LITERATUR
Auf einen Kaffee mit der St.Galler Shared-Reading-Leiterin Judith Meier: «Gemeinsam lesen ist für mich wie gemeinsam verreisen»

Judith Meier bietet die etwas andere Lesegruppe «Shared Reading» seit April in der Hauptpost Bibliothek in St.Gallen an. Alle drei Wochen lesen dabei Fremde gemeinsam eine ihnen unbekannte Geschichte.

Viola Priss
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Judith Meier im Café St.Gall in der Bibliothek Hauptpost. Vielleicht wird hier das erste physische Shared-Reading-Treffen im Sommer stattfinden.

Judith Meier im Café St.Gall in der Bibliothek Hauptpost. Vielleicht wird hier das erste physische Shared-Reading-Treffen im Sommer stattfinden.

Bild: Tobias Garcia

Mit einem Stapel Bücher in der einen, dem Kaffee im Thermobecher in der anderen Hand betritt Judith Meier das derzeit geschlossene Café St.Gall der Bibliothek Hauptpost St.Gallen. Im Lesesessel wird aus der Bibliothekarin die «Shared-Reading-Facilitator», die Leiterin des gemeinsamen Lesens. Seitdem sie im Sommer die Ausbildung bei der deutschsprachigen Shared-Reading-Organisation in Berlin absolviert hat, ist sie als eine von schweizweit 24 Botschafterinnen aktiv. Die Literatur ist hierbei das Mittel zum Zweck, Menschen über kulturelle, soziale und Altersgrenzen hinweg miteinander zu verbinden. Das Projekt startete vor 14 Jahren in Liverpool. Jetzt bietet Judith Meier die «etwas andere Lesegruppe» im Auftrag der Bibliothek Hauptpost auch in St.Gallen an.

Wer zuhört, gehört bereits dazu

Am 29. April wagten erstmals fünf Teilnehmerinnen mit Judith Meier das Experiment. Zwar virtuell, dafür mit Tee und Decke sowie den ausgedruckten, allen unbekannten Texten sassen sich Fremde im Zoom-Lesezimmer gegenüber. Hätte das Treffen physisch stattfinden können, hätte es Tee von Judith Meier gegeben, vielleicht Kuchen. «Aber im August dann», kündigt sie voller Vorfreude an. Jede und jeder kann mitmachen, es braucht keine Vorkenntnisse. Das ist einer der wichtigsten Grundsätze des Formates: «Wer zuhört, gehört bereits dazu.»

Die Texte wählt Meier nach offiziellen, wie persönlichen Richtlinien aus: Eine Kurzgeschichte und anschliessend ein Gedicht, das gemeinsam gelesen wird. Möglichst sollen dabei Autorinnen und Autoren in ausgewogenem Verhältnis vorkommen. Ausserdem müssen sie etwas mit ihr machen, sie bewegen.

«Ich dachte, ich kenne schon alles, was Literatur betrifft», sagt Meier und lacht, denn bei der Vorbereitung stellte sie fest, sie hat bisher die Gattungen Gedicht und Kurzgeschichte eher gemieden. Auf diesen Effekt zielt Shared Reading ab: Berührungsängste gegenüber Literatur abbauen, mit Texten, die berühren.

Judith Meier, aufgenommen von einer Teilnehmerin während des ersten Online-Treffens der Shared-Reading-Gruppe.

Judith Meier, aufgenommen von einer Teilnehmerin während des ersten Online-Treffens der Shared-Reading-Gruppe.

Bild: PD
«Es geht nicht um Wissen. Es geht um das Einlassen auf die Worte, das Teilen unserer Gedanken und inneren Bilder beim lauten Lesen und Zuhören.»

Aus diesem Grund werden die Texte erst am Tag des Treffens an die Teilnehmenden versendet. Solche, die jeder versteht, weil sie an Emotionen und nicht an den Kopf adressiert sind. So war es auch bei der Kurzgeschichte «Das hier ist von Jamie» von Truman Capote, auf die ihre Wahl am ersten Shared-Reading-Abend fiel. Sie selbst machte den Anfang. las vor, die anderen lauschten, nickten, nahmen Anteil auf der gemeinsamen Lesereise durch den Text. Wer mochte, konnte Gedanken, Gefühle und Ideen zum Gelesenen mitteilen, keiner musste.

Die Vorbereitung zum ersten Shared-Reading-Abend im April.

Die Vorbereitung zum ersten Shared-Reading-Abend im April.

Bild: Judith Meier
«Wir geben beim Shared Reading etwas von uns preis, wenn wir unsere Gedanken, Erinnerung oder Assoziationen und Empfindungen teilen, welche beim lauten Lesen auftauchen.»

Sie selbst empfinde diese Gruppen als Geschenk, ob als Mitlesende oder als Leiterin. Ein Abenteuer und eine einmalige Möglichkeit, sich in geschütztem und doch intimem Rahmen zu begegnen. Judith Meier verrät natürlich noch nicht, welche Texte sie für die nächste Runde ausgesucht hat, die am 20. Mai stattfinden wird. «Das wird eine Überraschung. Ich bin selbst gespannt, wohin die Reise diesmal geht», sagt Meier.

«Shared Reading» – die etwas andere Lesegruppe in St.Gallen

Bis zu den Sommerferien finden die Shared-Reading-Abende noch dreimal online statt: jeweils Donnerstag, 20. Mai, 10. Juni und 1. Juli 2021, 18.30 Uhr bis 20 Uhr. Ab August ist geplant, dass die Teilnehmenden sich in der Bibliothek Hauptpost austauschen können. Die Anmeldung ist bis am Vortag der Veranstaltung möglich, über die Website der Bibliothek Hauptpost: www.bibliosg.ch. Die Teilnehmenden erhalten die Texte und den Zoom-Link am Vormittag der Veranstaltung. Die Teilnahme ist kostenlos.