«Man war jung, man war verliebt, und ich spielte gut»: Peter Simonischeks glückliche Zeit in St.Gallen

Vor 50 Jahren startete ein Anfänger aus Graz am damaligen Stadttheater St.Gallen, später wurde er ein berühmter Schauspieler. Peter Simonischek – bekannt aus dem Kinofilm «Toni Erdmann» – erinnert sich.

Rolf App
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Peter Simonischek in einer frühen Rolle am damaligen Stadttheater St.Gallen, wo der Schauspieler aus Graz zwei Saisons lang arbeitete.

Peter Simonischek in einer frühen Rolle am damaligen Stadttheater St.Gallen, wo der Schauspieler aus Graz zwei Saisons lang arbeitete.

Bild: Stadtarchiv St.Gallen

Peter Simonischek ist erkältet, zwischendurch hustet der 73-Jährige Schauspieler erbärmlich. Doch als er das Stichwort «St.Gallen» hört, bekommt er ausgesprochen gute Laune. Namen fallen ihm ein, und Rollen, die er hier am damaligen Stadttheater gespielt hat. Genau 50 Jahre ist das her, aber Peter Simonischek, der seit zwei Jahrzehnten zum Ensemble des Wiener Burgtheaters gehört und dort noch immer auf der Bühne steht, erinnert sich genau.

Mit dem Vater einen Kompromiss ausgehandelt

Dabei hat alles so schwierig angefangen. Der Vater, Zahnarzt in der Nähe von Graz, will unbedingt, dass auch der Sohn diesen Beruf ergreift. Der aber will zum Theater, unbedingt. «Mit 16 habe ich bei der Eröffnung des Grazer Schauspielhauses Helmut Lohner als Hamlet erlebt», erzählt Simonischek. «Da wurde mir klar: Das will ich, und nichts anderes. Seither hat mich dieser Glaube nie mehr verlassen.» Den Vater beeindruckt das nicht, immerhin lässt er sich auf einen Kompromiss ein. Weil der Sohn auch gerne zeichnet, will er jetzt Architektur studieren.

Peter Simonischek in seiner anrührenden Hauptrolle 2016 im Kinofilm «Toni Erdmann».

Peter Simonischek in seiner anrührenden Hauptrolle 2016 im Kinofilm «Toni Erdmann».

SWR

Doch an der Schauspielschule probieren will er es trotzdem. «Ich dachte: Ich kann doch meinen Lebenstraum nicht einfach sausen lassen.» Dass er bestanden hat, erzählt Peter Simonischek seiner Familie nicht. «Zwei Jahre lang habe ich die Schauspielschule besucht, ohne dass meine Eltern davon wussten.»

Bis ihn Klaus Gmeiner fragt, ob er ans Stadttheater St.Gallen kommen will. Gmeiner hat ihn bei Studioaufführungen an der Schule gesehen und auch schon ans Schauspielhaus Graz eingeladen, jetzt wechselt er als Oberspielleiter nach St.Gallen. Nachdem er den Vertrag unterschrieben hat, muss Peter Simonischek ihm «reinen Wein einschenken» über seinen wahren Beruf. Zahnärztin geworden ist dann seine jüngere Schwester, sie hat auch die väterliche Praxis übernommen.

Zur Person

Er sei kein «Shootingstar» gewesen, sagt Peter Simonischek, der seit Juni Ehrenmitglied des Wiener Burgtheaters ist. Er hat sich als Schauspieler vielmehr Stück um Stück hochgearbeitet, zuerst mit zwei Saisons in St. Gallen, dann mit Engagements in Bern, Darmstadt und Düsseldorf. 1979 entdeckte ihn die Berliner Schaubühne. Seit 1999 gehört Simonischek dem Ensemble des Wiener Burgtheaters an und steht dort noch immer auf der Bühne.

Einem breiten Publikum ist er spätestens seit seiner anrührenden Hauptrolle im Kinofilm «Toni Erdmann» ein Begriff. Peter Simonischek ist zum zweiten Mal verheiratet und Vater dreier Söhne – unter ihnen der Theater- und Filmschauspieler Max Simonischek, zuletzt zu sehen im Kinofilm «Zwingli». (R.A.)

Peter Simonischek aber, engagiert «im Fach jugendlicher Liebhaber», wie es in der Zeitung heisst, wird in der Ferne glücklich. «Stellen Sie sich vor, neun Jahre habe ich zuvor in einem katholischen Internat verbracht – und bin nun zum ersten Mal im Leben mein eigener Herr.» Eine «schöne, glückliche, wunderbare Zeit» bricht an, sagt Peter Simonischek mit viel Wärme in seiner Stimme. Er erzählt vom Skifahren im Appenzellerland, von den Drei Weieren, von den Guetzli der Nonnen aus dem Kloster Notkersegg.

Die Theaterleute verbringen die Freizeit gemeinsam

«Man war jung, man war verliebt. Und ich hab gut gespielt.» Als Erstes den Tempelherrn in Lessings «Nathan der Weise». Dann rasch weitere kleine und grosse Rollen. Den Titus Feuerfuchs in Nestroys «Der Talisman», den Estragon in Becketts «Warten auf Godot», den Lügner Lelio in Goldonis «Der Lügner», einen der drei Götter in Brechts «Der gute Mensch von Sezuan», und so weiter.

Von Anfang an hat der junge Mann Erfolg. Er findet rasch Freunde in der Stadt. «Wir sind viel herumgefahren, im Tessin haben wir in einem verlassenen Dorf nahe der italienischen Grenze ein Haus hergerichtet.» Und er macht eine Erfahrung, die er so an keinem andern Theater gemacht hat: Dass Schauspieler, Bühnenarbeiter, Techniker ihre Freizeit zusammen verbringen.

«Ja, es war eine schöne Zeit», bestätigt Silvia Jost, die sich gut an Simonischek erinnert und heute zusammen mit ihrem Partner Andreas Berger Theaterproduktionen und Lesungen realisiert. «Wir waren jung, es waren unsere ersten Engagements, und am Theater herrschte unter dem Direktor Christoph Groszer ein sehr, sehr gutes Klima.»

Ein Schreckmoment beim Joggen im Park

Doch neu ist nicht nur Simonischeks Leben als Schauspieler. Neu ist auch das 1968 eröffnete Theatergebäude selbst mit seiner grossen Glasfassade zum Stadtpark hin. Durch sie sieht er beim Joggen auch, wie die Tücher zu einem in der Öffentlichkeit hoch umstrittenen Kunstwerk des Spaniers Antoni Tàpies vorbereitet werden. Als er das grobe Seil und die eingerissenen Ränder erblickt, glaubt er Vandalen am Werk und eilt in die Direktion, «wo man mich nur schräg angeschaut hat. Ich hatte keine Ahnung von moderner Kunst.»

Um Abhilfe zu schaffen, reist der junge Mann nach Zürich, um sich noch mehr anzuschauen von diesem Künstler, dessen rote Tücher noch immer das Theaterfoyer prägen. Trotz aller Proteste und einer hitzigen Debatte im Gemeinderat, «was sehr für St.Gallen spricht».

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