Lesung
Das Schweigen der Tofuesser: Klaus Reichert stellt in St.Gallen sein Buch über massvollen Fleischkonsum vor

«Fleisch ist mir nicht wurst», der Buchtitel verspricht eine Kontroverse und einen eloquenten Autor. Auf Einladung des Literaturhauses Wyborada las der Frankfurter Journalist und Metzgerssohn Klaus Reichert im St. Galler Festsaal Katharinen. Kritische Fragen dazu gab es nur im Vorfeld.

Urs Bader
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Zwei Metzgerssöhne bei Wasser ohne Brot und Wurst: Klaus Reichert liest, Richi Küttel moderiert und fragt nach.

Zwei Metzgerssöhne bei Wasser ohne Brot und Wurst: Klaus Reichert liest, Richi Küttel moderiert und fragt nach.

Bild: Urs Bader

«Die Lager scheinen unversöhnlich gespalten: auf der einen Seite wir tumben Fleischfresser, die dem Weltuntergang entgegengrillen. Auf der anderen Seite die hochanständigen, gebildeten Tofuesser (…), die uns verachten und zum Teufel wünschen.» Der Frankfurter Journalist und Metzgerssohn Klaus Reichert hat die Ausgangslage für die Lesung im St.Galler Katharinensaal in seinem Buch «Fleisch ist mir nicht Wurst» auf den Punkt gebracht. Er plädiert darin für einen massvollen und respektvollen Verzehr von Fleisch.

Tatsächlich führte die Ankündigung des Abends zu Nachfragen: Muss das denn sein? Dies berichtet eingangs Anya Schutzbach, Programmverantwortliche des Literaturhauses Wyborada, und erklärt: «Mit solchen Veranstaltungen wollen wir Positionen in einer Debatte sichtbar machen und zum Gespräch anregen.» Gegen Ende des Lese- und Erzählabends gibt es tatsächlich Raum für eine Diskussion, moderiert vom St.Galler Literatur- und Kulturvermittler Richi Küttel – auch er ist Sohn eines Metzgers. Widerspruch muss Reichert keinen über sich ergehen lassen. Waren die Tofuesser nicht da oder schwiegen sie?

Fleischesser haben Verantwortung

Dabei waren allein schon die Titel der beiden vorgetragenen Lesestücke provokant: «Ohne Fleisch kein Mensch» und «Diäten schaden dem Denkvermögen». Ersteres entwickelt Reichert aus einer biografischen Reminiszenz: «Engelbert ist ein Schwein, und ich soll ihn töten.» Das führt zu Gedanken über die Bedeutung des Fleisches für die Entwicklung der Menschheit. Und die kann laut Reichert kaum hoch genug eingeschätzt werden: «Über Jahrtausende war Fleisch ein begehrtes Nahrungsmittel.» Tiere würden leben und sterben, weil wir Hunger haben.

Den Fleischverzehr sieht Reichert als Teil unserer Kultur und seiner eigenen Natur. Das entlasse uns jedoch nicht aus der Verantwortung dem Tier gegenüber. «An sie zu erinnern, ist eine wesentliche Absicht meines Buches», sagt Reichert. Wer Fleisch verzehre, müsse sich auch darum kümmern, was mit den Tieren geschehe. Wir müssen ihnen Leid ersparen. «Das gilt für ihre Aufzucht, für den Transport und auch für den Moment, wenn sie geschlachtet werden», heisst es im Buch. Ob es moralisch vertretbar sei, sie zu töten, müsse jeder für sich selbst beantworten.

Das Blutige wird gerne verdrängt

Um den Respekt gegenüber den Tieren zu wecken, macht Reicherts Bruder – er führt den Familienbetrieb fort – einen eigenwilligen Vorschlag: Der Besuch einer Schlachtung solle in höheren Klassenstufen auf dem Stundenplan stehen. Richi Küttel meint, als Kulturvermittler könnte er den Vorschlag bei Schulbehörden ja einmal vorbringen: als Therapie gegen das Verdrängen, Nichtwissen oder die verbreitete Inkonsequenz.

Wer denkt schon darüber nach, wie das Fleisch in die Supermärkte und Metzgereien kommt? Klaus Reichert sagt dazu:

«Zwar sprechen sich Konsumenten regelmässig gegen Massentierhaltung und für das Tierwohl aus. Ddoch kaum jemand scheint bereit zu sein, dafür auch den Preis zu bezahlen.»

Das Thema Schlachtung ist denn auch der erzählerische rote Faden seines Buchs, das eine Familiengeschichte und zugleich eine scharfzüngige Auseinandersetzung mit Urteilen und Vorurteilen sowie mit der Deutungshoheit über den Fleischverzehr ist. Reichert sieht es als «Komplettierung des Meinungsbildungsprozesses». Was ihn an Vegetariern und Veganern beeindruckt, ist der bewusste Entscheid für ihre Ernährungsform. «Weniger anfangen kann ich mit ihrer Attitüde moralischer Überlegenheit.»

Klaus Reichert: Fleisch ist mir nicht wurst. Über die Wertschätzung unseres Essens und die Liebe meines Vaters zu seinem Beruf. HarperCollins, Hamburg 2020, 191 Seiten, Fr. 33.90

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