KURZFILM
Neun Stunden «Der Pate» in neun Minuten erzählt: Ein Flawiler produziert Filmklassiker als animierte Kurzfilme

Peter Sutter kürzt sie alle: den «Schellenursli», «Indiana Jones» und zuletzt die Trilogie «Der Pate». In seiner Youtube-Serie «Kino kurz» zeigt er grossen Leinwandstoff in kleinem Format und manchmal aus ganz neuer Perspektive.

Viola Priss
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In der «Kino kurz»-Variante des «Paten» wird der Epos aus Sicht von Patriarchensohn Santino «Sonny» Corleone geschildert. Jedes gezeichnete Detail ergänzt ebenfalls ein Stück der Geschichte, die im Original Stunden dauert.

In der «Kino kurz»-Variante des «Paten» wird der Epos aus Sicht von Patriarchensohn Santino «Sonny» Corleone geschildert. Jedes gezeichnete Detail ergänzt ebenfalls ein Stück der Geschichte, die im Original Stunden dauert.

Bild: Peter Sutter

Es begann mit dem «Paten». Im Kopf die Filmmelodien von Nino Rota und Carmine Coppola, vor Augen Marlon Brando in der Hauptrolle des Mafia-Epos. Peter Sutter ist beeindruckt von der Filmtrilogie. Doch er weiss auch, nicht alle finden den Draht zu dem schweren Stoff. Das wollte er ändern. Ein drei Minuten langer Kurzfilm, ohne Sprecher, dafür mit einem umso berührenderen Soundtrack, waren das Ergebnis und die Geburtsstunde der Youtube-Serie «Kino kurz» aus Flawil.

Im Kurzfilm hat jede Sekunde Gewicht

Peter Sutter als Statist im eigenen Animationsfilm. Diesen filmischen Trick des «Cameo» wandten schon Roberto Fellini und Alfred Hitchcock an.

Peter Sutter als Statist im eigenen Animationsfilm. Diesen filmischen Trick des «Cameo» wandten schon Roberto Fellini und Alfred Hitchcock an.

Bild: Peter Sutter

Einmal entfacht, liess die Idee der animierten Kurzfilme Sutter nicht mehr los. Der pensionierte Primarlehrer wurde von Film zu Film akribischer in seiner Recherche und mutiger, die eigene Interpretation zum Original zu schreiben. Den Schellenursli zum Beispiel sprach sein Schwiegersohn in breitem Berner Dialekt. Nach fünf Jahren und zehn Kurzfilmen fand er schliesslich, der Pate bedürfe einer Sanierung. In der Variante von 2021 ist Sutter als Pianist selbst für ein paar Sekunden im Bild, wie Hitchcock, eines seiner grossen Filmidole. Überhaupt mag er Anspielungen auf die Kinogeschichte, die vielleicht nur Filmkenner entdecken.

Der Pate, das neueste fertiggestellte Kurzfilmprojekt aus Peter Sutters Feder.

Quelle: Youtube

Eigentlich ist sein Arbeitszimmer in Flawil viel mehr als nur ein Büro. Es ist ein Filmstudio auf kleinstem Raum, unscheinbar in einem Einfamilienhaus versteckt. Auf dem Klingelschild erahnt man nicht, dass hier kontinuierlich Animationskunst entsteht, die sich der ganz Grossen annimmt.

Auf bis zu fünf Metern aneinandergeklebtem Papier beschreibt Sutter dann bis ins Detail und auf die Sekunde genau, was in welcher Szene passiert: Das Drehbuch erinnert auf dem Boden ausgebreitet an eine kleine Thora. Nach den Skizzen folgt die grafische Umsetzung am PC. Bis zu 50 Ebenen umfasst eine Zeichnung auf Photoshop und dabei nur so viel Bewegung wie nötig. Sutter hält nichts von unnötiger Effekthascherei und betont sein Arbeitscredo:

«Mein Lebensprinzip gilt auch für die Animationen: Weniger ist mehr.»
Peter Sutters meterlange Notizen zum szenischen Ablauf seines Kurzfilms zu «Der Pate».

Peter Sutters meterlange Notizen zum szenischen Ablauf seines Kurzfilms zu «Der Pate».

Bild: Arthur Gamsa

Vor einigen Jahren noch ging Sutter mit «Sound of Cinema» auf Tournee. Mit seiner «ersten Liebe», dem E-Piano, trat er live als Ein-Mann-Orchester auf, zeigte auf der Leinwand seine gezeichneten Filmszenen und untermalte sie mit Medleys der Filmmusik. Dazu lieferte Sutter Anekdoten und Filmwissen, wie es sie in keinem Kino zu sehen gibt.

«Wissen Sie, wie man mit nur zwei Tönen den Filmmusik-Oscar gewinnen kann?»

Danach spielt er die berühmte Passage aus «Der weisse Hai», zwei Töne, die, immer schneller werdend, den steigenden Puls des todgeweihten Schwimmers im Meer simulieren. Wer den Film kennt, weiss um den Gänsehauteffekt. Was Musik alles kann, faszinierte Peter Sutter schon immer.

Die Hingabe zur Livemusik endete in Verausgabung

Er gab alles an seinen Livekonzerten. Doch das Livespielen ohne Noten, dazu registrieren und zu den Animationen im Hintergrund moderieren, brachten Peter Sutter jeden Abend an den Rand der Erschöpfung. Sutter, der nebst der Musik das Zeichnen liebt, sattelte um. Warum die grossen Filme nicht zum kompakten Video zusammenfassen und musikalisch untermalen? «Kino kurz» war geboren.

«Meine Frau scherzt manchmal, dass ich auch mit geschlossenen Augen Filme schauen könne.»
Peter Sutter zeigt die Arbeit zu seinem neuesten Filmprojekt.

Peter Sutter zeigt die Arbeit zu seinem neuesten Filmprojekt.

Bild: Arthur Gamsa

Einmal auf Filme und Musik angesprochen, ist er kaum zu bremsen: «Sie müssen mich stoppen, wenn ich Luft hole, sonst finde ich bei diesem Thema kein Ende.» In seinem Büro liegen die Notizen jedes abgeschlossenen Kurzfilmprojekts akkurat nebeneinander gereiht. Sutter will seine Sache perfekt machen und betont dabei immer wieder, seine Arbeit sei doch «sehr rudimentär und laienhaft». Dass er für manche Szenen selbst Modell steht, um möglichst lebensgetreu animieren zu können, wochenlang Hintergrundwissen zur Entstehungsgeschichte des Films forscht, erwähnt er lediglich in einem Nebensatz.

Seit 2017 gibt es kaum einen Tag in Peter Sutters Leben ohne Kino kurz. An Vermarktung oder Werbung im grösseren Umfang denkt er dennoch nicht. Ist ein Werk vollendet und auf seinem Youtube-Kanal zu sehen, benachrichtigt er Freunde und Bekannte, manchmal schickt er seine Adaption auch an die originale Crew. So zuletzt im März, nach neunmonatiger Detailarbeit an der neuen Kurzversion des «Paten».

Lässt sich Francis Ford Coppolas epische Trilogie von fast neun Stunden Dauer in neun Minuten erzählen? Peter Sutter schmunzelt und sagt: «Ich fragte mich durchaus selbst: Schaffe ich das? Aber wenn ich dann Feedback bekomme, wie ‹Das Original hatte Längen. Deine Version könnte ich aber noch viel länger schauen!›, weiss ich, es kann so schlecht nicht sein.»