«Näher an Science-Fiction als alles zuvor»: Das St. Galler Theater 111 zeigt einen Monolog über den Whistleblower Edward Snowden

Ein Computergenie bringt das geheime System weltweiter Massenüberwachung durch die US-Regierung ans Tageslicht und riskiert damit sein Leben. Aus diesem dramatischen Stoff hat der St.Galler Regisseur Pierre Massaux ein Stück gemacht. Das Wort hat darin Edward Snowdens Partnerin Lindsay.

Bettina Kugler
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Alexandra Kraft in Pierre Massaux' «Snowden - Die Wahrheit»: Der Monolog über das Leben und die Enthüllungen des Whistleblowers ist ab 1. Oktober im St. Galler Theater 111 zu sehen.

Alexandra Kraft in Pierre Massaux' «Snowden - Die Wahrheit»: Der Monolog über das Leben und die Enthüllungen des Whistleblowers ist ab 1. Oktober im St. Galler Theater 111 zu sehen.

Bild:André Brugger

Mit Strohhut, Flipflops und einer leichten Sommerbluse tänzelt Alexandra Kraft ins Rampenlicht; sie wirkt beschwingt und lebenslustig. Kaum aber ist sie richtig angekommen in der kargen Szenerie, kaum wendet sie den Blick in Richtung Zuschauertribüne, erstarrt der Blick, gefriert ihre Miene. Alle Unbeschwertheit weicht Entsetzen. Welche Wahrheit offenbart sich ihr in diesem Augenblick?

«Snowden – Die Wahrheit» nennt Pierre Massaux das Stück, das er über den amerikanischen Datenanalysten und Whistleblower Edward Snowden geschrieben hat – auf der Basis von Zeitungsartikeln, denn aus Snowdens Buch «Permanent Record. Meine Geschichte» durfte er nicht zitieren. Es seien nicht einmal öffentliche Lesungen möglich, teilte ihm der S. Fischer Verlag in Frankfurt mit, bei dem die deutsche Übersetzung erschienen ist.

Ein Spionageroman mit realem Hintergrund

Szene aus dem Stück «Snowden» von Pierre Massaux im Theater 111 . Zu sehen ist die Schauspielerin Alexandra Kraft.

Szene aus dem Stück «Snowden» von Pierre Massaux im Theater 111 . Zu sehen ist die Schauspielerin Alexandra Kraft.

Bild:André Brugger

So stützte sich Massaux auf Aussagen von Journalisten, die Snowden begegnet sind und mit ihm sprechen konnten. Das Buch, ein Spionageroman mit realem Hintergrund, hat ihn gleichwohl beim Schreiben begleitet und inspiriert. Als er es auf einer Reise in Neuchâtel entdeckte, erkannte er sofort das dramatische Potenzial des Stoffes - und Bezüge zur griechischen Mythologie:

«Ein Computergenie dringt in das Labyrinth ein, darin lebt der gegenwärtige Minotaurus der Massenüberwachung. Diesmal verschlingt er unsere Freiheit und gleichzeitig unsere Individualität.»

In Lindsay, seiner Partnerin, findet Edward Snowden den Ariadnefaden, um seine Reise fortzusetzen. Snowden bleibt jedoch im Verborgenen und kommt auch nur indirekt zu Wort: über seine Partnerin Lindsay Mills, der Snowden auch seine Autobiografie gewidmet hat. Lange wusste sie nichts Konkretes über seine Arbeit, erst recht nicht über seine Pläne, Beweismaterial über die Machenschaften des amerikanischen Geheimdienstes zu veröffentlichen, es hätte auch sie in Gefahr gebracht.

Durchs Labyrinth am Faden von Worten und Sätzen

Alexandra Kraft spielt in dem rund 70minütigen Solo, das am 1. Oktober Premiere haben wird, viele Facetten aus. Mal ist sie die ahnungslose junge Frau, mal Erzählerin und Chronistin, mal Sprachrohr Snowdens. Sie hat Einblick in sein Denken, seine Arbeit, seine inneren Beweggründe. Eine anspruchsvolle Aufgabe für die aus dem Jura stammende Schauspielerin, zumal der Text vor allem reflektiert und immer wieder assoziativ springt. Sie selbst bewegt sich in diesem «inneren Raum» der Szenerie wie im Labyrinth, am Ariadnefaden der Worte und Sätze.

Da ist es gut, auch etwas Handfestes zum Spielen zu haben: den Rubik's Cube zum Beispiel, den sie zuweilen in die Luft wirft wie die Prinzessin im Märchen vom Froschkönig ihren goldenen Ball. In einem solchen Zauberwürfel versteckte Snowden sein Beweismaterial. «Es ist schon seltsam», sagt Alexandra Kraft nach der Probe im Gespräch, «wir wissen das alles, und wissen auch, dass es eigentlich ungeheuerlich ist – aber es ist uns egal.»

Theseus, Artus, Sophie Scholl und Edward Snowden

Das Stück zerrt das Verdrängte ins Licht der Bühne, erinnert auch daran, dass Edward Snowden nach wie vor von den USA per Haftbefehl verfolgt wird. Pierre Massaux stellt in seinem Text Bezüge her zu anderen Heldengeschichten, antiken, mittelalterlichen und modernen: Neben Theseus aus der griechischen Mythologie ist es die Artus-Sage und das Schicksal der Widerstandskämpfer um Sophie und Hans Scholl. «Ich sehe durchaus Parallelen zum Dritten Reich», sagt er, «auch damals sammelte man zunächst Daten, um sie dann systematisch zur Verfolgung und Vernichtung von Menschen einzusetzen.»

An Snowden beeindruckt ihn die Klarheit und Entschlossenheit, mit der er zum Wohl der Allgemeinheit sein Leben und sein privates Glück aufs Spiel gesetzt hat. «Sein Weg konfrontiert uns mit der Frage: Was nehme ich hin, wogegen leiste ich Widerstand?» sagt Pierre Massaux. «Ich persönlich empfinde Dankbarkeit, dass dieser Mann das für uns gemacht hat.»

«Snowden – Die Wahrheit»: Premiere Donnerstag 1. Oktober, 20 Uhr, Theater 111 St. Gallen. Acht weitere Vorstellungen bis 16.10.2020. Tickets und Reservation: tickets@theatresacre.org oder www.theater111.ch