Lyrik und Politik
«Parlamentspoeten? Was für eine absurde Idee...»: Der Thurgauer Lyriker Jochen Kelter hält wenig von Kulturförderkitsch

In seinen Gedichten und Essays bezieht der in Ermatingen lebende Lyriker Jochen Kelter stets politisch Stellung. Doch würde er nicht gern im Dienst des Parlamentes dichten – oder ein Gedicht zur Vereidigung des Bundesrates vortragen. Auftritte wie jenen der Lyrikerin Armanda Gorman in den USA empfindet er als «akklamativen Quatsch».

Bettina Kugler
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«Nicht jeder Kulturschaffende ist ein Künstler», findet Jochen Kelter. Auch mit neuen Konzepten in der Kulturförderung hat er Mühe.

«Nicht jeder Kulturschaffende ist ein Künstler», findet Jochen Kelter. Auch mit neuen Konzepten in der Kulturförderung hat er Mühe.

Bild: Donato Caspari

Selbst auf Kulturseiten fristet Lyrik oft ein Mauerblümchendasein – als Stoff für Eingeweihte, Sprachverliebte, vielleicht ein wenig weltfremde Schöngeister. Seit einer Weile ist sie plötzlich wieder da, in aller Munde, und nicht einmal nur im Feuilleton, sondern sogar auf den Seiten Politik und Ausland: Zunächst in Gestalt einer selbstbewussten jungen Dichterin im leuchtend gelben Kleid, Amanda Gorman, die an der Inaugurationsfeier von US-Präsident Joe Biden im Januar 2021 ihren grossen Auftritt hatte mit dem Gedicht «The Hill We Climb».

Dann nach dem Regierungswechsel in Deutschland Ende 2021, als kulturpolitisch ein frischer Wind im neu gewählten Bundestag wehte und in Berlin die Idee aufkam, das Ringen um Gesetze und politische Entscheide künstlerisch begleiten, lyrisch «kommentieren» zu lassen: durch regelmässig wechselnde «Parlamentspoeten».

Gründliche Feinarbeit statt Kulturförderungskitsch

Mit eigenen Gedichten ist Jochen Kelter nicht schnell zufrieden, er feilt lange daran. Deutschsprachige Autoren liest er kaum noch, lieber internationale Grössen wie Colson Whitehead oder Abdulrazak Gurnah.

Mit eigenen Gedichten ist Jochen Kelter nicht schnell zufrieden, er feilt lange daran. Deutschsprachige Autoren liest er kaum noch, lieber internationale Grössen wie Colson Whitehead oder Abdulrazak Gurnah.

Bild: Donato Caspari

Jochen Kelter, 1946 in Köln geborener und seit 50 Jahren in der Schweiz lebender Lyriker, kann darüber nur den Kopf schütteln, gerade weil er ein politischer Mensch ist; einer, der Stellung bezieht, in Gedichten wie in Essays. Einer, der nie ein Blatt vor den Mund genommen hat. Weswegen er seiner Heimat Deutschland auch den Rücken kehrte: Kelter verlor 1972 als bekennender Linker seine Stelle an der Universität Konstanz – eine Folge des so genannten «Radikalenerlasses» in Baden-Württemberg, der Mitglieder radikaler Parteien vom Staatsdienst ausschloss.

«Furchtbar» findet er den Vorschlag, Parlamentspoeten zu berufen; «darauf kann nur eine Claudia Roth oder Katrin Göring-Eckardt kommen.» Gut gemeint sei das vielleicht, für Jochen Kelter aber ist es reiner Kulturförderungskitsch, ein Zeichen von Ahnungslosigkeit in künstlerischen Fragen.

Ähnlich wie die neue Praxis der Thurgauer Kulturstiftung, einen «Ideenwettbewerb» auszuschreiben und das Publikum entscheiden zu lassen. «Das ist eine Scheindemokratisierung unter dem wohlklingenden Begriff der Partizipation. Letztendlich hat man 100 000 Franken ausgelobt für ein Projekt, das die Vernetzung von Künstlern ermöglichen soll. Dies aber wäre eine Aufgabe der Kulturstiftung selbst.» Kelter hat in früheren Jahrzehnten die kulturelle Aufbruchstimmung im Thurgau mitgestalten können, etwa die Gründung des Literaturhauses in Gottlieben und jene der Frauenfelder Lyriktage.

Lyrik braucht viel Zeit und sprachliche Feinarbeit

In seinen aktiven Jahren als Stiftungsrat, als Übersetzer, Dozent und als Sekretär der Gruppe Olten musste er sich die Zeit zum Schreiben stets mühsam anderen Verpflichtungen abtrotzen, denn Lyrik braucht Zeit.

«Viele denken ja, das sei etwas, das man auch abends noch kurz zu Papier bringen könne. Aber ich arbeite an einem Gedicht oft drei bis vier Wochen, bis wirklich alles für mich stimmt. Ich traue keinem Wort, keiner Zeile ohne diese Feinarbeit.»
Jochen Kelter: Im Grauschlaf stürzt Emil Zátopek. Gedichte. Caracol 2021, 114 S., Fr.20.–

Jochen Kelter: Im Grauschlaf stürzt Emil Zátopek. Gedichte. Caracol 2021, 114 S., Fr.20.–

Bild: Verlag

Zuletzt erschien der Band «Im Grauschlaf stürzt Emil Zátopek» im noch jungen Thurgauer Caracol-Verlag. Neben altersmilden, auch melancholischen Gedichten, die von Jochen Kelters gründlicher Sprachreflexion zeugen, sind darin auch viele angriffige, dezidiert politische Texte – wie in allen seinen Büchern. Geschichtsbewusstsein ergänzt dabei das Politische, so auch in einem Gedicht, das Kelter nach dem Angriff russischer Truppen auf die Ukraine geschrieben hat:

Am Transistorradio

Frühmorgens am Strand
in der Normandie hörten wir
durch Zufall am Transistorradio
das wir im Segelboot mitgebracht
hatten dass sie Sowjets einmarschierten
und den Prager Frühling erschossen
und zertrampelten kein Sozialismus
mit menschlichem Gesicht mehr
in Venedig hatten wir es im Radio
erfahren und gingen hinüber nach Mestre
wo der PCI zu einer Kundgebung gegen
den Sturz der Regierung Allende durch
die CIA aufgerufen hatte am Fernsehen
verfolgten wir wie die letzten Amerikaner
per Helikopter vom Dach ihrer Botschaft
aus Saigon flüchteten nun erfahren wir
per iPhone wie die Russen das mindere
Brudervolk der Ukrainer niederwalzen
vor allem sollten wir das alte Radio
aufbewahren wir werden es
mit Sicherheit wieder brauchen

Doch keines seiner Gedichte würde er gern im Auftrag eines Parlamentes verfassen oder an einer politischen Feierlichkeit vortragen. Was wohl auch in der Schweiz nicht denkbar wäre: Für «akklamativen Quatsch» sei die Schweiz zu nüchtern. Anders die USA. Und alle, die von der jungen Lyrikerin Amanda Gorman im gelben Kleid begeistert waren.