Kulturpolitik
«Kulturschaffende sollten auf die Strasse gehen»: Ostschweizer Künstlerinnen und Künstler tauschen sich im Zoom-Meeting über Motivationsprobleme, Brotjobs und Prosecco im Atelier aus

Auf Einladung der IG Kultur Ost haben sich rund 20 Kulturschaffende aus der ganzen Ostschweiz virtuell getroffen. In sehr persönlichen Wortmeldungen berichteten sie mitten im Kulturlockdown über ihre Gemütslage nach einem Jahr Pandemie.

Christina Genova
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Rund 20 Ostschweizer Kulturschaffende trafen sich auf Einladung der IG Kultur Ost zum Gedankenaustausch im Zoom-Meeting.

Rund 20 Ostschweizer Kulturschaffende trafen sich auf Einladung der IG Kultur Ost zum Gedankenaustausch im Zoom-Meeting.

Bild: Screenshot

«Wie geht’s euch eigentlich?», fragte die IG Kultur Ost die Ostschweizer Kulturschaffenden. Sie lud sie am Freitag, 29. Januar, zum sechsten Zoom-Meeting seit Ausbruch der Pandemie ein. Während es bei den vergangenen Treffen vor allem um praktische Fragen ging, um Ausfallentschädigungen, Nothilfe und wie man sie beantragen kann, tauschte man sich nach einem Jahr mit Corona für einmal über die eigene Gemütslage aus.

Rund 20 Kulturschaffende nahmen die Gelegenheit wahr zu erzählen, was es mit ihnen macht, wenn die Kulturhäuser geschlossen und Auftritte nur online möglich sind, der Austausch mit dem Publikum und mit anderen Künstlerinnen und Künstlern schmerzlich fehlt, und Einkünfte ausbleiben. Eines vorweg: Es war keine Jammerveranstaltung. Die Kulturschaffenden berichteten differenziert und ohne Selbstmitleid über ihre Situation.

Glückliches, kleines Fünkchen

Choreografin Gisa Frank.

Choreografin Gisa Frank.

Bild: Claudio Weder

Den Anfang macht Choreografin Gisa Frank aus Rehetobel. «Toll, die Leute am Bildschirm einmal ohne Maske zu sehen», freut sie sich. Ihre künstlerische Arbeit hat sie zu Gunsten ihrer Brotjobs in die Nächte verlagert:

«Mich hat die Angst gepackt, zu wenig Einkünfte zu haben.»

Ihr Geld verdient Frank mit fünf Minijobs. Als Glücksfall bezeichnet sie den Werkbeitrag der Ausserrhoder Kulturstiftung, den sie kürzlich erhalten hat. Er hilft ihr, ihre Projekte voranzutreiben. Zum Beispiel die Aktion «Anwesenheit 2020» in der Lokremise St.Gallen im Dezember, an der sie zusammen mit anderen Kulturschaffenden beteiligt war und die das abwesende Publikum thematisiert. Die zweite Ausgabe davon fand unter dem Titel «Anwesenheit 2021» vor zwei Wochen in der Grabenhalle statt, mit Kurzauftritten von 45 Kulturschaffenden.

Die beiden Aktionen gaben Gisa Frank das Gefühl, trotz allem schöpferisch unterwegs zu sein, sie seien für sie ein «glückliches, kleines Fünkchen» gewesen. Es habe ihr gutgetan, mit anderen zusammenzukommen. Sie hat einen Wunsch:

«Kulturschaffende sollen in irgendeiner kreativen Form auf die Strasse gehen.»

Der zweite Input kam von Simon Keller, dem künstlerischen Leiter der Bühne Thurtal. Er berichtete mit emotionalen Worten darüber, wie er zum schwierigen Entschluss kam, sein Theater in einen künstlerischen Dornröschenschlaf zu schicken.

Umplanen kostet sehr viel Energie

Ann Katrin Cooper vom Panorama Dance Theater, gleichzeitig auch Präsidentin der IG Kultur Ost, berichtet von widersprüchlichen Gefühlen. «Einerseits ist es für uns keine Option aufzuhören. Andererseits geht uns die Energie aus.» Trotzdem probt die St.Galler Tanzkompanie die neue Produktion weiter mit sechs Tänzerinnen und Tänzern, einer Ausstatterin und einer Assistentin: «Zehn Mal waren wir schon davor, alles abzublasen. Das ständige Abwägen hat sehr viel Energie gekostet.»

Ann Katrin Cooper.

Ann Katrin Cooper.

Bild: Arthur Gamsa

Als die Assistentin positiv auf Corona getestet wurde, schrammten sie nur knapp an der Katastrophe vorbei: «Wir hatten unfassbares Glück. Weil wir uns seit drei Tagen nicht mehr getroffen hatten, hat sich sonst niemand angesteckt.» Cooper sieht auch positive Aspekte an der momentanen Situation: Da man zurzeit nicht in Marketing und Ticketverkauf investieren müsse, könne man sich ganz auf den kreativen Prozess und die Inhalte konzentrieren.

«Es ist extrem energieraubend», sagt Lena Leuenberger vom Theater Bilitz in Weinfelden. Sie berichtet von der Unmöglichkeit zu planen: die Premiere der Eigenproduktion, das Gastspielprogramm des Theaterhauses Thurgau. «Trotzdem machen wir weiter. Sobald es möglich ist, treten wir auf.» Auch wenn eine Betriebsschliessung den Vorteil hätte, endlich Planungssicherheit zu haben, und sie manchmal darüber nachdenkt, wie es wäre, sechs Monate beim Contact-Tracing arbeiten und dann zurückzukehren.

Das Alte loslassen und Neues wagen

Johannes Rickli.

Johannes Rickli.

Bild: Benjamin Manser

Johannes Rickli vom St.Galler Kulturlokal Palace berichtet, dass man anfangs viel Zeit damit verbracht habe, das gewohnte Programm pandemietauglich zu gestalten. Bis man sich entschlossen habe, sich von den alten Formaten zu lösen: «Das hat gutgetan.» Nun steht das Palace Künstlerinnen und Künstlern für einwöchige Atelieraufenthalte zur Verfügung. Und die Erfreuliche Universität, das Vortragsformat des Palace, findet wöchentlich als Online-TV-Show statt.

Andrea Vogel.

Andrea Vogel.

Bild: Andrea Stalder

«Ich habe noch nie so viel Zeit gehabt wie jetzt», sagt die St.Galler Künstlerin Andrea Vogel. Ihren Brotjob, ein 50-Prozent-Pensum, musste sie wegen Kurzarbeit um die Hälfte reduzieren. Sie nutzt die Zeit für die Arbeit im Atelier. Da Museen und Galerien damit beschäftigt seien, bereits geplante Ausstellungen zu verschieben, würden Künstlerinnen und Künstler momentan nicht für neue Projekte angefragt:

«Für mich ist es schlimm, dass wir alles aufschieben müssen und nicht sichtbar sind.»

Auch Elisabeth Nembrini ist bildende Künstlerin. Sie war lange «recht zufrieden»: «Künstlerinnen und Künstler sind es gewohnt, allein zu arbeiten – ohne Auftrag, und lange ohne Resonanz.» Doch jetzt, nach so langer Zeit, spüre auch sie Motivationsprobleme. Sie fragt in die Runde: «Wie geht ihr damit um, dass ihr kaum jemanden trefft?» Kollegin Andrea Vogel rät, Freundinnen zum Austausch ins Atelier einzuladen: «Im Atelier zusammen Prosecco zu trinken, hat gutgetan.»

Existenzsicherung für Kulturschaffende

Auch das «Zürcher Modell», das die IG Kultur Ost auch für die Ostschweiz befürwortet, ist Thema im Zoom-Meeting. Im Kanton Zürich sollen professionelle Kulturschaffende vorerst von Dezember 2020 bis April 2021 eine Existenzsicherung von 3840 Franken erhalten, der Bund legt nun aber, wie die NZZ am Sonntag berichtet, das Veto dagegen ein.

«Ein garantiertes Einkommen würde sehr viel Druck wegnehmen», sagt Johannes Rickli. Der St.Galler SP-Kantonsrat Martin Sailer, der auch das Toggenburger Kleintheater Zeltainer betreibt, befürchtet jedoch, dass eine solche Lösung angesichts der extrem roten Zahlen im Budget des Kantons St.Gallen schlechte Chancen hätte.

Beatrice Mock.

Beatrice Mock.

Bild: red

Etwas kämpferischer wird der Ton zum Schluss: Theaterpädagogin Beatrice Mock fragt sich, weshalb Gottesdienste mit 50 Personen möglich seien, kulturelle Veranstaltungen hingegen nicht. «Ich find es skandalös, dass die Kirche eine grössere Lobby hat als die Kultur», sagt Andrea Vogel. Und Gisa Frank macht nochmals die Idee einer Kulturdemo beliebt.