Neuerscheinung
Print ist tot, es lebe Print: Drei Kreative haben während des Lockdowns eine neue Zeitschrift entwickelt

Zum Konzept von «Interim» gehört dessen Weiterverwendung. Die Hälfte der Seiten der ersten Nummer zum Thema «Vom Schenken» können deshalb herausgelöst und als Geschenkpapier verwendet werden. Unter den fünf Autorinnen und Autoren, die Texte beigesteuert haben, ist auch die St.Gallerin Laura Vogt.

Christina Genova
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Eine neue Zeitschrift, entwickelt mitten im Lockdown.

Eine neue Zeitschrift, entwickelt mitten im Lockdown.

Bild: Screenshot

Während des ersten Lockdowns, als sich alle kulturellen Aktivitäten in die digitale Welt verlagerten, machten die Berner Kreativen Vanessa Simili, Lorenzo Conti und Simon Kauer genau das Gegenteil. Sie entwickelten die Idee für eine neue gedruckte Zeitschrift: «Printmedien seien tot, heisst es. Wir sind überzeugt, dass dem nicht so ist», schreiben sie.

Nun liegt das schön gestaltete Heft im A3-Format in einer limitierten Auflage von 300 Exemplaren vor. Es erscheint jährlich und heisst «Interim», weil jede Ausgabe eine Weiterverwendung oder einen Mehrwert haben soll.

Das erste Heft mit dem Titel «Vom Schenken» ist passenderweise gleichzeitig eine Geschenkbogensammlung, die von Grafikerinnen und Künstlern gestaltet wurde. Die Hälfte der Seiten kann herausgetrennt und als Geschenkpapier verwendet werden: Kaleidoskopartige Bilderbögen stammen von Anne Sulzer; Lorenz Olivier Schmid hat einen schemenhaften Schmetterling in schwarz-weiss entworfen, Yasuo Imai einen Teppich weisser Nelken.

Schenken als Hochseilakt

Laura Vogt.

Laura Vogt.

Bild: PD

Zum Konzept von «Interim» gehört es, verschiedene Sparten zu vereinen: Grafik, Illustration, Fotografie, Kunst, Literatur, Philosophie und Journalismus sollen darin Platz haben. Im ersten Heft gesellen sich zu den Bilderbogen die Texte der Philosophin Ursula Pia Jauch, der Autoren Regula Portillo und Beat Sterchi und des Kulturjournalisten Konrad Tobler. Als einzige Ostschweizerin ist die St.Galler Schriftstellerin Laura Vogt beteiligt.

Die wohltuend kurzen und allesamt lesenswerten Beiträge setzen sich inhaltlich mit dem Heftthema auseinander und liefern interessante Denkanstösse. Denn, wie Ursula Pia Jauch richtig anmerkt: «Das Schenken ist ein menschlicher und philosophischer Hochseilakt; glücklich, wem es gelingt, so zu schenken, dass die Beschenkte ebenso befriedigt ist wie der Gebende.» Diese Erkenntnis kann nach der mehr oder weniger gelungenen weihnachtlichen Bescherung jede und jeder aus eigener Erfahrung bestätigen.

Von Regula Portillo stammt eine Biografie in Form von Wünschen, beziehungsweise Geschenken. Beat Sterchi hat zum Schenken in Zusammenhang mit dem Künstler Ferdinand Hodler recherchiert. Konrad Tobler sinniert über die etymologischen Zusammenhänge zwischen Schenken, Schinken und Schenke.

Nischenprodukt für literarisch interessierte Ästhetinnen

Laura Vogt schreibt in ihrem Text «Denken Fühlen Schenken» nicht nur über das Schenken, sondern vor allem über das Wünschen und die damit verbundene Sehnsucht. Niemand kann so inbrünstig wünschen wie die Kinder, Dinge wie einen Dinosaurier von Playmobil, der auf der Wunschliste von Vogts vierjährigem Sohn steht. Auch sie hat Listen: Jene der schönsten Dinge, die sie je verschenkt hat, und eine mit Wünschen, die direkt damit in Zusammenhang steht. Wünschen bedeute, neugierig zu sein, schreibt Vogt:

«Auch ich bin neugierig, auf alles, was Welt ist, und wünsche mir so viel, noch immer, und immer mehr.»

«Interim» präsentiert sich als Nischenprodukt für literarisch interessierte Ästhetinnen und Ästheten. Die jährliche Erscheinungsweise ist ein Nachteil, eine Leserbindung ist so kaum möglich. Ein Abonnement für das Heft ist vorerst nicht vorgesehen.

«Interim» ist in der Ostschweiz in den St.Galler Buchhandlungen Zur Rose und Comedia erhältlich. Zu bestellen ist das Heft über mail@vanessasimili.ch für 20 Franken (zuzüglich Versandkosten) und bei loremnotipsum.com