Kunst
Andere Welten sind möglich: Thomas Stüssi zeigt im Kunstraum Kreuzlingen Sternbilder und Planeten aus Ton, Gips und Plastilin

Der Teufner Künstler Thomas Stüssi setzt sich mit der Wissenschaft mit einem Augenzwinkern auseinander – Himmelskörper sind deshalb in seiner Ausstellung «2027» auch mal flach oder kegelförmig.

Judith Schuck
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Künstler Thomas Stüssi sitzt auf einem Thron aus Lehmziegeln. Den «Lem-Stuhl» hat er dem polnischen Philosophen und Science-Fiction-Autor Stanislaw Lem gewidmet.

Künstler Thomas Stüssi sitzt auf einem Thron aus Lehmziegeln. Den «Lem-Stuhl» hat er dem polnischen Philosophen und Science-Fiction-Autor Stanislaw Lem gewidmet.

Bild: Kevin Roth

Da stupst einen ganz vorsichtig ein kleiner Planet an. Er möchte vorbei, ruhig und gleichmässig seine Bahnen ziehen. «2027» ist keine Ausstellung, in welcher man lange an einem Ort verharrt. Immer wieder wird man sanft zum Ausweichen aufgefordert. «Man soll sich nicht gerade bedrängt fühlen, aber immer ein bisschen rumgescheucht werden», sagt Thomas Stüssi über seine Rauminstallation im Kunstraum Kreuzlingen. Der Titel soll in die Zukunft verweisen und 2027 ist die nächste Primzahl.

Für seine Ausstellung liess Stüssi teils im Atelier, teils vor Ort ein Universum entstehen. Aus Materialien wie Ton, Gips, Carbon oder Plastilin formte er grosse und kleine Planeten samt technischen Apparaturen. Darunter sind auch absurde Planetenformen: Sie müssten ja nicht alle rund sein, findet der Künstler, der auch diejenigen Menschen berücksichtigt, für welche die Erde eine Scheibe oder ein Kegelstumpf ist.

Ausstellung für zwei Monate auf Eis gelegt

Thomas Stüssi fertigte Planeten für jeden Geschmack.

Thomas Stüssi fertigte Planeten für jeden Geschmack.

Bild: Kevin Roth

Sternbilder zeigen sich ebenfalls an Stüssis Himmelskörpern. Zwar habe er sich für ein anderes Projekt mal gründlich mit babylonischen Sternzeichen auseinandergesetzt, in seinem Kunstraum-Kosmos fantasiere er aber: Der kleine und der grosse Bär sind als die chemische Verbindung von Dopamin und Serotonin dargestellt, die er als «Wohlfühlstoffe» versteht, sie werden auch als Antidepressiva eingesetzt. Die unterschiedlichen Körper sind blosse Utopie eines Kosmos, wie sie in der Leere des Ausnahmezustandes im Coronashutdown entstehen kann.

Thomas Stüssi und sein «Lem-Stuhl».

Thomas Stüssi und sein «Lem-Stuhl».

Bild: Kevin Roth

Zentrum der Ausstellung bildet ein kompakter Sessel aus Lehmziegeln. Von ihm aus überschaut der Schöpfer seine Konstellationen. Dass in einen der Bausteine, die aus der Ziegelei Berg stammen, «Lem Stuhl» eingeritzt ist, verweist auf den polnischen Philosophen und Science-Fiction-Autor Stanislaw Lem, der seine scharfsinnigen und visionären Ideen oft mit Satire und Humor versah. Ähnlich möchte Stüssi sein Universum verstanden sehen. Seine Utopie «2027» enthält physikalische Gesetzmässigkeiten, wissenschaftliche Erkenntnis, aber auch Dichtung und Witz.

Thomas Stüssi studierte an der Kunsthochschule Berlin Weissensee zunächst Produktdesign, wechselte aber rasch in die Bildhauerklasse. In seinem Werk spielt er mit verfremdeten Alltagsgegenständen und Räumen oder physikalischen Eigenschaften wie Schwerkraft und Trägheit. Wissenschaft verarbeitet Stüssi in seinen Welten gerne mit einem Augenzwinkern: «Ich fülle eine Lücke zwischen Theorie und Kreativität.» Wissen zu referenzieren, mache ihm Spass. Dadurch erfinde er nicht etwas komplett Neues, sondern nehme Gegebenes und verbinde es zu etwas Neuem.

Nach der Vernissage im Dezember 2020 wurde «2027» wegen des erneuten Shutdowns für gut zwei Monate auf Eis gelegt. «Es war jetzt ein komisches Gefühl, wieder reinzukommen und alles ist gleich.» Für Stüssi war es das erste Mal, dass eine Ausstellung «eingefroren» wurde.

Während der erste Shutdown noch etwas Spannendes in seinem «Halbfunktionieren» bot, erlebte der in Teufen lebende Künstler die zweite Coronazeit als relativ leer. Bis zum Sommer leitete Stüssi den Lehrgang Bildende Kunst an der GBS St.Gallen, der wegen mangelnder Teilnehmerzahlen abgesetzt wurde. «Ich arbeite zwar viel alleine, habe aber gemerkt, dass der soziale Austausch elementar wichtig für mich ist.»

Immerhin bot die Isolation eine gute Basis, um sich sein eigenes Universum zu konstruieren.

Kunstraum Kreuzlingen, bis 21. März. Im Tiefparterre ist die Multi-Kanal-Video- Installation «Aletsch Negative» von Laurence Bonvin zu sehen.