KUNST IM PARK
Aussichtstürme für Goldfische: Die Weiertal-Biennale in Winterthur lotet das Spannungsfeld zwischen Natur und Künstlichkeit aus

Mit der siebten Biennale präsentiert der Kulturort Weiertal zwanzig Kunstschaffende, die wiederum vielfältig und anspielungsreich den Park in Winterthur-Wülflingen bespielen. Dieses Jahr scheint die Kunst in dieser idyllischen Natur, vielleicht Corona geschuldet, nachdenklicher als auch schon.

Martin Preisser
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«Funktionale Verstädterung – Städte voller Glück» des Künstlerduos Huber und Huber.

«Funktionale Verstädterung – Städte voller Glück» des Künstlerduos Huber und Huber.

Bild:Maja von Meiss

«Vorüber-gehend, Idylle und Künstlichkeit» ist die aktuelle Weiertal-Ausstellung betitelt. Eindrücke von Kunst sind wie das Leben vorübergehend. Dem Kurator der Biennale, dem Churer Luciano Fasciati (er hat 2020 die Biennale Bregalia im Bergell geleitet), fallen zu «vorübergehend» Begriffe wie kurz, schnell, bald, gelegentlich, zeitweise, mitunter oder vereinzelt ein. Aber auch «in der Erinnerung überlebend, bleibend». Auf 6000 Quadratmetern kann man an sensibel ausgewählter Gegenwartskunst vorübergehen. Der Kulturort Weiertal präsentiert sich auch dieses Jahr wieder als Gegenpol zu den üblichen sommerlichen, bisweilen schnell zusammengewürfelten Skulpturenparks.

Kunst und Natur wird hier so offen wie genau zusammengeführt. Wieder wird deutlich, wie intensiv sich die Kunstschaffenden mit diesem idyllischen Park auseinandergesetzt haben. Ein Zeichen der gelungenen Kuratierung ist es auch, dass man den Park als intensiv bespielt, aber nicht als überladen oder überstrapaziert wahrnimmt.

«Epitaph» von Katharina Henking.

«Epitaph» von Katharina Henking.

Bild: Martin Preisser

Eine mutige Arbeit zeigt Katharina Henking. Auf ihrem Epitaph thematisiert sie offen eine Befindlichkeit, die viele Kunstschaffende kennen dürften, in den Zeiten von Corona vielleicht besonders. «Keine Idee, keine Inspiration, keine Botschaft, keine Träume, keinen Sinn, Nichts»: In Stein gemeisselt ist es eine eindringliche Botschaft an einer Biennale, die das Spannungsfeld zwischen Idylle und Künstlichkeit auch mit einigen Arbeiten von Ostschweizer Kunstschaffenden auslotet.

Bäume wachsen ins Erdinnere

7. Biennale im Kulturort WeiertalRemo Albert Alig & Marionna Fontana "Scala Naturae"im Hintergrund „Bale“ von Not VitalFoto: Maja von Meiss

7. Biennale im Kulturort Weiertal
Remo Albert Alig & Marionna Fontana "Scala Naturae"
im Hintergrund „Bale“ von Not Vital
Foto: Maja von Meiss

Ja, es gibt im Weiertal eine vergoldete Himmelsleiter, Kunst, die nach oben strebt. Aber es gibt dieses Jahr auch spezielle Arbeiten, die sich in der Erde zu verkriechen scheinen, quasi als künstlerisches Distancing. Mit ihrer speziellen Videokunst mit der Arbeit «Loch» lädt die gebürtige Thurgauerin Olga Titus den Betrachter ein, einen Blick unter die Erdoberfläche zu wagen. Technisch hatte die Winterthurer Künstlerin am Anfang mit dem Grundwasser zu kämpfen.

Sonja Feldmeier lässt die Bäume sich im Erdreich verstecken, statt in den Himmel wachsen. Mit ihrer Arbeit «Sleeping Trees» sieht man zuerst finster wirkendes, dunkles Wurzelwerk, mit einem Loch und einem Licht aus dem Untergrund. Es bleibt der Fantasie überlassen, sich vorzustellen, wie weit dieser Baum in die Erde reichen könnte. Entwurzelung und Verwurzelung sind hier die Pole, zwischen denen sich diese poetische Arbeit abspielt.

Bleiben oder weitergehen?

«Der Schmerz am Rande der Geborgenheit» von Marianne Engel (vorne). Dahinter die Arbeit «Bleibe» von Reto Boller.

«Der Schmerz am Rande der Geborgenheit» von Marianne Engel (vorne). Dahinter die Arbeit «Bleibe» von Reto Boller.

Bild: Martin Preisser

Alex Dorici hat symbolhaft für die Natur, aber auch für die Biennale selbst, ein Netz aus roten Fäden in den Garten gespannt. Alles hängt zusammen in der Natur und in dieser Ausstellung. Eine berührende Arbeit von Marianne Engel mit dem Titel «Der Schmerz am Rande der Geborgenheit» fasst die Welt dieser Künstlerin in Plexiglashalbkugeln zusammen, die auf der Wiese liegen. Natur und eigene Erinnerung scheinen zu verschmelzen. Eigene Erinnerungsstücke sind der Natur und ihren Gesetzen preisgegeben. Die Natur hinterlässt Spuren auf den Objekten, die von Trauer und Erinnerung erzählen. Dazu passt von der Form her daneben gut eine Installation aus Zelten von Reto Boller, der kürzlich in der Kunsthalle Arbon zu sehen war. Er hat mit «Bleibe» die Frage nach dem Bleiben oder dem Weitergehen gestellt.

Ausschnitt aus «Luna Park» des St.Gallers Andrea Giuseppe Corciulo.

Ausschnitt aus «Luna Park» des St.Gallers Andrea Giuseppe Corciulo.

Bild: Martin Preisser

So gegensätzliche Positionen wie Judith Alberts Installation «Für die Elfen» (mit feinen, das Geheimnisvolle und Immaterielle thematisierenden Lichtzeichnungen) oder Roman Signers «Windfahne» mit Paddel und Feuerhandschuh (die vier Elemente symbolisierend) mögen den weiten Bogen und den breiten Skulpturbegriff aufzeigen, der sich über die Biennale spannt.

«Floss» von Selina Baumann.

«Floss» von Selina Baumann.

Bild: Martin Preisser

Auf dem Wasser schwimmt ein geheimnisvolles Floss aus Keramikplatten (Selina Baumann), auf dem Teich daneben die faszinierende Installation des Thurgauer Künstlerduos Huber und Huber. Durchsichtige Kuben schwimmen in skylineartigen Bündelung und symbolisieren die Verstädterung der Landschaften. «Funktionale Verstädterung – Städte voller Glück» heisst diese Arbeit, die vielleicht am Augenscheinlichsten den Gegensatz von Künstlichkeit und Idylle zeigt. Dass in diesen Kuben Goldfische ihren Lebensraum erweitern, Fische, die als Symbol für Glück stehen, gibt dieser auch etwas augenzwinkernden Arbeit einen schönen Schuss Poesie.

Weiertal lohnt auch dieses Jahr wieder einen Ausflug nach Winterthur. Belohnt wird man neben dem speziellen Ambiente nicht mit sensationsheischenden Skulpturen, nicht mit Protzigem oder einfach Hingestelltem. Es ist diese sensible Kuratierung, die hier den Kunstspaziergang zum Erlebnis macht, mit «vorübergehenden» Eindrücken, aber auch mit manch bleibender Erinnerung.

Bis 12. September. Do – Sa: 14–18 Uhr; So: 11–17 Uhr (Rumstalstrasse 55, Winterthur-Wülflingen); umfangreiches Begleitprogramm; www.skulpturen-biennale.ch

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