Literatur
Ein Forum im Schweizer Exil: Am Samstag gastierte das «Literarische Forum Oberschwaben» in St.Gallen

Das «Literarische Forum Oberschwaben» lädt jedes Jahr Schreibende aus der Bodenseeregion ein, aus ihren noch unveröffentlichten Texten zu lesen und sich im Anschluss der Kritik einer Jury zu stellen. Zum ersten Mal traf sich das traditionelle Forum in St.Gallen.

Karsten Redmann
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Das traditionelle Forum traf sich im Festsaal Katharinen.

Das traditionelle Forum traf sich im Festsaal Katharinen.

Bild: Michel Canonica

Samstagnachmittag, kurz nach eins. Im Festsaal Katharinen steht man in kleinen Gruppen beieinander, redet, diskutiert. Die Stimmung ist gelöst. Mehr als ein Dutzend Literaturbegeisterte sind der Einladung Oswald Burgers, Leiter des Literarischen Forums, gefolgt. Einige der Gäste kennen sich von früheren Treffen. «Ich verwalte etwa 400 Adressen», sagt Burger, «lade jedes Jahr aufs Neue ein. Aber es muss auch überschaubar bleiben, sonst fehlt die Konzentration.»

Anya Schutzbach, Leiterin Literaturhaus Wyborada.

Anya Schutzbach, Leiterin Literaturhaus Wyborada.

Bild: Ralph Ribi

Es ist das erste Mal, dass sich das traditionelle Forum in St.Gallen trifft. Möglich gemacht hat dies Anya Schutzbach, die seit einem Jahr das Literaturhaus Wyborada leitet. «Coronabedingt wollten wir der Veranstaltung schon letztes Jahr Exil gewähren, aber dann mussten wir selbst umdisponieren. Schön, dass es jetzt stattfinden kann.»

Nach der Lesung folgt die Besprechung

Das Konzept ist dabei jedes Jahr gleich: Das Forum lädt Schreibende aus der Bodenseeregion ein, aus ihren noch in Arbeit befindlichen Texten zu lesen und sich im Anschluss der Kritik einer Jury zu stellen. Die Jurymitglieder wechseln dabei von Jahr zu Jahr. Aktuell sind es Eva Bachmann, Zsuzsanna Gahse und Franz Hoben.

Oswald Burger, Leiter des Literarischen Forums Oberschwaben.

Oswald Burger, Leiter des Literarischen Forums Oberschwaben.

Michel Canonica

Fünf Stunden sind für die Lesungen und Besprechungen eingeplant. Bereits zu Beginn gibt es leichte Verzögerungen im Ablaufplan. Doch man geht es langsam an, will sich einlassen, nichts überstürzen. «Die Textarbeit steht im Vordergrund», meint Burger. «Wir wollen mit Fingerspitzengefühl vorgehen. Das hat mit Respekt zu tun.» Auf die Frage, in welcher Reihenfolge gelesen wird, schmunzelt er. «Wir machen das nach Alphabet. Beginnen mit B wie Betz; dann folgen Ruth Erat, Joachim Off, Uwe Schneider und zuletzt die Slam-Poetin Anna Teufel.»

Mechthild Betz trägt einen poetischen Text vor, rhythmisiert ihn, liest souverän. «Wenn niemand, niemals, über nichts spricht» – klingt eine Satzgirlande an. Manche Zuhörer haben die Augen geschlossen. Ruth Erat macht sich Notizen. Die dreiköpfige Jury kennt den Text bereits. Sie hat ihn schliesslich ausgewählt. Nach der Lesung folgt die Besprechung. Viel Wohlwollen ist dabei. Nach der Jurydiskussion ergreift Schutzbach das Wort: «Ein mutiger Text», meint sie. «Und eine anspruchsvolle Eröffnung zugleich.»

Als der Bodensee mit Eis bedeckt war

Als Zweite präsentiert Ruth Erat ihren Textauszug mit dem Titel «Wintersee». In Lederjacke und Schal sitzt sie vor ihrem Manuskript, die Hände auf dem Tisch. Sie liest ruhig, konzentriert. Die Erzählung handelt von einer älteren Frau, die von einer Kindheitserinnerung berichtet. Die Geschichte reicht bis ins Jahr 1962 zurück, der Bodensee ist damals mit einer festen Eisschicht bedeckt.

Die Arboner Autorin Ruth Erat liest aus ihrem Text «Wintersee».

Die Arboner Autorin Ruth Erat liest aus ihrem Text «Wintersee».

Bild: Michel Canonica

Kunstvoll verwebt Erat unterschiedliche Textfragmente zu einem grossen Ganzen, bedient sich bei Johann Wolfgang von Goethe, aber auch bei Gustav Schwab. Traum- und Realsituationen wechseln sich ab. Eva Bachmann attestiert dem Text Rätselhaftigkeit und Spannung. Auch Franz Hoben findet lobende Worte: «Ein ganz wunderbarer Text. Mit lyrischen und epischen Elementen.»

Minuten später endet die Diskussion. Erat scheint zufrieden. Auf ihr Lächeln folgt eine Kaffeepause. Erneut steht man in Gruppen zusammen, lässt das Gehörte Revue passieren, setzt sich vertieft auseinander. Bis 18 Uhr gibt es noch einiges an Texten zu besprechen. Man ist guter Dinge. «Literatur braucht eben Zeit», sagt Burger. Wie recht er damit hat.

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