Kunst
Corona als Morgenstern: Der Frauenfelder Künstler Willi Tobler hat seine persönliche Chronik der Pandemie geschnitzt

Vom 2. bis 4. Juli sind in den Räumen des Kunstvereins Frauenfeld Holz- und Linolschnitte von Willi Tobler unter dem Titel «Aus der stillen Kammer» ausgestellt. In 81 Sujets zeigt der Künstler seine persönliche Coronachronik, gedruckt auf Brotpapier.

Claudia Koch
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Vom stillen Kämmerlein in die Ausstellung: der Künstler Willi Tobler in den Räumen des Kunstvereins Frauenfeld.

Vom stillen Kämmerlein in die Ausstellung: der Künstler Willi Tobler in den Räumen des Kunstvereins Frauenfeld.

Bild: Arthur Gamsa

Willi Tobler hebt zum Gruss nur kurz die Hand. Mit Nadeln im Mundwinkel pinnt er Drucke an die Wand. Seine Frau Eva misst den Abstand zwischen den Bildern und prüft mit dem Lot, ob sie gerade hängen. Es wird noch ein paar Stunden dauern, bis in den zwei Räumen des Kunstvereins Frauenfeld alle Drucke ihren Platz gefunden haben.

Die Reihenfolge ist jedoch gegeben. Denn bei den 81 Drucken handelt es sich um Toblers persönliche Chronik der Pandemie. Der erste Druck stammt vom 29. März 2020, der letzte vom 10. Mai 2021.

Alle paar Tage ein neues Sujet

«Der Schock, dass nichts mehr ging, war gross», sagt Tobler, pensionierter Lehrer und Autor von Kinderbüchern, mit einer Vorliebe fürs Zeichnen und Werken. Mit der Aufforderung des Bundesrats «Bleiben Sie zu Hause» zog sich Tobler in seine stille Kammer im Bannhaldenquartier in Frauenfeld zurück und schnitzte sein erstes Sujet auf ein Stück Restholz, übrig geblieben von vorherigen Werken. «Home-Office» lautet der Titel.

Von da weg fertigte er alle paar Tage ein neues Sujet zu jenen Themen, die ihn aber auch die ganze Welt beschäftigen. Auf einem Druck ist eine Fledermaus mit einem Wok zu sehen, auf einem anderen ein verwaister Rollator und ein leeres Kinderdreirad. «Wir durften ja unsere Enkel nicht mehr betreuen», sagt der 72-Jährige dazu.

Fledermaus mit Wok: einer der Drucke von Willi Tobler.

Fledermaus mit Wok: einer der Drucke von Willi Tobler.

Bild: Willi Tobler

Jeder Druck ist mit einem Titel und dem Datum versehen. Was war zuerst Sujet oder Titel? «Das kam oft gleichzeitig im Kopf zusammen. Der Titel ist wichtig, das Sujet soll aber der Blickfang sein», sagt Tobler, der seine Gedanken auch mal nachts in einem Notizbüchlein auf dem Nachttisch festhält. Ein wiederkehrendes Element ist der Erreger von Covid-19. Einmal sieht man ihn als Morgenstern, als Kopfhörer, aber auch als Windmühle oder Sonnenbrille. Sehr präsent ist ebenfalls die Maske.

Augenzwinkern mit ernstem Hintergrund

Einige Sujets kommen comicartig oder surrealistisch daher, andere orientieren sich an Werken grosser Künstler. Wie etwa die liegende Quellnymphe von Lucas Cranach, in Toblers Version im Trikini, um sich zu schützen.

Die Quellnymphe trägt für einmal Trikini.

Die Quellnymphe trägt für einmal Trikini.

Bild: Willi Tobler

Oder der Schrei von Edvard Munch, hier zu sehen mit Maske. Auch wenn bei Toblers Werken oft ein Augenzwinkern mit dabei ist, so ist der Ernst der Sache stets spürbar.

Einige Sujets kommen comicartig oder surrealistisch daher.

Einige Sujets kommen comicartig oder surrealistisch daher.

Bild: Willi Tobler

In einer Schachtel liegen verstreut die Druckplatten, meist aus hartem Birnenholz, die Tobler in den vergangenen Monaten bearbeitet hat. Die Drucke sind unterschiedlich gross. Tobler sagt dazu: «Das Format des Holzes bestimmt das Sujet.» Allen gemein ist ein Passepartout im A4-Format.

Die meisten Druckplatten bestehen aus Birnenholz.

Die meisten Druckplatten bestehen aus Birnenholz.

Bild: Arthur Gamsa

Auf Brotpapier gedruckt

Die Werke sind alle von Hand gedruckt, auf Brotpapier. «Mein täglich Brot», wie Tobler scherzend anfügt. Brotpapier eignet sich bestens, da es über verschiedene Vorteile verfügt: Die matte Seite nimmt die Farbe gut auf und es ist durchsichtig. Somit konnte Tobler erkennen, wo er mit dem Suppenlöffel noch intensiver darüberfahren musste, um die Farbe der feinen Details aufzunehmen.

Die meisten Drucke kommen einfarbig daher, einige aber auch mehrfarbig. Viele Druckplatten hat er mehrmals nachbearbeitet und von jedem Zustand einen Druck erstellt. So kommt dasselbe Sujet mal mehrfarbig, mal ganz unterschiedlich nuanciert daher. Auf einigen sind nur noch die Konturen ersichtlich.

Danach verschwinden die Drucke wieder

Zusätzlich zu den Original-Drucken wird eine Publikation erstellt, die ebenfalls am Wochenende in den Ausstellungsräumlichkeiten des Kunstverein Frauenfeld im Bernerhaus erworben werden kann. Ob viele Leute kommen? Er weiss es nicht.

«Viele sind, vielleicht wie ich, langsam der Pandemie überdrüssig und wollen sich nicht mehr länger mit dem Thema Corona beschäftigen.»

Deshalb wird die Ausstellung in Frauenfeld auch eine einmalige Sache sein. Nachher verschwinden die Drucke und Druckplatten zu Hause in einer Schublade, in seiner stillen Kammer. Er will Corona hinter sich lassen.

Ausstellung «Aus der stillen Kammer»: Freitag, 2. Juli, 16–20 Uhr; Samstag, 3. Juli, 10–15 Uhr; Sonntag, 4. Juli, 14–17 Uhr, Bernerhaus (Bankplatz 5), Frauenfeld.

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