Kunst
Rotkäppchen und die Wölfinnen: Marlies Pekarek zeigt in der Stiftsbibliothek St.Gallen eine monströse Figurenparade

Die St.Galler Künstlerin Marlies Pekarek lässt in den Bücherschränken der Stiftsbibliothek Kleinskulpturen auftreten. Sie sind von Nippes, Souvenirs und Werbefiguren inspiriert und alles andere als niedlich.

Christina Genova
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Marlies Pekarek vor dem Eingang zur Stiftsbibliothek St.Gallen, wo ihre Figurenparade zu sehen ist.

Marlies Pekarek vor dem Eingang zur Stiftsbibliothek St.Gallen, wo ihre Figurenparade zu sehen ist.

Bild: Tobias Garcia

Ein schwarz-weisses Band legt sich um den Barocksaal der Stiftsbibliothek St.Gallen wie eine Bordüre um den Rand einer Handschrift. Es besteht aus einer seltsamen Parade von Figuren, die auf den Tablaren hinter den schützenden Gittern der Bücherschränke aufgereiht ist. Die St.Galler Künstlerin Marlies Pekarek hat sie geschaffen. Die 64-Jährige hat sich für die künstlerische Intervention von Souvenirs, Werbefiguren und Nippes inspirieren lassen, welche sie in aller Welt zusammengetragen hat.

Die kleinen Skulpturen legen sich wie ein Band um den Barocksaal der Stiftsbibliothek.

Die kleinen Skulpturen legen sich wie ein Band um den Barocksaal der Stiftsbibliothek.

Bild: Christa Schaffert

Fast alle der Figuren, die noch bis am 20. März in der Ausstellung «Zeitenwende – Notker der Deutsche» zu sehen sind, sind Mischwesen – Kreuzungen zwischen Tier und Mensch oder Tier und Tier: ein Steinbock mit Vogelkörper, ein Mädchen mit Rehkitzleib, ein Eichhörnchen mit Hundekopf.

In Marlies Pekareks Figuren verschränken sich die Kulturen und Religionen: Hier hat sie den Kopf eines Jesuskindes mit dem Körper der ägyptischen Katzengöttin Bastet kombiniert.

In Marlies Pekareks Figuren verschränken sich die Kulturen und Religionen: Hier hat sie den Kopf eines Jesuskindes mit dem Körper der ägyptischen Katzengöttin Bastet kombiniert.

Bid: Tobias Garcia

Wie im Barocksaal, wo seit 200 Jahren die ägyptische Mumie Schepenese aufbewahrt wird, verschränken sich auch in Pekareks Figuren die Kulturen und Religionen: Etwa, wenn sie die ägyptische Katzengöttin Bastet mit dem Kopf eines Christuskindes versieht – ein subtiles Statement gegen jegliche Form von Fanatismus. Die Herstellung der Mischwesen ist aufwendig: Von den ursprünglichen Figuren müssen Negativformen hergestellt, ausgegossen, fragmentiert und wieder neu zusammengesetzt werden.

Alles andere als niedlich

Diese Figurenkombinationen bestehen aus den Tieren des Grimmschen Märchens «Die Bremer Stadtmusikanten».

Diese Figurenkombinationen bestehen aus den Tieren des Grimmschen Märchens «Die Bremer Stadtmusikanten».

Bild: Tobias Garcia

Die Skulpturen lassen an Fabeltiere wie den Wolpertinger denken oder an Chimären aus der Mythologie wie Pegasus, das geflügelte Pferd. Aber auch umstrittene medizinische Techniken wie das Klonen oder die Verwendung von Tieren als Ersatzteillager für den Menschen sind Assoziationen, die nahe liegen. Spätestens dann wird klar, dass dieser seltsamen Prozession etwas Monströses anhaftet und diese Figuren alles andere als niedlich sind.

Einige davon beziehen sich direkt auf Tiere, die in der Stiftsbibliothek zu finden sind: auf den Bären, das Wappentier des Klosters St.Gallen, oder den Löwen, Begleiter des Kirchenvaters Hieronymus, der als Deckenmalerei zu sehen ist. Beide Figuren sind ursprünglich Brienzer Schnitzereien. Sie wurden schon im 19. Jahrhundert als Souvenir an Touristen verkauft. Marlies Pekarek hat sie auf Auktionsplattformen ersteigert. Viele der Figuren fand sie auf diesem Weg, andere stammen aus Souvenirläden oder von Märkten, die sie während ihrer Atelieraufenthalte in Kairo, Rom und Berlin besuchte. In Berlin kaufte sie versehrte Porzellanfiguren, die aus dem Schutt des Zweiten Weltkrieges geborgen worden waren.

Das Verhältnis zwischen Original und Kopie

Rotkäppchen und die Wölfinnen.

Rotkäppchen und die Wölfinnen.

Bild: Christa Scheffert

Sie kombiniert die Nippesfiguren aber nicht nur zu neuen Wesen, sondern gruppiert sie auch zu überraschenden, ja subversiven Ensembles, die Märchen und Mythen neu interpretieren. Das Rotkäppchen wird bei Pekarek nicht vom bösen Wolf bedrängt, sondern hütet ein Rudel Wölfinnen – eine fast schon feministische Deutung des Märchens. Bei den Wölfinnen handelt sich um Reproduktionen jener berühmten Kapitolinischen Wölfin, welche Romulus und Remus, die Gründer Roms, gesäugt hat. Es sind Figuren, die man in den Souvenirläden der italienischen Hauptstadt zu Tausenden findet.

Bild: Christa Schaffert

Marlies Pekarek untersucht schon lange das Verhältnis zwischen Original und Kopie. Es interessiert sie, was passiert, wenn Kultgegenstände und kostbare Artefakte als billige Massenware reproduziert werden. Ebenso spannend ist für die Künstlerin der umgekehrte Prozess, etwa, wenn sie kitschige Nippesfiguren in Bronze giesst.

Die Figuren in der Stiftsbibliothek bestehen aus Gips, Silikon, Bronze oder Wachs. Doch da sie einheitlich in Schwarz oder Weiss gehalten sind und gleichberechtigt nebeneinanderstehen, lässt sich nicht erkennen, aus welchem Material sie hergestellt worden sind. Die Künstlerin wirft nicht nur in diesem Zusammenhang die Frage nach dem materiellen und immateriellen Wert der Dinge auf.