Literatur
«Ich verschwinde gern – und tauche dann wieder auf»: Warum es um den Toggenburger Schriftsteller Peter Weber lange Zeit ruhig war

Seinen letzten Roman brachte Peter Weber im Jahr 2007 heraus. Danach wurde es still um den Schriftsteller aus Wattwil. Am kommenden Mittwoch liest er im Botanischen Garten St.Gallen seinen Text «Pilzbox», der letztes Jahr in der Anthologie «Dunkelkammern» erschienen ist.

Rolf App
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Seine Maultrommel hat Peter Weber auch bei seiner Lesung am kommenden Mittwoch im Botanischen Garten St.Gallen dabei.

Seine Maultrommel hat Peter Weber auch bei seiner Lesung am kommenden Mittwoch im Botanischen Garten St.Gallen dabei.

Bild: Ralph Ribi

Am Ende des Gesprächs will der Schriftsteller Peter Weber etwas loswerden. «Ich verschwinde gern – und tauche dann wieder auf. Das ist zu meinem Prinzip geworden.» Schreiben braucht Konzentration, braucht Stille, vor allem, wenn einer so arbeitet wie er. Dann aber taucht Peter Weber wieder auf. Wie am kommenden Mittwoch im St.Galler Botanischen Garten mit seiner «Pilzbox».

Der Text, im vergangenen Jahr in der Anthologie «Dunkelkammern» bei Suhrkamp erschienen, erzählt vom Pilzesuchen und Pilzezüchten, und wirft dann ein Netz von Bezügen aus. Auch zu seinem freischaffenden Schöpfer, «hausend auf einer Moräne», euphorisch frühmorgens, heimgesucht von Zweifeln am Nachmittag. «Lass manches in guten Schubladen», rät er sich selber, «lass es vergessen gehen, es könnte wieder auftauchen in einer anderen Schublade». Da ist es wieder, das Verschwinden und das Auftauchen.

Und woran arbeitet er gerade?

Und da ist wieder die alte Frage an Peter Weber: Ob er denn an etwas arbeite, an etwas Grösserem gar? Sie ist dem heute 53-Jährigen oft gestellt worden. Nach dem fulminanten Erstling «Der Wettermacher» (1993), nach «Silber und Salbader» (1999), nach «Bahnhofsprosa» (2002), nach «Die melodielosen Jahre» (2007). «Ja, ja», beantwortet er die Frage, «aber langsam, stetig. Es sind sogar mehrere Sachen, 2022 und 2023 werden sie erscheinen.» Er habe immer lange gebraucht für seine Bücher, es müssten lange Linien entstehen und Dinge sich verbinden können, erklärt er auf seine freundlich-umständliche Weise.

Wenn man ihn so reden hört, kann man sich ihn gut vorstellen. Wie er dasitzt an seiner mechanischen Schreibmaschine, fleissig Entwurf auf Entwurf häuft und auf den Bildschirm überträgt. Zwischendurch mit diesen Fassungen im Zug sitzt, gern auf einer seiner beiden Lieblingsstrecken Zürich–Wattwil oder Zürich–Frankfurt. Zweifelnd, verbessernd, bis zur letzten Minute.

«Abgabetermine bewirken immer Beschleunigungen, Texte müssen in Fahrt kommen.»

Peter Weber kann deshalb die Frage auch nicht so genau beantworten, wie er zum Schreiben gekommen ist. Wie alles angefangen hat. «Peter Bichsel würde sagen, man fängt sowieso jeden Tag neu an», zweifelt er zunächst an der Frage. Kommt aber dann zum Schluss, dass das eigentliche Schreiben mit dem Umschreiben und Neuschreiben begonnen hat. «Bis zu diesem Punkt waren es nur Versuche.»

Nebelmeere und Pilze pflücken

Immer wieder entweichen Peter Webers Moräne Texte, die er dem Schreibenden in den Tagen vor dem Gespräch, unterwegs vom corona- und bahnstreikgeplagten Deutschland an den Lago Maggiore, nach und nach zuschickt. Eine vielstimmige Hommage an die Eisenbahn, aus der man auch erfährt, woher der Espresso kommt.

Ein Text mit dem Titel «Wettingen», der vom Fotografen, Künstler, Sammler Andreas Züst handelt, um dessen Nachlass Peter Weber sich sehr verdient gemacht hat. Und auf dessen faszinierende Aufnahmen fluoreszierender Nebelmeere er besonders hinweist.

Durch Züsts Nebelmeere schimmern die Lichter der Städte und Dörfer geheimnisvoll hindurch. Auch was wir als Pilze pflücken, wächst auf einem weit verzweigten verborgenen Geflecht, dem Myzel. Beim Pilzesuchen ist Peter Weber glücklich. Und beim Schreiben, natürlich. «Die Zeit ist dann wie aufgehoben.»

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