«Manchmal tut es gut, aus dem Alltagsrhythmus zu fallen»: Der Trommelkünstler Heinz Lieb spielt in Rorschach

Mit seinem Projekt «Trommeltanz» verfolgt der Rorschacher Schlagzeuger Heinz Lieb eine Verschmelzung von Musik, Tanz, Skulpturen und Lichteffekten.

Roger Berhalter
Merken
Drucken
Teilen
Der Schlagzeuger Heinz Lieb an seinen «Cosmic Drums».

Der Schlagzeuger Heinz Lieb an seinen «Cosmic Drums».

Bild: Benjamin Manser (17. Januar 2019)

Die Uraufführung von «Gleichzeitig-Zeitlos» hätte eigentlich im April stattfinden sollen, musste aber aufgrund der Corona Pandemie verschoben werden. Hat sich die Aufführung dadurch verändert oder ist noch alles beim Alten?

Heinz Lieb: Mit neuer Tänzerin und einem neuen Aufführungsort mussten wir vor allem die Choreografie komplett neu aufgleisen. Anfangs war das wie ein Schock, weil einem etwas weggenommen wird, von dem man dachte, es sei beendet. Doch das vergangene halbe Jahr über habe ich gemerkt, dass es dem Projekt auch gutgetan hat. Das ist ja oft so in der Kunst oder Musik, dass Veränderungen im Leben auch in die Arbeit miteinfliessen.

Dazu gehört schon länger nicht mehr nur das Schlagzeug. Bei «Trommeltanz» lassen Sie auch Tanz, Licht und digitale Effekte einfliessen. Definieren Sie sich eigentlich noch als Musiker oder sind Sie mehr Performance-Künstler?

Diese Frage stelle ich mir manchmal auch. Jeder Musiker ist ja zum Teil auch Darsteller, der seine Botschaft rüberbringen will. Das Schlagzeug ist dabei schon einmal eine gute Ausgangslage, damit kann man praktisch alles andere übertönen. Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass ich mit Lichteffekten und Bewegungen noch weiter verdeutlichen kann, was mich beschäftigt.

Und was möchten Sie in ihrem jetzigen Projekt verdeutlichen?

In letzter Zeit beschäftigt mich immer mehr die Digitalisierung. Ich nutze solche Hilfsmittel ja auch, aber wir sollten nicht vergessen, dass sie nur als Erweiterung von uns gedacht sind. Unser menschlicher Ursprung darf sich darin nicht auflösen.

Weshalb steht die Taiko, eine japanische Röhrentrommel, oft im Zentrum ihrer Aufführungen?

Als ich die Taiko in den 1980er-Jahren entdeckte, war ich fasziniert von dieser grossen, tiefen Trommel und der Tradition, die dahintersteckte. Denn zum Spielen gehört nicht nur der eigentliche Schlag, sondern der ganze Bewegungsablauf dazu. Durch die Grösse der Trommel können wir sie in unsere Choreografie einbauen, und der Bass sendet regelrecht Vibrationen ins Publikum hinaus. Da spürt man dann, dass man noch ein atmendes, menschliches Wesen ist und kein digitaler Roboter.

Ihre Aufführungen haben Namen wie «Out of Time» oder «Zeitlos». Ich dachte, als Schlagzeuger möchte man immer «in time» sein.

Das Konzept der Zeit und die Auflösung davon finde ich sehr spannend. Wir stellen uns die Zeit oft als gerade Linie vor, dabei sind wir andauernd in verschiedenen Zeitdimensionen. Selbst wenn wir die Strasse entlangspazieren, sind wir mit den Gedanken in der Vergangenheit, mit dem Blick schon in der Zukunft, und nur unsere Füsse befinden sich in der Gegenwart. Die ganz grossen Jazzschlagzeuger konnten so spielen, dass es schien, als würden sie zu schnell oder zu langsam sein, aber eigentlich waren sie genau im Rhythmus. Manchmal tut es gut diese Irritation zu spüren und aus dem Alltagsrhythmus zu fallen.

Premiere von «Gleichzeitig-Zeitlos»: 26. September, 21 Uhr, Kleberei, Rorschach
(mit der Tänzerin Zaida Ballesteros und dem Stimmkünstler Alessandro Zuffellato).
Tickets sind hier erhältlich.

Mehr zum Thema