Lyrik
Sommerglück und Winterlieder in drei Zeilen: Die Buchser Lyrikerin Elsbeth Maag hat im Coronafrühling reife Kleinstgedichte geschrieben

In Elsbeth Maags Terzetten üben Pappeln das Fliegen, die Steine wandern und lassen die Spaziergängerin nicht aus den Augen. Den Lockdown hat die im St.Galler Rheintal verwurzelte Lyrikerin als intensive Schreibzeit erlebt – im Austausch mit ihrem Freund und Übersetzer Valentin Vincenz. Entstanden sind 69 Dreizeiler, deutsch und in Versiun romontscha.

Bettina Kugler
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Mit wachen Sinnen bewegt sie sich in der Natur, nimmt die Stimmungen und Bilder in ihren Gedichten poetisch präzise auf: Die Lyrikerin Elsbeth Maag, hier in ihrem Zuhause in Buchs.

Mit wachen Sinnen bewegt sie sich in der Natur, nimmt die Stimmungen und Bilder in ihren Gedichten poetisch präzise auf: Die Lyrikerin Elsbeth Maag, hier in ihrem Zuhause in Buchs.


Bild: Benjamin Manser

Wenige Silben genügen. Lakonisch wie in japanischen Haikus weist die sinnlich betrachtete Natur über sich hinaus: Aus fünf bis höchstens zwölf Wörtern, hingetupft in drei schlanken Zeilen, vermag die Rheintaler Lyrikerin Elsbeth Maag jeweils eine Welt zu schaffen. Da spielen Luft und Wolken vor einem bangen Sonnenball. Altgras lehnt sich an ufernahe Steine, der Farn tanzt im Wind, und Margeriten, diese geselligen Blumen, plaudern sommerselig. Vorausgesetzt, die Sinne sind so wach und auf Empfang gestellt wie in den lyrischen Gesprächen, die Elsbeth Maag in ihrem neuen Gedichtband «Terzette» festhält.

Elsbeth Maags neuer Gedichtband «Terzette».

Elsbeth Maags neuer Gedichtband «Terzette».

Bild: bk.

«Mit kleinen Lockrufen / durch den Wald gelaufen / alle Antworten notiert»: Das tönt leicht und beschwingt, ist aber nur die halbe Wahrheit. Sicher, die Dichterin ist gerne draussen, oft sportlich unterwegs, mit Bike und Rennrad. Die Landschaft ihres Nahbereichs, Buchs, Werdenberg, den Rhein flussab- und aufwärts, hat sie schon in früheren Büchern wie «Pappeln rennen durchs Tal» oder «Unter der Steinhaut» mit poetischer Präzision zum Sprechen gebracht. Genauer: zum Flüstern, Zittern, Singen, Tanzen. Noch knapper, noch konzentrierter nimmt sie vertraute Motive und Bilder in den Terzetten wieder auf.

Intensive Schreibzeit in der Stille des Lockdowns

Die Leichtigkeit zieht sich als Grundton durch die Sammlung von 69 Dreizeilern, die im Coronajahr, im Frühling und Sommer 2020 zwanglos entstanden sind. Für Elsbeth Maag wurde der Lockdown überraschend zur intensiven, fruchtbaren Schreibzeit. Erst waren es nur ein paar, doch die Terzette wurden ihr lieb als Form. Sie fügte jeweils ein Gedicht, noch ohne Hintergedanken, den Mails an, die sie ihrem Nachbarn und Freund Valentin Vincenz während der Zeit der empfohlenen Isolation schrieb.

Vincenz, pensionierter Kantonsschullehrer und aufgewachsen in der romanischen Surselva, begann, die lyrischen Miniaturen ins Idiom seiner Heimat zu übersetzen. Und er verlangte nach mehr, regte die Veröffentlichung an, liess nicht locker.

So wurde eine Serie daraus und ein handlich schöner Band, klein wie ein Stundenbuch: ein Brevier in Taschenformat. Tatsächlich haben die Gedichte etwas andächtig Kontemplatives. Sie finden Tröstliches und sanft Erhabenes draussen in Wald und Feld, sommers wie winters. Doch sie sprühen auch von Dynamik, sind musikalisch komponiert, nie jedoch Wortgeklingel. Der Austausch mit Valentin Vincenz war lebhaft und bereichernd; seine Suche nach wörtlichen und klangvollen Entsprechungen hat die Lyrikerin zu noch mehr Tiefe und Genauigkeit der Sprache gereizt.

Jedes Terzett schrieb Elsbeth Maag zweisprachig auf ein postkartengrosses Blatt Büttenpapier, ihren eigenen Text schwarz, die «Versiun romontscha» von Valentin Vincenz braunrot.

Jedes Terzett schrieb Elsbeth Maag zweisprachig auf ein postkartengrosses Blatt Büttenpapier, ihren eigenen Text schwarz, die «Versiun romontscha» von Valentin Vincenz braunrot.

Bild: PD

Die unmittelbare Anschauung und Naturerfahrung braucht Elsbeth Maag nicht im Moment des Schreibens. Sie trägt diese Bilder in sich; manchmal hört sie «das dunkelgrüne Lied der Tannen», raunend in einer kalten Winternacht, mitten im Sommer, wenn Mohn und Malven in den Gärten ihr Farbenfest feiern. So folgt man ihr leichtfüssig bewegt durch vielfältige jahreszeitliche Stimmungen, man schaut, staunt, wandert – und lässt sich von Steinen beäugen, von Bäumen zuwinken.

Jedes Terzett schrieb Elsbeth Maag zweisprachig auf ein postkartengrosses Blatt Büttenpapier, ihren eigenen Text schwarz, die «Versiun romontscha» von Valentin Vincenz braunrot. Im gedruckten Büchlein, dessen Titelblatt der befreundete Altstättener Maler Josef Ebnöther gestaltet hat, ist jeweils die linke Seite büttenweiss geblieben. So können die Pappeln im Kopf der Leserin weiter das Fliegen üben, die Steine erzählen, und der Regen schreibt seine weichen Sätze leise fort.

Elsbeth Maag: Terzette. Versiun romontscha von Valentin Vincenz. Sarganserländer Druck AG, ISBN 978-3-907926-82-6. Erhältlich im Buchhandel und über die Autorin und den Übersetzer: e.maag@rsnweb.ch, vvincenz@bluewin.ch