erfreulich viele, ob «Black Lives Matter» oder LBGTQ, so gut wie nie werden jene dieser Gruppen, die eine Behinderung haben, erwähnt.

Das ist mein trauriges Fazit: In unserem Zeitalter, in dem wir gelernt haben, möglichst niemanden unerwähnt zu lassen, gehen wir Menschen mit Behinderung fast immer leer aus.

Was meinen Sie, warum ist das so? Dass wir selbstverständlich mitgedacht würden, wie ich es manchmal zu hören bekommen, kann ich leider nicht glauben. Eher heisst es: «Oje, die haben wir vergessen.» Ja, eben. Einmal, als ich mich in Kreisen, in denen man eigentlich darauf achtet, niemanden zu vergessen, darauf hingewiesen habe, dass die Behinderten vergessen worden seien, kam die Antwort entrüstet daher: «Muss ich die nun wirklich auch noch jedes Mal erwähnen?» Ja, musst du.

Frauen mit Behinderungen sind eine doppelt diskriminierte Minderheit.

Doppelt, weil sie innerhalb einer ohnehin schon diskriminierten Minderheit für ihr Behindertsein gleich noch einmal diskriminiert werden. Wer nicht erwähnt wird, ist nicht mitangesprochen. So wie zum Beispiel früher, wenn man Politiker gesagt hat, Politikerinnen automatisch mitgemeint waren. Heute geht das nicht mehr, zu Recht.

Ich sende Ihnen mit diesem Brief mein Buch «Jeder Krüppel ein Superheld: Splitter aus dem Leben in der Exklusion» über mein Leben mit einer progressiven, also alles mit der Zeit immer schwieriger machenden neuromuskulären Erkrankung. Obwohl es schon vor über einem Jahr erschienen ist, zieht es immer weitere Kreise, gar internationale. Oft höre ich, es sei ein Augenöffner, ein Blickveränderer. Vielleicht regt es Sie an, von nun an auch immer Menschen mit Behinderung mitanzusprechen.

Es grüsst Sie herzlich, dankt Ihnen für Ihre gute Arbeit und freut sich, von Ihnen zu hören

Christoph Keller
Schriftsteller und Rollstuhlfahrer
www.christophkeller.us


Zur Person

Christoph Keller – Schriftsteller
Bild: Ralph Ribi

Christoph Keller – Schriftsteller

Christoph Keller wurde 1963 geboren. Er ist in St.Gallen aufgewachsen, wo er heute als freier Schriftsteller wieder wohnt. 20 Jahre lang hat er in New York gelebt und dort seine ersten Bücher auf Englisch veröffentlicht. Keller ist aufgrund der fortschreitenden Krankheit spinale Muskelatrophie auf einen Rollstuhl angewiesen. Seine Romanfantasie «Der Boden unter den Füssen» wurde mit dem Alemannischen Literaturpreis 2020 ausgezeichnet. In seinem neuesten Buch «Jeder Krüppel ein Superheld» erzählt Keller von den Hürden, die er mit seiner Behinderung täglich zu nehmen hat.
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