Kulturpolitik
«Wir sind alle im Krisenmodus»: Kein Grundeinkommen für Kulturschaffende im Kanton St.Gallen, aber ein vereinfachtes Verfahren für Entschädigungen

Am zweiten digitalen Covid-19-Kulturdialog zeigte Regierungsrätin Laura Bucher viel Verständnis für die schwierige Situation der Künstlerinnen und Künstler. Doch auf deren drängendste Frage hatte sie keine Antwort.

Christina Genova
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«Wir sind für sie da»: Regierungsrätin Laura Bucher macht den Kulturschaffenden Mut.

«Wir sind für sie da»: Regierungsrätin Laura Bucher macht den Kulturschaffenden Mut.

Bild: Benjamin Manser

Etwas vorweg: Im Kanton St.Gallen wird es kein Grundeinkommen für Kulturschaffende geben. Das machte die St.Galler Regierungsrätin Laura Bucher am zweiten digitalen Covid-19-Kulturdialog klar. Via Zoom schalteten sich am Montagabend rund 90 Kulturschaffende zu. Man habe schon sehr früh, im Frühling 2020, auf Ausfallentschädigungen gesetzt, um die Krise abzufedern: «Wir wollen diesen Weg weitergehen.»

Der Kanton Zürich hatte eine Existenzsicherung für die von der Coronakrise besonders betroffenen Künstlerinnen und Künstler ins Spiel gebracht, die ihnen viel bürokratischen Aufwand erspart hätte. Doch der Bund, der die Hälfte der Corona-Ausfallentschädigungen der Kantone finanziert, zieht nicht mit bei dieser Lösung. Deshalb ist es im Kanton Zürich noch offen, wie es weitergeht. Der Kanton Basel Stadt hingegen hat sich dazu entschlossen, ein solches Grundeinkommen alleine zu stemmen.

Kulturministerin Laura Bucher hatte aber auch gute Neuigkeiten. Rückwirkend ab 1. Februar erhalten die Kulturschaffenden die Möglichkeit, für ihre Verdienstausfälle ein vereinfachtes Verfahren in Anspruch zu nehmen. Das heisst, sie müssen anstatt drei Gesuche bei drei verschiedenen Stellen nur noch ein Gesuch beim Amt für Kultur einreichen.

Unhaltbare und schwierige Situation für alle

Bisher mussten sich Künstlerinnen und Künstler zusätzlich bei der kantonalen Ausgleichskasse für Erwerbsersatzentschädigung und bei Suisseculture Sociale für Nothilfe anmelden. Das vereinfachte Verfahren steht all jenen Kulturschaffenden offen, die von der Ausgleichskasse weniger als 60 Franken Taggeld erhalten. «Es ist nicht ganz einfach, zu Unterstützungsgeldern zu kommen», sagt Christopher Rühle vom Amt für Kultur selbstkritisch. Tatsächlich können auf der Website des Amtes für Kultur insgesamt 14 Dokumente dazu heruntergeladen werden – von Merkblättern über Gesuchsformulare bis zu Mustervorlagen.

Regierungsrätin Bucher zeigte am Zoom-Meeting viel Verständnis für die Kulturschaffenden, doch konnte sie ihnen auf die wohl drängendste Frage, wann der Kulturlockdown endlich aufgehoben werde, keine Antwort geben:

«Es ist mir bewusst, dass dies für alle eine unhaltbare und schwierige Situation ist.»

Die kulturelle Vielfalt im Kanton sei in Gefahr und damit das gesellschaftliche Wohlbefinden und der Zusammenhalt. Es gelte aufzuzeigen, dass die Kultur eine volkswirtschaftlich relevante Branche sei.

Künstlerinnen und Künstler sollen mit Kantonsrätinnen und -räten das Gespräch suchen

Die Kantonsregierung habe den Bundesrat in einem Schreiben darauf hingewiesen, wie sehr die Planungsunsicherheit die Kulturschaffenden belaste. Bucher bittet die Künstlerinnen und Künstler aber auch, selbst für ihre Anliegen einzustehen und mit Kantonsrätinnen und -räten frühzeitig das Gespräch zu suchen. Denn im April würden die Unterstützungsmassnahmen im Kantonsrat thematisiert:

«Dies wird zu kontroversen politischen Diskussionen führen.»
Ursula Badrutt, Leiterin Kulturförderung Kanton St.Gallen.

Ursula Badrutt, Leiterin Kulturförderung Kanton St.Gallen.

Bild: Urs Bucher

Ursula Badrutt und Patricia Holder vom Amt für Kultur wiesen darauf hin, dass Kulturunternehmen, Vereine, Genossenschaften oder Stiftungen die Möglichkeit hätten, maximal 300'000 Franken für Transformationsprojekte zu beantragen, «damit die Kultur weiter existieren und ein Publikum haben kann». Konzepte, wie man mit neuen Angeboten, Kommunikationskanälen oder Formaten das Publikum wiedergewinnen oder neu auf sich aufmerksam machen könne, zählten dazu: «Inhaltlich haben wir es sehr offen formuliert», sagte Ursula Badrutt. 80 Prozent der Kosten für solche Transformationsprojekte würden übernommen.

Patricia Holder.

Patricia Holder.

Bild: Urs Bucher

«Wir sind alle im Krisenmodus. Es geht ums Überleben der Kultur», sagt Patricia Holder. Sie ermuntert die Kulturschaffenden und Institutionen, den Lockdown zu nutzen, um über den Regelbetrieb und über dessen zukünftige Ausrichtung nachzudenken.

Holder gab Beispiele für mögliche Transformationsprojekte. So könnten leer stehende Kulturlokale für Atelieraufenthalte zur Verfügung gestellt werden. Auch die Entwicklung von neuen Streaming-Formaten sei vorstellbar, etwa künstlerische Videoprojektionen.

Zum Schluss des Meetings verlieh Laura Bucher ihrer Hoffnung Ausdruck, dass es bald wieder möglich sein werde, sich physisch zu treffen und Kultur live vor Ort zu erleben und wünschte allen «gutes Durchhalten und Weiterdenken»: «Wir sind für Sie da.»