LITERATUR
Gewartet, gestritten, geweint: Die Frauenfelderin Patricia Büttiker legt ihren Débutroman vor – eine eindringliche Beziehungsstudie

Erzählt wird von einer Nacht, in welcher zwei Halbschwestern am Sterbebett der Mutter wachen. Die Autorin spielt gekonnt mit leisen Tönen, mit Andeutungen und Details der schwierigen Annäherung der Schwestern. Ob sie gelingt, bleibt offen.

Dieter Langhart
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«Ich muss in der Sprache sein – sie ist mir wie eine Behausung», sagt die Autorin Patricia Büttiker.

«Ich muss in der Sprache sein – sie ist mir wie eine Behausung», sagt die Autorin Patricia Büttiker.

Bild: Ayse Yavas

«Leise öffnete sich die Tür. Gloria kam herein.» So beginnt Patricia Büttikers leiser erster Roman. «Nacht ohne Ufer» ist die eindringliche Geschichte zweier Halbschwestern, die sich nach Jahren wieder häufiger sehen, nachdem ihre Mutter krank geworden ist. Erzählte Zeit ist eine einzige Nacht, als sie am Sterbebett sitzen und daran scheitern, eine tragende Nähe zu finden.

Was Esther stört, ist nicht der Zigarettengeruch, den Gloria nach jeder ihrer Rauchpausen verströmt – was Esther als Kind verstört hatte, war, als Mutter aus dem Haus ging, «in der einen Hand einen Koffer, an der anderen Hand Gloria», und die Siebenjährige und ihren Vater zurückliess. Damals wie heute war Mutters Gesicht reglos. «Sie habe der Jüngeren alles weggesoffen, rief die Mutter ihr hinterher», heisst es einmal, und die Wohnungsreinigung nach Mutters und Glorias Wegzug glich einer Teufelsaustreibung.

Ob sich die Schwestern nach dieser Nacht näherkommen werden, bleibt offen

Patricia Büttiker erzählt diese eine Nacht im Spital in fast filmischen Episoden, die sich wie Fetzen langsam zu einem Bild zusammensetzen: Einem Bild, das Aussparungen aufweist, fragmentarisch bleibt, der Leserin genügend Vorstellungsraum lässt. Hauptfigur ist Esther, die ältere der Schwestern; nur von ihrem Erinnern wird zudem in Rückblenden erzählt. Esther fühlt sich von Mutter benachteiligt, zieht sich zurück, hat Kolleginnen statt Freundinnen, widmet sich der einsamen Malerei, sagt einmal zur Schwester: «Mutter hat dich mir lange vorenthalten.» Esther hatte einmal alle Fotos im Album zerrissen, auf denen die ebenso abwesende wie abweisende Mutter abgebildet war.

Patricia Büttiker zeichnet die Schwestern in Gegensätzen: Wenn Gloria gestresst ist, geht sie nach unten und raucht, Esther wäscht sich zwanghaft die Hände; Gloria blättert in der Glückspost, Esther in einem Buch von Beuys; Esther blendet zurück, Gloria scheint zufrieden im Moment. Doch beide Schwestern können nicht wirklich aus sich heraus reden, dazu sind sie einander zu fremd.

Die Erzählerin spielt gekonnt mit leisen Tönen, mit Andeutungen und Details der schwierigen Annäherung der Schwestern, zwischen denen Ungleichbehandlung, Verletzungen, Anfeindungen stehen.

Und just als Esther ihre Schwester einmal zur Rauchpause nach unten begleitet, stirbt die Mutter. Ein letzter harscher, verzweifelter Austausch führt zu einer versöhnlichen Geste – doch die Erzählerin lässt offen, ob sich die beiden Schwestern wirklich näherkommen werden nach dieser Nacht.

Arbeit am zweiten Roman

Patricia Büttiker ist in Frauenfeld aufgewachsen. Nach einer Lehre als Typografin beim Verlagshaus Huber belegte sie an der Zürcher Schule für Gestaltung (heute ZHdK) den Vorkurs, zog nach Zürich, liess sich zur Zeichenlehrerin ausbilden, wollte jedoch primär für sich arbeiten. Sie ist seither als Künstlerin und als Autorin tätig. «Ich habe zeitlebens geschrieben, hab auch manchmal in meine Bilder hineingeschrieben», sagt sie im Gespräch.

«Ich muss in der Sprache sein – sie ist mir wie eine Behausung.»
Patricia Büttiker: Nacht ohne Ufer. Edition Bücherlese, 128 S., Fr. 27.–

Patricia Büttiker: Nacht ohne Ufer. Edition Bücherlese, 128 S., Fr. 27.–

Bild: PD

Sie nennt Frauenfeld eine «Stadt voller Geschichten», besucht da ihren Vater. «Erinnerungen müssen transformiert werden.» Vor zehn Jahren begann sie an «Nacht ohne Ufer» zu schreiben. «Es war ein langer, schöner Prozess, jetzt habe ich die geeignete Form gefunden.» Büttiker vergleicht das Schreiben mit Architektur, mit Bauen nach einem Plan: Stoff strukturieren, Abläufe abstimmen, Anschlüsse für die Orientierung finden.

Einige kürzere Texte hat die 52-Jährige in Zeitschriften veröffentlicht, derzeit arbeitet sie an ihrem zweiten Roman, der in Holland spielt. «Ich will schreiben», sagt sie mit einem Ausrufezeichen. Daneben reiche es für eine 50-Prozent-Stelle, für ausgiebiges Spazieren und Lesen, für eine feste Beziehung.