«Meine Theaterseele blutet»: Wie die Intendantin des Theaters Konstanz den Teillockdown erlebt

Eigentlich wollte das Theater Konstanz die nächsten Premieren ankündigen und das Dezember-Programm vorstellen. Doch Intendantin Karin Becker und ihr Team können nicht wirklich weiterplanen: Noch immer wissen sie nicht, wann sie wieder Theater vor Publikum spielen dürfen. An der Medienkonferenz flossen fast Tränen.

Julia Nehmiz
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Karin Becker, seit dieser Spielzeit Intendantin des Theaters Konstanz, hat keinen leichten Start: Nach nur vier Premieren musste sie ihr Haus im Teillockdown wieder schliessen.

Karin Becker, seit dieser Spielzeit Intendantin des Theaters Konstanz, hat keinen leichten Start: Nach nur vier Premieren musste sie ihr Haus im Teillockdown wieder schliessen.

Bild: Donato Caspari (Konstanz, 19. November 2020)

Das Theater Konstanz: Wie alle kulturellen Einrichtungen in Deutschland bis auf weiteres geschlossen. Wann sie wieder für ihr Publikum spielen dürfen? Niemand weiss es. Die Besprechung von Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Ministerpräsidenten am Montag ergab: Nichts. Abwarten. Beschluss vertagen.

Für das Theater heisst das: Weiterhin nicht wissen, wann der Spielbetrieb wieder aufgenommen werden kann. Es wird geprobt, die Werkstätten produzieren Bühnenbilder und Kostüme, nur die Premieren und Vorstellungen, die werden reihenweise verschoben.

Karin Becker, seit dieser Spielzeit Intendantin am Theater Konstanz, sagte am Donnerstag, dass sie den Teillockdown für absolut dringend halte. Als Privatperson meine sie sogar, dass es einen ganzen Lockdown bräuchte, bis auf Schulen und Kindergärten. Das Infektionsgeschehen in Deutschland habe sich rasant beschleunigt, Leben und Gesundheit von immer mehr Menschen seien konkret bedroht. Und obwohl sie die Massnahmen, die am 2. November in Kraft traten, richtig und wichtig findet, sagt Karin Becker:

«Meine Theaterseele blutet. Wenn ich darüber spreche, bin ich kurz vorm Weinen.»

Und sie wischt sich über die Augen. Für die 128 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Theater Konstanz heisst der Teillockdown, dass etliche in Kurzarbeit sind, einige im Homeoffice, und dass alle sich an strenge Hygienevorschriften halten müssen.

Die Premieren, die im November hätten stattfinden sollen, werden alle so vorbereitet, dass sie nachgeholt werden können, sobald man wieder spielen darf. Das Weihnachtsmärchen (Michael Endes «Satanarchäolügenialkohöllischer Wunschpunsch»), das Kinderstück für ganz Kleine («Monsta», ab 3), sowie «Katharina Blum» von Heinrich Böll im Abendspielplan sollen nun alle im Dezember rauskommen.

Teillockdown in Deutschland: Die wenigen Plätze, die wegen der Coronaschutzmassnahmen im Theater Konstanz noch übrig blieben, müssen weiterhin komplett leer bleiben.

Teillockdown in Deutschland: Die wenigen Plätze, die wegen der Coronaschutzmassnahmen im Theater Konstanz noch übrig blieben, müssen weiterhin komplett leer bleiben.

Bild: Ilja Mess

Vor allem die beiden Kinderstücke liegen Karin Becker am Herzen. Sie will, wenn sie denn darf, an den Wochenenden im Dezember die Stücke für die jungen Zuschauerinnen und Zuschauer aufführen, als freudiges Highlight in der Pandemie. Das Weihnachtsmärchen wird dann auch in der kommenden Spielzeit wieder aufgeführt, denn im Coronawinter werden viele Schulklassen nicht ins Theater können.

65 Vorstellungen mussten bereits abgesagt werden

Wie es für das Theater weitergeht? Allein für Dezember wurden mehrere Spielpläne erarbeitet. Je nachdem, ab wann sie wieder öffnen dürfen. Karin Becker sagt: «Das Schlimme ist, wir können nicht jede Woche einen anderen Spielplan disponieren.» Unter diesen Umständen planen zu müssen, sei eine Katastrophe. An die Politik richtet sie einen Appell:

«Wir brauchen eine Perspektive! Wir brauchen eine klare Entscheidung, ab wann wir wieder spielen dürfen.»

Lieber wäre ihr sogar die klare Entscheidung, bis Januar alles runterzufahren, anstatt wöchentliche Nicht-Entscheidungen.

Allein im November musste das Theater 37 Vorstellungen absagen, zudem wurden 28 Schulvorstellungen im November und Dezember gecancelt. Die Silvesterpremiere der Krimikomödie «39 Stufen» wurde komplett abgesagt. Sie hätten die tollsten und geduldigsten Abonnentinnen und Abonnenten, sagt Karin Becker. Sie erhalte viele aufmunternde Rückmeldungen: «Haltet durch!» Vor dem erneuten Lockdown war die Resonanz hervorragend: Die Auslastung lag bei 97 Prozent. Die drei Prozent, die bis zu «ausverkauft» fehlen, lagen meist an Abonnenten, die aus Vorsicht lieber doch nicht die Vorstellung besuchen wollten.

Für nächste Woche hat die deutsche Politik eine neue Entscheidungsrunde veranschlagt. Karin Becker und ihr Team hoffen, dass sie dann endlich Planungssicherheit bekommen – zumindest für die nächsten paar Wochen.

Infos über Premieren und Produktionen: theaterkonstanz.de

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