Kulturförderung
Bald gibt's neue Kulturwanderungen: Das Projekt «Promenaden» bekommt 100'000 Franken von der Thurgauer Kulturstiftung

Es ist ein Novum in der schweizerischen Kulturförderung: Die Thurgauer Kulturstiftung hat mit «Ratartouille» einen Förderwettbewerb lanciert, der per Publikumswahl entschieden wird – und nicht durch Experten. Am Freitag stellten sich die drei Finalisten in Weinfelden zur Wahl. Das Projekt «Promenaden» gewann.

Roger Berhalter
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Gut gelaunt auf Platz 1: Richard Tisserand (links) und Reto Müller vom Kunstraum Kreuzlingen haben mit ihrem Projekt «Promenaden» das 50-köpfige Publikum überzeugt.

Gut gelaunt auf Platz 1: Richard Tisserand (links) und Reto Müller vom Kunstraum Kreuzlingen haben mit ihrem Projekt «Promenaden» das 50-köpfige Publikum überzeugt.

Bild: Ralph Ribi (Weinfelden, 2. Juli 2021)

«Dass Sie heute hier sind, ist ein Statement.» So begrüsst Stefan Wagner, Beauftragter der Thurgauer Kulturstiftung, das Publikum im Theaterhaus Thurgau in Weinfelden. Es ist Freitagabend, und statt sich das Viertelfinalspiel Schweiz-Spanien anzuschauen, haben sich die 50 Besucherinnen und Besucher entschieden, den Final des Wettbewerbs «Ratartouille» der Thurgauer Kulturstiftung live zu verfolgen. Das ist in der Tat ein Statement für die Kultur im Kanton Thurgau.

Stefan Wagner von der Thurgauer Kulturstiftung.

Stefan Wagner von der Thurgauer Kulturstiftung.

Bild: Andrea Stalder

Drei Teams sind noch im Rennen und versuchen mit originellen Präsentationen, die 50 Besucherinnen und Besucher von ihrer Idee zu überzeugen. Das Publikum entscheidet schliesslich per Wahlzettel, wer gewinnt und somit 100'000 Franken von der Thurgauer Kulturstiftung bekommt.

109 Besucher haben sich laut Stefan Wagner angemeldet. 50 wurden ausgelost – mehr sind wegen Corona nicht zugelassen – und sind nun im Theatersaal.

Mit den Pontonieren nach Rheinklingen

Als Erstes treten Richard Tisserand und Reto Müller vom Kunstraum Kreuzlingen auf. «Promenaden» heisst ihre Idee, mit der sie bestehende Thurgauer Kulturinstitutionen und -orte miteinander verbinden wollen. «Wir stellen das Publikum als Akteur ins Zentrum», sagt Tisserand. In Form von Rundgängen und Ausflügen soll man die Kultur im Kanton neu entdecken können.

«Es sind Spaziergänge, die immer wieder neu erfunden werden können.»

Eine mögliche «Promenade» erwähnt Tisserand in der Präsentation: Mit den Pontonieren von Stein am Rhein nach Rheinklingen, mit Zwischenhalt am Lehmufer, wo der Designer Willy Guhl in den 1950er-Jahren nach der passenden Form für seine Stühle suchte. Das sei aber nur ein Beispiel, weitere Ideen seien willkommen. Jede kann im Rahmen von «Promenaden» eigene Rundgänge anbieten.

Wettbewerb «Ratartouille» der Thurgauer Kulturstiftung

Die Thurgauer Kulturstiftung hat ihre Kulturförderung in diesem Jahr radikal umgekrempelt: Die Formate Werkschau Thurgau, Frauenfelder Lyriktage und «Tanz: Now» wurden gestrichen. Stattdessen lancierte die Stiftung einen interdisziplinären und mit 100'000 Franken dotierten Förderwettbewerb namens «Ratartouille». 17 Bewerbungen gingen ein, eine Fachjury wählte drei Projektteams aus, die zur Ausarbeitung ihrer Idee je 5000 Franken erhielten. Am 2. Juli mussten sich die Finalisten im Theaterhaus Thurgau in Weinfelden einer Publikumswahl stellen. 

Mit dieser Idee holen Tisserand und Müller am Freitagabend die meisten Stimmen und gewinnen den Wettbewerb. Sie dürfen nun ihr Projekt verwirklichen. Reto Müller freut sich über den Sieg: «Mitte August wird es ein Pilotprojekt geben.» In «Dieter Meiers Sommercamp» berichten die Medienkünstlerin Jessica Jurassica, der Rapper Daif und der Filmemacher Jeremias Heppeler von ihrem künstlerischen Aufenthalt in der Komturei Tobel. Ab Frühling 2022 soll es dann weitere «Promenaden» geben.

Die Mosterei wird zum Kunstraum und Technoclub

Auf dem zweiten Platz landet das Projekt «Kultur im Tankkeller». Ein Projektteam um Andrin Uetz und Pascal Leuthold möchte die stillgelegte Mosterei Egnach drei Monate lang zwischennutzen und mit Kultur bespielen. In ihrer Präsentation spuckten sie augenzwinkernd grosse Töne: Die Mosterei mit ihren hohen Räumen soll nichts weniger als die «Tate Modern des Thurgau», das «Berghain vom Bodensee» werden.

Am wenigsten Stimmen vor Ort holt das Projekt «Thurgau fix». Kulturvermittlerin Christine Müller Stalder möchte fünf Festivalwochenenden organisieren, an denen globale Megatrends auf originelle Art mit dem Thurgau verknüpft und in die Region geholt werden.

Das Publikum darf alle Projektteams nach deren Präsentation mit Fragen löchern. «Macht ihr das auch, wenn ihr die 100000 Franken nicht bekommt?», wird mehrfach gefragt – und jeweils mit Ja beantwortet. Auch wenn also nur ein Team den Kulturfinal gewonnen hat: Auch von den beiden anderen dürfte man noch hören.

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