Nachtleben
Techno aus dem Textilmuseum, Beats live vom Säntis: Das Label Ostklang macht mit Streams von ungewohnten Orten auf das gebeutelte Nachtleben aufmerksam

Die Clubs sind geschlossen, Tanzen ist verboten, da bleibt nur die Party per Livestream. Das St.Galler Label Ostklang hat sich mit Gleichgesinnten zusammengetan und überträgt einmal pro Monat elektronische Musik von überraschenden Locations in der Ostschweiz. Am 12. Dezember pumpt Techno live aus dem St.Galler Textilmuseum.

Roger Berhalter
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Der Zürcher Produzent Canson während seiner Live-Performance auf der Säntis-Terrasse am 23. November.

Der Zürcher Produzent Canson während seiner Live-Performance auf der Säntis-Terrasse am 23. November.

Bild: Kevin Roth

Mit Mütze und Winterjacke steht Canson auf der verschneiten Säntis-Terrasse und dreht an den Reglern. Der Zürcher Produzent spielt seine melancholischen elektronischen Beats, während die Sonne hinter den verschneiten Gipfeln versinkt. Publikum ist aber keines da. Canson spielt nur für jene, die ihm zu Hause vor dem Bildschirm zuhören. Es ist das, was im Coronajahr halt noch möglich ist: Tanzen ist verboten, die Clubs sind zu, also bleibt nur noch Party per Livestream.

«Wir bringen die Party nach Hause», sagt Martin Mettler. Der 31-Jährige vom St.Galler Label Ostklang hat den Auftritt auf dem Säntis am 23. November mitorganisiert.

Martin Mettler vom St.Galler Partylabel Ostklang.

Martin Mettler vom St.Galler Partylabel Ostklang.

Bild: PD

Einmal im Monat möchte er mit Gleichgesinnten solche Übertragungen durchführen, und zwar an Orten in der Ostschweiz, wo man elektronische Musik nicht erwarten würde.

Der erste Ostklang-Stream kam im Oktober aus dem Botanischen Garten St.Gallen, mit den Livemusikern Klangforscher und Törs. Im November war der Säntis dran, und am 12. Dezember folgt der nächste Streich, live aus dem St.Galler Textilmuseum. Der Skiclub Toggenburg – ein Techno-Duo aus Wattwil – baut im Museum seine Synthesizer auf und zeigt ab 20 Uhr eine Liveperformance.

Tropisches Ambiente: Am 23. Oktober kam der Ostklang-Stream aus dem Botanischen Garten in St.Gallen, mit den Live-Künstlern Klangforscher und Törs.

Tropisches Ambiente: Am 23. Oktober kam der Ostklang-Stream aus dem Botanischen Garten in St.Gallen, mit den Live-Künstlern Klangforscher und Törs.

Bild: Kevin Roth

Die Tanzfläche fehlt und somit die Ekstase

Solche Streams können eine Clubnacht nicht ersetzen. Nur schon deswegen nicht, weil die Tanzfläche fehlt, wo man sich näher kommen, in Ekstase verfallen, umarmen kann. «Eigentlich wollen wir ja gar nicht streamen», sagt Mettler. Eigentlich würde er lieber «richtige» elektronische Partys veranstalten. So wie vor dem Tanzverbot in der Affekt-Bar an der St. Galler Brühlgasse, wo er für das Musikprogramm verantwortlich ist.

Für dieses Jahr hatte er sich als Veranstalter schon ein paar ungewohnte Orte vorgemerkt: Auf dem Hohen Kasten, am Flugplatz Altenrhein und an der Sitter wollte er die Leute zum Tanzen bringen. «Aber das mussten wir natürlich alles wieder absagen.»

Vom Fotografen bis zum Getränkelieferanten

Jetzt also Live­streams. Dafür hat sich ein Ostschweizer Projektteam gebildet: alles Mitarbeiter aus dem Nachtleben, die sich wegen Corona derzeit in einer «äusserst schwierigen Situation» befinden. «Wir arbeiten als Partner zusammen und helfen einander. Nur so funktioniert’s», sagt Mettler.

Nur Helfer befanden sich während des Livestreams auf dem Säntisgipfel, tanzendes Publikum war keines zugelassen.

Nur Helfer befanden sich während des Livestreams auf dem Säntisgipfel, tanzendes Publikum war keines zugelassen.

Bild: Kevin Roth

Mit den Streams möchten sie auf die arg gebeutelte Clubszene aufmerksam machen. «Es geht nicht nur um uns», betont Mettler und zählt auf, wen es alles braucht, damit eine Party zu Stande kommt: Künstler, Eventtechniker, Filmemacher, Fotografen, Grafiker, Licht- und Tontechniker, Veranstalter, Ticketanbieter und Getränkelieferanten:

«Es ist ein Zusammenspiel von verschiedenen Leuten, die alle von der aktuellen Lage betroffen sind.»

Auch die Bar, in der Mettler arbeitet, muss dieses Jahr einen Umsatzverlust verbuchen. Doch Jammern mag er deswegen nicht. «Wir wollen auf positive Weise auf uns aufmerksam machen. Es ist unsere Aufgabe, den Leuten weiterhin Erlebnisse zu bieten.»

Nächster Stream: Samstag, 12. Dezember, 20-22 Uhr, aus dem St.Galler Textilmuseum (mit dem Techno-Duo Skiclub Toggenburg): www.facebook.com/Ostklang

Den Livestream vom Säntis kann man hier nachschauen und -hören: https://www.facebook.com/Ostklang/videos/403836797411844