LITERARISCHES LESEBUCH
O Thurgau, du Heimat: Ein Kanton präsentiert sich als «üppige Wiese» der Literatur und Kultur

Der Kanton Thurgau hat ein neues literarisches Lesebuch erhalten: Unter dem Titel «Bleib doch – komm wieder» vereint das Buch aus dem Saatgut Verlag Texte von 33 Autorinnen und Autoren und verhilft zu nachhaltigen Einsichten. Das Lesevergnügen kommt nicht zu kurz.

Urs Bader
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Drei Thurgauer Autorinnen, die Originalbeiträge für das Lesebuch geschrieben haben: Zsuzsanna Gahse, Martina Hügi, Michèle Minelli.

Drei Thurgauer Autorinnen, die Originalbeiträge für das Lesebuch geschrieben haben: Zsuzsanna Gahse, Martina Hügi, Michèle Minelli.

Bilder: Reto Martin, Andrea Stalder, Donato Caspari

«Die konnten es schlicht nicht besser! Günters hatte immer wieder den Eindruck, die Thurgauer Regierung führe den Kanton analog einer Kleingemeinde irgendwo im Hinterland.» Der Ermittler in Severin Schwendeners sarkastischem Politkrimi «Leichenmahl» hat keine hohe Meinung von seiner vorgesetzten Behörde. Mehr sei über den Text nicht verraten, der im neuen Thurgauer Lesebuch «Bleib doch – komm wieder» erschienen ist. Schwendener ist einer von 33 Autoren und Autorinnen dieses Buchs, alte Bekannte und gemässigt-wilde Junge, alle mit Bezug zum Thurgau.

Ein breites Spektrum literarischer Texte

Frei von Vorgaben, sind inhaltlich und formal sehr unterschiedliche Texte zusammengekommen – wie es einem Lesebuch entspricht, das denn auch verschiedene literarische Vorlieben ansprechen dürfte. Neben eher traditionellen Texten wie dem Bericht über eine Lehrerwahl 1945 von Simon Engeli oder der Heimwehgeschichte von Gianni Kuhn steht die in der Du-Form eindringlich wirkende Schilderung des Alltags eines Bauern-Saisoniers von Michèle Minelli.

Usama Al Shahmani.

Usama Al Shahmani.

Bild: Ayse Yavas

Und neben dem feinfühligen, bildungssatten Essay von Elisabeth Binder über die plötzliche Anwesenheit dreier Störche steht der Mundarttext – der einzige – des Slampoeten Mathias Frei über Liebeslust und Liebesnot. Usama Al Shahmani erzählt die Geschichte eines Asylbewerbers, dessen Traum vom Beruf des Kondukteurs platzt. Samantha Zaugg protokolliert, was ihr ihre Freundin Flutura Ademi über ihr gespaltenes Leben als Seconda erzählt.

Da gibt es auch Gedichte von Hans Gysi und Reisetipps des Kabarettisten Jan Rutishauser: «Für den schmalen Geldbeutel empfehle ich Scheine anstatt Münzen.» In dieser Vielfalt verhilft «Bleib doch – komm wieder» zu einem geistreichen Lesevergnügen und zu nachhaltigen Einsichten.

«Üppige Wiese» statt «Holzboden»

Angeregt hat das Buch die Lesegesellschaft Frauenfeld, die es im Saatgut Verlag auch herausgegeben hat. Sie wurde 1821 als aufklärerisches Forum gegründet und begeht mit diesem Gegenwartsprojekt ihr 200-Jahr-Jubiläum. Robert Fürer, Präsident der Gesellschaft, schreibt im Vorwort: «Auch zweihundert Jahre später ist Lesen eine der wichtigsten Fähigkeiten, um die Welt zu verstehen und über sie zu urteilen.»

Das Cover des neuen Thurgauer Lesebuches.

Das Cover des neuen Thurgauer Lesebuches.

Bild: Saatgut Verlag

Die Tradition des Lesebuchs geht auf das 18. und 19. Jahrhundert zurück. Es diente unter anderem der Selbstvergewisserung einer Nation. Fürer schreibt zum «Thurgauer Lesebuch»:

«Die Beiträge geben Zeugnis vom vielfältigen, reichen Literaturschaffen in unserem Kanton.»
Schriftsteller Jochen Kelter.

Schriftsteller Jochen Kelter.

Bild: Donato Caspari

Das klingt auch wie ein Echo auf den Holzboden-Diskurs, der im Vorgängerwerk geführt wurde, im 1983 erschienenen «Wo man Himmel und Erde kennt. Erzähler aus dem Thurgau». Dort hiess es schon i Klappentext: «Der Thurgau gilt gemeinhin als der Holzboden der Literatur und Kunst.» Miriam Waldvogel, Leiterin von Saatgut, setzte dem an der Buchvernissage die «üppige Wiese» entgegen, die der Verlag bearbeiten wolle. Im Lesebuch greift Jochen Kelter das Thema erneut kritisch auf, hält aber auch fest, dass inzwischen «über dem Holzboden eine Kulturwiese ausgerollt (wurde) aus Projekten und Orten der Kultur». Dazu gehört nun auch dieses Lesebuch.

Bleib doch – komm wieder. Thurgauer Lesebuch, Verlag Saatgut, Frauenfeld 2021, 222 S., Fr. 24.-; Buchpräsentation: Frauenfelder Kulturtage, Samstag, 25. September, 18 bis 19 Uhr, Kantonsbibliothek Frauenfeld. Mit Zsuzsanna Gahse, Martina Hügi und Michèle Minelli. Moderation: Miriam Waldvogel.

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