Nachruf
Ernst Thoma (1953–2020): Er war ein Doppeltalent als Musiker und Künstler

Der Thurgauer Komponist und Maler Ernst Thoma ist mit 67 Jahren seinem Krebsleiden erlegen.

Dieter Langhart
Merken
Drucken
Teilen
Ernst Thoma (1953–2020).

Ernst Thoma (1953–2020).

Bild: Jürg Fausch

Vor drei Wintern sah ich Ernst Thoma zum letzten Mal. Ich besuchte ihn in seinem Atelier in Stein am Rhein, lachte mit ihm und schwieg mit ihm. Er war stiller geworden, gezeichnet vom Kampf zwischen dem kaltblütigen Krebs und der unermüdlichen Kreativität in ihm drin. Jetzt ist der Soundmaler Thoma tot, der zweite bescheidene Künstlerpionier und -freund nach dem «Lichtsucher», dem Fotografen Dieter Berke 2012.

Ich denke zurück an die «Urban Layers», die Thoma vom zweiten Kulturstipendium der Thurgauer Wirtschaft aus Berlin heimbrachte und als «Höllensturz» im Kunstmuseum Thurgau zeigte: komplexe, harsche Bildräume als Fortsetzung seiner fast idyllischen «Landscapes». Landschaft diente ihm als Metapher für den Zustand unserer Seele, und in der Kartause Ittingen übersetzte er die Klosterthemen Schuld und Sühne in seine eigene Sprache.

Komponist und Klangexperte, Zeichner und Maler, Aug und Ohr

Ernst Thoma machte nie halbe Sachen, er machte doppelte Sachen mit seinen zwei Begabungen: Installationen aus Bild und Ton. Er war Komponist und Klangexperte, Zeichner und Maler, war Aug und Ohr zugleich, seit seiner Kindheit. Er spielte mit der Illusion von Wirklichkeit, lange bevor von Multimedia die Rede war. Der 1953 Geborene schreibt sich in Zürich für Kunst ein, doch als Zeichner und Maler hat er einen schweren Stand gegen Performance und Konzeptkunst, die gerade en vogue sind.

Er wendet sich der Musik zu, studiert sie in Basel, ist angefressen von John Cage, komponiert für experimentelle Formationen wie Unknownmix, mit der er Dutzende von Konzerten gibt – als virtuoser Livemusiker, nicht als Knöpfe drückender Techniker im Bühnenhintergrund, als wichtiger Exponent von Zürichs progressiver, experimenteller Musikszene. Er macht sich mit jeder technischen Neuerung vertraut und baut jene Geräte gleich selbst, die es noch nicht gibt. Und dann, als sich am Computer endlich Bild und Ton vereinen lassen, kommt seine Zeit als Video- und Soundexperte. Er arbeitet nie ziellos, er gestaltet strategisch – und unabhängig, nie von einer Mode angetrieben.

Still und ernst, besonnen und belesen

Wer in sein Atelier tritt, tritt zugleich eine Zeitreise an durch Generationen von Ton- und Bilderzeugern; wen er zu einem Glas ins Wohnhaus gleich gegenüber einlädt, der trifft auf einen stillen und ernsten, besonnenen und belesenen Menschen. Da wohnt er mit seiner Frau Claudia Rüegg, Pianistin, Dozentin und vormalige Präsidentin der Thurgauer Kulturstiftung; in Zürich haben sie eine zweite Wohnung. Claudia Rüegg, 57, kennt Ernst Thoma, seit sie 20 ist. Ihre Beziehung ist sehr lebendig, sie brauchen aber auch die Auseinandersetzung. Einmal, vor gut acht Jahren, haben sie gemeinsam Musik gemacht.

Ernst Thoma ist ein Wanderer zwischen zwei Welten. Nach der Vertiefung in die Musik wendet er sich wieder der visuellen Kunst zu, schlägt Brücken, animiert Standbilder, verbindet Malerei und Video, lässt Bild und Ton interagieren, schafft dreidimensionale Klangräume: «Sounddesign» nennt er seinen Kosmos. Das Multitalent Thoma bleibt der Musik stets treu, komponiert und musiziert mal weniger, mal wieder mehr, solo und in Projekten. Bis er, vor sieben, acht Jahren, zur Zeichnung und Malerei zurückkehrt – und bis vor zwei Jahren, für eine Ausstellung im Haus zur Glocke in Steckborn, auch die Landschaft zurückkehrt.

Die letzten Tage in der Toskana

Den September verbringen Ernst Thoma und Claudia Rüegg in der Toskana. Er ist sehr schwach, aber er ruht in sich. Fünf Tage vor seinem Tod kocht er für beide. Er ist müde, aber er braucht dieses Stück Lebensqualität. Ernst Thoma hat in den letzten Jahren sein Studio ausgeräumt – als Befreiung und Vorbereitung. Nur sein letztes grosses Instrument steht noch da. Seine Website bleibt im Netz: Sie ist sein Archiv, sein Vermächtnis, seine Ewigkeit. Ernst Thoma ist im November mit 67 Jahren gestorben.

Die Redaktion empfiehlt