«Meine Kunst ist mein Alles, meine Familie und meine Kinder»: Eine Ausstellung in St.Gallen rückt die vergessenen Künstlerinnen der Schweiz ins Rampenlicht

Ein blinder Fleck Schweizer Kunstgeschichte: Das Historische und Völkerkundemuseum St.Gallen zeigt elf Pionierinnen der Kunst, darunter auch einige Ostschweizerinnen. Warum gingen die Künstlerinnen vergessen? Und warum hatten sie es zu Lebzeiten so schwer, in diesem Beruf Fuss zu fassen?

Viola Priss
Drucken
Teilen
«Berufswunsch: Malerin» – doch der war für Frauen im 19.Jahrhundert kaum zu verwirklichen.

«Berufswunsch: Malerin» – doch der war für Frauen im 19.Jahrhundert kaum zu verwirklichen.

Bild: PD

Auf diese Schweizer Künstlerinnen stiess Daniel Studer, Leiter des Historischen- und Völkerkundemuseums St. Gallen, mehr zufällig, als dass er nach ihnen gesucht hätte. Sie fielen ihm auf, weil sie nicht auffielen. In den gängigen Künstlerlexika meist gänzlich fehlten, trotz ihres unübersehbaren Könnens.

Auf einer Kunstauktion entdeckte Daniel Studer ein unbekanntes Gemälde aus dem Jahr 1889, «Spaziergänger an der Seine». Er war angetan: «Das ist grossartig, wer ist das, warum kenne ich das nicht?» Die Antwort, dass die Malerin des Gemäldes eine gewisse Marie-Louise Bion aus St. Gallen sei, warf eine Kette weiterer Fragen auf. Marie wer? Aus der Ostschweiz?

Studer forschte, fragte nach und entdeckte einen nahezu blinden Fleck Schweizer Kunstgeschichte: Frauen, die im Malen ihre Berufung sahen und dafür kämpften – oft bis an ihr Lebensende und mit vergleichsweise geringem Erfolg. Die aktuelle Ausstellung des Historischen und Völkerkundemuseums St.Gallen räumt diesen Künstlerinnen, für die elf stellvertretend ausgestellt werden, den ihnen gebührenden Platz in der Schweizer Malereigeschichte des 19. Jahrhunderts bis zum Januar 2021 ein.

Die St.Galler Künstlerin Marie-Louise Bion schuf das Gemälde «Spaziergänger an der Seine» 1889.

Die St.Galler Künstlerin Marie-Louise Bion schuf das Gemälde «Spaziergänger an der Seine» 1889.

Bild: PD

Diese Sammelausstellung ist in eine Schatzkiste, nach deren Inhalt das Studer und sein Team lange vor und intensiv während des Lockdowns fast detektivisch gegraben und schliesslich zu Tage gefördert haben. Vom Original des gemalten Kruges der Zürcher Künstlerin Ottilie Roederstein über Sophie Schaeppis Pastellkreidekasten bis hin zu einer ganzen Serie der Briefverkehr zwischen den Künstlerinnen sowie bekannten Männer der Domäne, wie etwa dem Zürcher Maler Rudolf Koller.

Sophie Schaeppis Farbkasten ist in der Ausstellung im Historischen und Völkerkundemuseum St.Gallen zu sehen.

Sophie Schaeppis Farbkasten ist in der Ausstellung im Historischen und Völkerkundemuseum St.Gallen zu sehen.

Bild: PD

Weshalb Marie-Louise Bion dem Museumsleiter bis dato unbekannt war, ist bezeichnend und exemplarisch: Seit 20 Jahren wurde keines ihrer Kunstwerke in Museen ausgestellt, der Grossteil verstaubte anonym in den Estrichen der ehemaligen Auftraggebern. Analoge wie digitale Aufrufe blieben unerhört, auch die Onlinedatenbanken lieferten kaum oder keine Informationen.

«Angeborener Dilettantismus»: Frauen dürfen nicht an Akademie

Dass es sie nicht nur gab, sondern ihr Wirken den Weg denen ebnete, die folgten, lässt sich beispielhaft am Werdegang der 1852 in Winterthur geborenen Sophie Schäppi nachvollziehen. «Angeborener Dilettantismus» und «mangelnde Begabung» verwehrten ambitionierten Künstlerinnen wie ihr trotz gutbürgerlichem Elternhaus bis in die späten 1920-er Jahre national jeglichen Zugang zur akademischen Ausbildung. Allenfalls zum Zeitvertreib durften sie malen, auch dann sollten sie sich auf Porträts und Stillleben beschränken. Um dennoch «ihr Leben unter die Kunst zu stellen», wie Sophie Schäppi in einem Brief schrieb, zog es sie nach München, Berlin, Paris, wo auch immer sich ein akademisches Schlupfloch, sogenannte «Mädchenklassen», auftat.

Dem Malen alles unterzuordnen, bedeutete für alle elf Künstlerinnen, kinderlos und, bis auf die St. Galler Künstlerin Maria Geroe-Tobler, unverheiratet zu bleiben. Häufig endete das Schaffen der Pionierinnen, weil sie ein männliches Familienmitglied pflegen mussten. Sofern irgendwie möglich, lebten sie allein, versuchten, unabhängig zu sein durch Auftragsmalerei oder Ausstellungen.

Blick in die St.Galler Ausstellung: Tagebucheintrag der Winterthurer Künstlerin Sophie Schaeppi.

Blick in die St.Galler Ausstellung: Tagebucheintrag der Winterthurer Künstlerin Sophie Schaeppi.

Bild: PD

Louise Catherine Breslau gelang es um die Jahrhundertwende als einziger, zu den gefragtesten Porträtistinnen Paris zu gehören. Doch auch ihr Ruhm erlosch mit ihrem Tode nahezu gänzlich. Unermüdlich kämpfte sie bis zu diesem Zeitpunkt gegen das gesellschaftliche, patriarchalische Korsett.

Sophie Schaeppi schrieb 1902 in ihr Tagebuch:

«Meine Kunst ist mein Alles, meine Familie und meine Kinder.»

Sie spricht damit für die Künstlerinnen dieser Zeit, die Zeit einer Kunstgeschichte, die so in keinem Lehrbuch vorkommt.