Musik
Jazzerinnen sind auch in der Ostschweiz rar: Für neue Töne sorgt die Band «The Lady Funk Solution»

Frauen sind in der Jazz- und Rockszene spektakulär untervertreten. Was kann man da tun? Der Schlagzeuger Reto Giacopuzzi machts vor: Er komponiert Songs für die Ostschweizer Frauenband «The Leading Lady Funk Solution».

Kathrin Signer
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Radka Talacko, Sandra Bötschi, Kristina Basista und Jris Pauli sind «The Leading Lady Funk Solution».

Radka Talacko, Sandra Bötschi, Kristina Basista und Jris Pauli sind «The Leading Lady Funk Solution».

Bild: PD

Der St.Galler Reto Giacopuzzi schreibt Musik für Frauen. Und er ist nicht nur Komponist, sondern auch Bandgründer, obwohl er selbst bei seinen Funksongs keinen Schlägel aufs Drumset haut. Beim Unterrichten sprang ihn die Idee auf einmal an – «es lag einfach auf der Hand», sagt er. Die Schülerin, die an dem Tag vor ihm am Drumset sass, war keine geringere als die ehemalige TV-Ostschweiz Moderatorin Kristina Basista. Um sie formte er die Band «The Leading Lady Funk Solution» mit Musikerinnen aus der Ostschweiz, die er grösstenteils von seiner Unterrichtszeit an der Jazzschule St.Gallen kannte. Ohne Giacopuzzis Initialzündung hätte wahrscheinlich keine der Musikerinnen den Schritt zur Bandgründung gewagt; was verwundert – denn die Fähigkeiten für grosse Bühnen haben die Frauen durchaus.

Nach Frauen ruft der Jazz

Giacopuzzi unterrichtet am Musikzentrum St.Gallen im Bereich Jazz und Pop. Dort nehmen die Lehrenden schon seit Jahren wahr, wie stark Frauen gegenüber jazzenden Männern in der Unterzahl sind. Die Beobachtung bestätigt sich schweizweit. Eine kürzlich veröffentlichte Vorstudie des Zentrums Gender Studies der Universität Basel belegt, dass Frauen im Kulturbereich in Leitungsfunktionen und als Ausführende in Livekonzerten stark untervertreten sind. Während der Frauenanteil bei klassischen Konzerten immerhin bei 34 Prozent ist, so liegt er bei Liveperformances im Jazz, Rock und Pop nur bei 9 bis 12 Prozent. Die Zahl verwundert sogar Giacopuzzi – dass die Diskrepanz so gross sei, hätte er nicht gedacht.

Bandgründer und Komponist Reto Giacopuzzi

Bandgründer und Komponist Reto Giacopuzzi

Bild: PD

Woran das liegt? Er könne da nur spekulieren. Es sei aber möglich, dass Frauen im Jazz und Rock gesellschaftlich nicht gleich gefördert werden. Er beobachte das immer wieder:

«Jungs müssen nur ein bisschen auf dem Geschirr trommeln und werden sofort in den Schlagzeugunterricht geschickt. Ganz normal. Mädchen brauchen eine besondere Affinität dazu.»

Eine andere These sei fehlendes Selbstbewusstsein, im Jazz vor allem, wenn es um Improvisation gehe. «Männer trauen sich das viel selbstverständlicher zu. Frauen haben mehr Selbstzweifel», vermutet Giacopuzzi. Im Jazz müsse man viel von seiner Persönlichkeit preisgeben, nicht nur abliefern, was in den Noten steht. Das erfordert Mut.

Den Jazz neu denken

Umso wichtiger sei es, dass «The Leading Lady Funk Solution» eine Vorbildfunktion übernehme und so vielleicht andere Frauen zum Jazz und Funk inspirieren könne. «Es ist besonders, dass man es besonders findet, oder?», fragt er. Da kann man nur zustimmen, denn eine Frau am Schlagzeug, eine Frau am Bass und eine Frau am Saxofon ist leider immer noch kein gewohntes Bild. «Wenn ich die Songs mit Musikern wie mir selbst spielen würde – also weiss und über 50 – dann würde das okay tönen, aber es hätte niemals denselben Effekt.»

Die Musikerinnen veröffentlichten im August ihre dritte Single «Fantasy Returns».

Video: Youtube

Vor wenigen Tagen hat die Band mit Kristina Basista, Jiris Pauli, Sandra Bötschi, Brigitte Meier, Radka Talacko und Deborah Merian ihren dritten Song «Fantasy Returns» mit Musikvideo veröffentlicht. Das musikalische Crossover bewegt sich zwischen Pop, Funk und Jazz. Ihr nächstes Ziel sind erste Live-Auftritte. Da die Formation erst während der Pandemie zusammengefunden hat, war das bisher gar nicht Thema, erzählt Giacopuzzi. Nun freuen sie sich umso mehr, ihre Musik bald einem Livepublikum zu präsentieren und die von Männern dominierte Jazzszene damit ins 21. Jahrhundert zu holen.

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