Musikphysiologie
Jedem Zipperlein sein Helferlein: Die St.Gallerin Isabel Bösch ist ein Erste-Hilfe-Set für Musikschaffende

Der musizierende Körper ist Isabel Böschs Metier: Als Musikphysiologin hilft sie Musikerinnen und Musikern bei Auftrittsangst, Fehlhaltungen und mentalen Blockaden.

Kathrin Signer
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Anhand des Skeletts zeigt Bösch den Studierenden, wie sie ihre Haltung verbessern können.

Anhand des Skeletts zeigt Bösch den Studierenden, wie sie ihre Haltung verbessern können.

Bild: Andrea Tina Stalder

Muntere Klavierakkorde tönen durch das Schlüsselloch. Dann schwingt die Tür des verspielten Jugendstilhauses auf. «Der Morgen ist meine kreative Zeit», sagt Isabel Bösch. Klassische Frühaufsteherin, ein gestikulierendes Bündel voll Energie, morgens um zehn Uhr. Eine Kaffeemaschine habe sie noch nicht in ihrem neuen Studio, dafür ein menschengrosses Skelett-Modell, wie man es aus der Arztpraxis kennt. Das steht in der Ecke und trägt einen violetten Mantel – «damit die Leute sich nicht so erschrecken», erklärt sie.

Isabel Bösch ist Musikphysiologin, Pianistin und Klavierlehrerin. Seit letztem August bietet sie Coachings für Musikerinnen und Musiker in ihrem eigenen Studio in St.Gallen an. Bis jetzt konsultieren sie vor allem klassische Pianisten. Das Kernstück des Studios ist ein grosser Steinway-Flügel in der Mitte des Raumes. «Ich hatte früher schlimmes Lampenfieber. Aber wenn ich vor dem Konzert joggen war, dann ging's», erzählt sie. Dass die Bewegung ihr Klavierspiel beeinflusst, hat sie fasziniert – und schliesslich zur Musikphysiologie gebracht.

Die schmerzhaften Tücken

Ein nachhaltiges Musikmachen – das ist das Ziel der Musikphysiologie. Allein das Halten einer Geige oder das stundenlange Auf und Ab eines einzelnen Fingers sei ja weit weg von unseren natürlichen Bewegungsimpulsen, sagt Bösch. Über- und Fehlbelastungen sind programmiert. Die häufigsten Beschwerden seien Muskelverhärtungen und Fehlstellungen in Händen, Schultern und Rücken. Einmal habe eine Pianistin sie angerufen und über Schmerzen in den Fingern geklagt: «Es kam aber nicht vom Klavier, sondern von der Gartenschere.»

Bösch verschreibt alltagstaugliche Übungen mit grossem Effekt: Beim Warten auf den Bus soll man zum Beispiel bewusst einen hüftbreiten Stand einnehmen und die Zehen nach aussen rotieren. Die Methoden sind so vielfältig wie die Probleme individuell. Sie arbeitet mit Mentaltraining, progressiver Muskelentspannung, Tai-Chi, Atemtherapie oder Yoga.

Isabel Bösch ist Pianistin, Klavierlehrerin und Musikphysiologin.

Isabel Bösch ist Pianistin, Klavierlehrerin und Musikphysiologin.

Bild: Andrea Tina Stalder

Einen Kaffee gibt es dann doch noch, drei Treppen höher in ihrem Wohnzimmer. Schwarz, ohne Zucker, dafür mit etwas Schoggi. Auf dem Tisch stapeln sich Bücher mit Titeln wie «Musiker in Bewegung» oder «Einfach üben». Sie bereitet sich gerade für eine Vorlesung an der Zürcher Hochschule der Künste vor. Bösch will die jungen Musikerinnen und Musiker darauf sensibilisieren, mehr auf ihren Körper zu achten. Das Üben sollte weniger ein einsames Bootcamp als ein schlaues Einteilen der Ressourcen sein. Fussballer zum Beispiel nehmen sich längst, wovon Musikschaffende noch träumen: Physiotherapie, Massagen und Arztkonsultationen sind bei Profisportlerinnen und -sportlern an der Tagesordnung.

Flüchten oder Angreifen

Was die vermeintlichen Bühnenmenschen in Böschs Sitzungen aber am meisten beschäftigt, ist ironischerweise genau das: die Bühne. Lampenfieber sei ein Alarmsystem unseres Körpers, das ein Update nötig habe, sagt Bösch. Was beim Säbelzahntiger hilfreich war, ist im Konzert hinfällig. Flüchten, Angreifen oder Tot-Stellen verlangt unser Köper. Keines davon ist am Vorspielabend eine vertretbare Option.

Eine kürzlich erschienene Studie des Schweizerischen Zentrums für Musikphysiologie zeigte Erstaunliches: Die Pulsfrequenzen von Menschen, die subjektiv sehr viel oder nur geringes Lampenfieber empfanden, waren praktisch identisch. Der körperliche Zustand war gleich, einzig ihre Reaktionen darauf waren verschieden. «Das zeigt, dass man lernen kann, mit Stress und Extremsituationen umzugehen», sagt Bösch. Heisst: Jeder Körper spürt den Stress, entscheidend ist allein die Strategie.

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