Kulturaktion
«Wir sind noch da!»: 45 Ostschweizer Kulturschaffende markieren in der Grabenhalle mit Zehn-Minuten-Darbietungen Präsenz

Weil sie nicht mehr auftreten können, sind viele Kulturschaffende aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden. Mit der Performance-Aktion «Anwesenheit 2021» in St.Gallen sollen sie wieder sichtbar werden – wenn auch nur in Form eines Kurzfilms.

Roger Berhalter
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Autorin Ruth Erat (sitzend) und Bewegungspädagogin Maja Rimensberger während ihrer Darbietung in der Grabenhalle.

Autorin Ruth Erat (sitzend) und Bewegungspädagogin Maja Rimensberger während ihrer Darbietung in der Grabenhalle.

Bild: Michel Canonica (16. Januar 2021)

Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: Am 31. Januar 2020 sei sie zuletzt auf der Bühne gestanden, sagt Nelly Bütikofer. Fast ein Jahr lang also ist die Tänzerin aus Rapperswil nicht mehr öffentlich aufgetreten.

Und die Bühnen bleiben wegen Corona weiterhin geschlossen. Es gibt keine Konzerte, keine Theatervorstellungen, keine Kunstausstellungen und keine Filmvorführungen. Weil diese Plattformen fehlen, sind viele Kulturschaffende aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden.

Die Performance-Aktion «Anwesenheit 2021» möchte hier dagegenhalten. Ein Kollektiv um die Ausserrhoder Tänzerin Gisa Frank, den Kulturjournalisten Peter Surber und den Lichtensteiger Künstler Hanes Sturzenegger hat Kulturschaffende dazu aufgerufen, in der Grabenhalle Präsenz zu markieren.

Kameras statt Publikum: Die Darbietungen finden in der leeren Grabenhalle ohne Zuschauer statt.

Kameras statt Publikum: Die Darbietungen finden in der leeren Grabenhalle ohne Zuschauer statt.

Bild: Michel Canonica (16. Januar 2021)

«Wir möchten Sichtbarkeit herstellen», sagt Surber. Dies als Fortsetzung der Performance «Anwesenheit 2020» vom vergangenen Dezember. Damals wurde in der Lokremise ein einsames Publikum gefilmt, die Bühne blieb leer:

Nun ist es umgekehrt: Die Kulturschaffenden zeigen in der Grabenhalle vor laufender Kamera Performances ohne Publikum.

Musiker, Autorinnen, Schauspieler

Mehr als 45 Kulturschaffende sind dem Aufruf gefolgt und finden sich an diesem Samstagnachmittag in der Grabenhalle ein, gestaffelt und coronakonform. Sie kommen aus den Kantonen St.Gallen, beiden Appenzell, Graubünden, Bern und Zürich sowie aus Deutschland. Und sie kommen aus allen Sparten. Bildende Künstlerinnen sind darunter, ebenso Musiker, Autorinnen, Szenografinnen, Schauspieler, Tänzerinnen, Fotografen.

«Es ist eine gute Idee zu zeigen, dass es uns noch gibt», beurteilt Tänzerin Nelly Bütikofer die Aktion:

«Hier zu sein, gibt mir das Gefühl, dass ich nicht allein bin.»

«Wir geben hier ein Lebenszeichen. Es ist eine Möglichkeit, Solidarität zu zeigen», sagt Josef Felix Müller, Künstler und Präsident von Visarte Schweiz, dem Berufsverband für visuelle Kunst. Er hat einen Klappstuhl mitgebracht, auf den er sich in der Grabenhalle setzen werde um zu malen.

Künstler Josef Felix Müller.

Künstler Josef Felix Müller.

Bild: Hanspeter Schiess

«Wir haben eine Pandemie, das können wir nicht wegdiskutieren», sagt Anita Zimmermann. Die Künstlerin betreibt mit «Hiltibold» in der St.Galler Goliathgasse einer der ganz wenigen Kunstorte, die immer noch geöffnet sind. Gerade am Donnerstag habe man die neue Outdoor-Ausstellung eröffnet; die Vernissage sei nahtlos in eine fröhliche Schneeballschlacht übergegangen. «Der Künstlergeist geht trotz Corona nicht unter», sagt Zimmermann zufrieden.

Coronakonforme Dreiergrüppchen

Jeweils zu dritt dürfen die Künstlerinnen und Künstler die Grabenhalle betreten. Der Platz für die Performances ist mit weissem Klebeband am Boden markiert, damit der Abstand gewährleistet ist. Zehn Minuten Zeit bleibt jeweils, danach machen die Künstler Platz für das nächste Dreiergrüppchen. Zwei Stunden lang gibt sich so die Ostschweizer Kulturszene an diesem Nachmittag die Klinke in die Hand.

Bevor es losgeht, instruiert Gisa Frank die teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler. Jeweils in Dreiergrüppchen dürfen diese die Grabenhalle betreten.

Bevor es losgeht, instruiert Gisa Frank die teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler. Jeweils in Dreiergrüppchen dürfen diese die Grabenhalle betreten.

Bild: Michel Canonica (16. Januar 2021)

Auch die St.Galler Künstlerzwillinge Frank und Patrik Riklin sind gekommen. «Wir hinterlassen hier eine Spur», sagt Frank Riklin und zieht eine Schachtel mit weisser Kreide aus der Tasche. «Kultur ist die Basis. Wenn sie nicht wäre, würde der Gesellschaft vieles fehlen.» Sein Zwillingsbruder Patrik ergänzt:

«Die Kultur ist vielleicht systemrelevant und ganz sicher lebensrelevant.»

Während die Kulturschaffenden draussen auf dem Parkplatz auf ihren Auftritt warten, kommt es im kleinen Kreis zu angeregten Diskussionen. «Es ist schön, die Leute wieder mal im richtigen Leben zu treffen», sagt die Künstlerin Susann Albrecht. Selbst wenn es nur coronakonform versprengte und maskierte Grüppchen sind.

Eine «Geschichte der traurigen Traurigkeit»

Nachdenklich gibt sich Frauke Jacobi, Co-Leiterin des St.Galler Figurentheaters.

Frauke Jacobi vom Figurentheater St.Gallen.

Frauke Jacobi vom Figurentheater St.Gallen.

Bild: PD

Sie hat ihre Puppe Filou in einer Tasche mitgebracht. Eine «Geschichte der traurigen Traurigkeit» wolle sie erzählen. Sie freut sich, dass so viele Kulturschaffende dem Aufruf gefolgt und zur Grabenhalle gekommen sind:

«Es ist gut, dass wir hier auf uns aufmerksam machen. Wir sind ja langsam gar nicht mehr da.»

Der Kurzfilm zu «Anwesenheit 2021» erscheint Ende Januar.