NACHGEFRAGT
Neues Drehbuch aus dem Thurgau: Erntezeit für die Schriftstellerin Michèle Minelli

Im Februar ist ihr Jugendbuch «Chaos im Kopf» erschienen, im März der Roman «Kapitulation»; gerade sitzt Michèle Minelli am Drehbuch zu ihrem 2015 erschienenen Roman «Die Verlorene». Erzählt wird die reale Geschichte einer verzweifelten Kindsmörderin, die 1904 in St.Gallen verurteilt wurde.

Inka Grabowsky
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Die Autorin Michèle Minelli.

Die Autorin Michèle Minelli.

Bild: Donato Caspari

Hat Ihnen die Pandemie durch die ausgefallene Lesungen Zeit für so viel Kreativität verschafft?

Michèle Minelli: Nein, ich war vorher schon fleissig! «Kapitulation» und «Chaos im Kopf» waren vor der Pandemie fast fertig, wurden aber erst jetzt veröffentlicht. Und die Idee zum Drehbuch gibt es schon seit 2018. Ich habe immer Projekte in verschiedenen Stadien.

Es fällt auf, dass in allen drei Projekten Frauen ihren Platz in der Gesellschaft suchen und dabei vor grossen Schwierigkeiten stehen. Wie stehen Sie zum Feminismus?

Frauen sind auch Menschen, und wenn ich mich für Menschenrechte einsetze, dann gehören eben Frauenrechte dazu. Je älter ich werde, desto mehr sehe ich, wie klein der Platz der Frauen in der Gesellschaft ist. Das will ich in «Kapitulation» abbilden. Gleichzeitig gibt es – auch bei mir selbst – einen Abwehrreflex bei feministischen Thesen, den ich überlisten will. Also beschreibe ich, was passiert, wenn man die Räume zu sehr begrenzt. Die Herausforderung war, das Thema ernst zu nehmen, aber so unterhaltsam zu schreiben, dass niemand das Buch zuklappt. Das galt für «Chaos im Kopf» ebenso. Aber ich traue meinen jugendlichen Lesern viel zu. Ich habe selbst als Jugendliche gerne Problembücher gelesen, um zu sehen, wie Menschen Probleme lösen oder warum sie scheitern.

Wie sind Sie zum Schreiben des Drehbuchs gekommen?

Es ist tatsächlich mein erstes Spielfilm-Drehbuch, aber nicht meine erste Berührung mit dem Filmgeschäft. Bis ich dreissig war, habe ich in der Branche gearbeitet, auch für Arte und das Schweizer Fernsehen einen Dokumentarfilm über Przewalski Pferde gedreht.

Vor drei Jahren hatte ich im Rahmen eines Wettbewerbs des Kulturamts St.Gallen für Filmideen ein Konzept eingereicht. Als es erfolgreich war, habe ich für Condor-Films, die eine Option auf die Filmrechte an «Die Verlorene» erworben haben, ein erstes Treatment von zwanzig Seiten geschrieben. Als Nächstes gab es ein fünfzigseitiges Bilder-Treatment, das schildert, was man zeigen muss. Jetzt sitze ich gerade an der zweiten Fassung des Drehbuchs.

Wie schafft man es, einen Romanstoff auf Spielfilmlänge zu verkürzen, wenn man weiss, wie lange man an einzelnen Formulierungen geschliffen hat?

Im Roman geht es um das ganze Leben von Frieda Keller. Im Film beschränken wir uns auf den Gerichtsprozess. Das Buch ist sehr traurig. Ich sehe ein, dass der Film weniger düster werden muss. Ein Dramaturg hilft mir dabei. Inhaltlich ist es leicht für mich, weil ich den Stoff und die Figuren kenne. Ich habe sechs Rechercheordner, aus denen ich schöpfen kann. Schwierig dürfte die Kürzungssitzung nach der vierten oder fünften Drehbuchfassung werden. Da werde ich gute Argumente benötigen, weshalb man diese oder jene Szene unbedingt braucht, auch wenn sie Geld und Zeit kostet.

Apropos Geld: Ist es lukrativ, Filmrechte zu verkaufen?

Das hat der Verlag für mich übernommen. Wenn der Film tatsächlich realisiert wird, bekomme ich einen Anteil aus dem Verkauf. Reich werde ich also als Autorin kaum, aber zu sehen, dass die Geschichte einen guten Film trägt, das ist eine grosse Freude.