Live-Musik, Tanz und Artistik: Das Zirkustheater Cirque de Loin zeigt vor der Lokremise St.Gallen ein Spektakel unter freiem Himmel

Zu ihrem zehnjährigen Bestehen bringt die Theaterkompagnie Cirque de Loin in St.Gallen ein neues Stück auf die Freiluftbühne. «Seelig» ist eine hinreissende, lebensfrohe, lustvolle Show. Die Kompagnie um Michael Finger beweist damit auch, dass in und vor der Lokremise noch viel mehr möglich wäre.

Roger Berhalter
Drucken
Teilen
Eine schrecklich nette Zirkusfamilie: Mitglieder des Ensembles Cirque de Loin um Michael Finger (am Mikrofon).

Eine schrecklich nette Zirkusfamilie: Mitglieder des Ensembles Cirque de Loin um Michael Finger (am Mikrofon).

Bild: PD/Lucia Gerhardt

Um 19.30 Uhr beginnt das Stück gemäss Programm. Doch die Inszenierung draussen vor der Lokremise startet schon beim Betreten der Terrasse. «Konichiwa!», begrüsst der geschminkte Chef de Service die Besucher und geleitet sie zu den Tischen. Ein Schauspieler des Cirque de Loin? Nein, der Mann gehört nicht zum Theaterensemble, sondern zum Gastro-Team.

Einzug mit Getöse: Zu Beginn des Stücks führt Martina Momo Kunz (mit dem Megafon) die Musiker und Artistinnen vom Kiesplatz zur Terrasse der Lokremise.

Einzug mit Getöse: Zu Beginn des Stücks führt Martina Momo Kunz (mit dem Megafon) die Musiker und Artistinnen vom Kiesplatz zur Terrasse der Lokremise.

Bild: PD/Lucia Gerhardt

So ist das an der Premiere von «Seelig» am Donnerstagabend: Die Rondelle der Lokremise wird zur Bühne, alles wird Teil der Inszenierung, die Ebenen vermischen sich. Das Servicepersonal legt plötzlich einen Tanz hin, ein Kellner macht den Rückwärtssalto, während die Hula-Tänzerin das Tiramisu serviert. Essen und Theater gehören an diesem Abend zusammen.

Die widerborstig-wilde Zirkustruppe stellt aber jederzeit sicher, dass die Harmonie nicht überhand nimmt. «Bleibt anständig», ermahnt Cirque-de-Loin-Chef Michael Finger die Gäste und stichelt gegen den kürzlich wegen eines Lauschangriffs verurteilten PSG-Geschäftsführer, der das Lokremise-Restaurant derzeit noch betreibt:

«Klebt eure Kaugummis nicht unter den Tisch – und auch keine Aufnahmegeräte.»

Als «Dinner-Spektakel» betitelt der Cirque de Loin treffend seine elfte Produktion zum zehnjährigen Bestehen des Ensembles. Zum einen wird den rund 90 Gästen auf der Rondelle – mehr dürfen es wegen Corona nicht sein – im Lauf des Abends ein Viergänger serviert. Zum anderen und vor allem ist «Seelig» Spektakel mit viel Live-Musik, Tanz und Artistik, Schauspiel und Jonglage, einigen Filmeinlagen und einer Prise Slapstick.

Sogar das Dach der Lokremise wird zur Bühne.

Sogar das Dach der Lokremise wird zur Bühne.

Bild: PD/Lucia Gerhardt

Es ist eine hinreissende, lebensfrohe, lustvolle Show. Die Nummern folgen Schlag auf Schlag. Während man beispielsweise noch staunend den Kunststücken der Artistin Margo Darbois am Vertikaltuch folgt, postieren sich auf der anderen Seite der Rondelle schon die Schauspieler für die nächste Szene. Oder auf ein paar gestelzt rezitierte Sätze von Hermann Hesse folgt nahtlos ein saloppes Lied übers Spaghettikochen, interpretiert mit Salsatanz.

Margo Darbois zeigt Kunststücke am Vertikaltuch.

Margo Darbois zeigt Kunststücke am Vertikaltuch.

Bild: PD/Lucia Gerhardt

In diesem wilden Haufen geht der Rote Faden zwischendurch verloren, und nicht alle Übergänge fliessen. Das liegt aber auch an der Improvisationsfreude des Ensembles, die zum Konzept gehört. Kein Abend mit dem Cirque de Loin soll exakt gleich verlaufen.

Das Open-Air-Spektakel feiert nicht nur das Zehn-Jahre-Jubiläum des Cirque de Loin, sondern ist auch der Auftakt zur Jubiläumsfeier der Lokremise, die ebenfalls zehn Jahre alt wird. Erst jetzt, nach zehn Jahren, wird die Rondelle zum ersten Mal mit einer Freilichtproduktion bespielt. Bis jetzt diente die Terrasse vor allem als Gartenbeiz, im Sommer allenfalls noch als Open-Air-Kino.

Michael Fingers schweizerdeutsche Lieder führen durch den Abend.

Michael Fingers schweizerdeutsche Lieder führen durch den Abend.

Bild: PD/Lucia Gerhardt

Als Rahmenhandlung dient ein Familienfest, durch das Michael Finger und Martina Momo Kunz als Geschwisterpaar führen. Im Laufe des Abends lassen sie die mehr oder weniger derangierten Familienmitglieder Revue passieren und geben auch Einblicke in ihre eigene Zirkusfamilie, den Cirque de Loin. Ein Zusammenschnitt auf der Grossleinwand zeigt eindrücklich und im Zeitraffer, was das Ensemble in den vergangenen zehn Jahren schon alles auf die Bühne gebracht hat.

Auf der kleinen Nebenbühne zwischen den Tischen steht ein Klavier.

Auf der kleinen Nebenbühne zwischen den Tischen steht ein Klavier.

Bild: PD/Lucia Gerhardt

«Seelig» ist dabei gesitteter als andere Produktionen des Cirque de Loin. Kein Geschrei und keine nackten Körper, so wie etwa im Stück «Soror», welches die Kompagnie im vergangenen Jahr auf der St.Galler Kreuzbleiche aufführte. Da wäre vielen wohl der Appetit auf das Rindsentrecôte an Barolojus vergangen, das es als Hauptgang gibt.

Rituale werden unterwandert

Die Aufführung endet nicht traditionell mit dem finalen Applaus, sondern unterwandert die bekannten Theaterrituale. Statt eines abrupten Endes blendet «Seelig» aus. Die Schauspieler, Tänzerinnen und Artisten bleiben nach der letzten Nummer auf der Rondelle, statt hinter dem Vorhang zu verschwinden. Der Pianist spielt zwischen den Tischen noch ein Stück auf dem Klavier, die Inszenierung geht weiter.

Auch Jonglage ist im Stück «Seelig» zu sehen.

Auch Jonglage ist im Stück «Seelig» zu sehen.

Bild: PD/Lucia Gerhardt

Man verlässt die Rondelle mit der Erkenntnis, dass an diesem Ort noch so viel mehr möglich wäre, als in den vergangenen zehn Jahren möglich gemacht wurde. Und mit der Hoffnung, dass es nicht wieder zehn Jahre dauern wird bis zum nächsten Open-Air-Theater vor der Lokremise.

Weitere Vorstellungen am 15./16./19./20./22. August, 19.30 Uhr
(nur bei trockenem Wetter; bei Regen wird ein Ersatzdatum bekannt gegeben);
Infos zur Durchführung und Tickets gibt es hier.

Das Album «Seelig (die Armen im Geiste)» von Michael Finger mit den Liedern zur Show ist hier erhältlich.