Kultserie
Die Simpsons mit Jodel und Sackmesser: Eine St.Gallerin und ihre Freundin entwickelten einen Couch-Gag für die berühmte US-Zeichentrickserie

Janine Wiget aus Schänis und ihre Kollegin Katrin von Niederhäusern konnten als erste Schweizerinnen für die US-Fernsehserie «The Simpsons» arbeiten. Beinahe wäre es nie dazu gekommen.

Christina Genova
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Die St.Gallerin Janine Wiget (rechts) und ihre Freundin und Kollegin Katrin von Niederhäusern beim Kartoffelschnitzen für den Simpsons-Couch-Gag.

Die St.Gallerin Janine Wiget (rechts) und ihre Freundin und Kollegin Katrin von Niederhäusern beim Kartoffelschnitzen für den Simpsons-Couch-Gag.

Bild: PD

Ein Victorinox-Sackmesser, eine Kartoffel und eine Hand, die unter Jodeln in Windeseile das Gesicht von Homer Simpson in die Kartoffel schnitzt. So beginnt der Couch-Gag von «Burger Kings», der Folge 18 von Staffel 32 von «The Simpsons», der wohl bekanntesten US-amerikanischen Zeichentrickserie. Sie karikiert den Alltag einer typisch amerikanischen Familie und wird schon seit 1989 produziert.

Der trottelige Familienvater Homer Simpson wird mit dem Schweizer Sackmesser in die Kartoffel geschnitzt.

Der trottelige Familienvater Homer Simpson wird mit dem Schweizer Sackmesser in die Kartoffel geschnitzt.

Bild: PD

Entwickelt haben diesen Couch-Gag, der jede Folge der Serie einleitet, die gebürtige St.Gallerin Janine Wiget und ihre Freundin und Kollegin Katrin von Niederhäusern. Am Ende jedes Gags treffen sich die Simpsons jeweils auf der Couch vor dem Fernseher.

Die ganze Familie Simpson, bestehend aus dem trotteligen Vater Homer, der aufopfernden Mutter Marge, dem frechen Sohn Bart, der hochbegabten Tochter Lisa und Baby Maggie, stempeln die beiden 32-jährigen Grafikdesignerinnen während des Couch-Gags in rascher Folge auf blaues Papier.

Die ganze Familie Simpson als Kartoffelstempel.

Die ganze Familie Simpson als Kartoffelstempel.

Bild: PD

Dann landet das Sackmesser auf der Couch und anstelle von Klingen und Werkzeugen klappen die fünf Familienmitglieder heraus. Schliesslich spickt Vater Homer aus dem Messer und bleibt in der Wand stecken. Und fertig ist der erste Schweizer Couch-Gag. Nur knapp 20 Sekunden dauert er, doch Janine Wiget und ihre Freundin haben zwei Wochen Arbeit in das Projekt investiert. Einen ganzen Tag lang waren sie nur am Kartoffeln schnitzen. Janine Wiget, die in Schänis aufgewachsen ist, erzählt am Telefon:

«Wir sind die ersten Schweizerinnen, die für die ‹Simpsons› etwas machen durften.»
Die Familie Simpson als Schweizer Sackmesser. Über dem Sofa hängt ein Emmentaler mit Schweizer Fähnchen.

Die Familie Simpson als Schweizer Sackmesser. Über dem Sofa hängt ein Emmentaler mit Schweizer Fähnchen.

Bild: PD

In den USA wurde die «Simpsons»-Folge mit Schweizer Beteiligung am 12. April ausgestrahlt. Wann sie im deutschsprachigen Raum zu sehen sein wird, ist noch nicht klar. Als Reaktion auf die Sendung erschienen zahlreiche Medienberichte und auch die Firma Victorinox meldete sich bei den beiden Frauen: «Sie wusste nicht, dass im Couch-Gag ein Sackmesser vorkommt, hat sich aber total darüber gefreut.» Höchstwahrscheinlich wird es für die aktuelle Victorinox-Kollektion zu einer Zusammenarbeit kommen.

Keine Starallüren

Jodeln, Sackmesser und Schweizer Käse über der Couch: Warum so viel klischeehafte Swissness? «Wir sind sonst nicht so patriotisch. Wir fanden es aber witzig, etwas typisch Schweizerisches einzubeziehen», erzählt Janine Wiget, die seit zehn Jahren in Zürich lebt. Sie und von Niederhäusern produzierten alle Elemente für den Couch-Gag, die dann in den USA animiert wurden. Die Zusammenarbeit mit den Simpson-Machern sei eng und «mega schön» gewesen: «Sie hatten überhaupt keine Starallüren.» Künstlerisch waren die beiden Schweizerinnen völlig frei:

«Sie sagten: Das ist euer Couch-Gag, wir wollen euch nicht reinreden.»

Al Jean, der verantwortliche Produzent, und seine Leute hätten sich explizit einen frischen Input von Künstlern mit einer eigenen Handschrift gewünscht.

Homers Fresstour durch New Orleans nachgestellt

Doch wie haben Janine Wiget und Katrin von Niederhäusern es geschafft, Teil der Kultserie zu werden? Alles begann im Oktober 2019 mit einer Reise nach New Orleans. Wiget, die ein grosser New-Orleans-Fan ist und schon viermal dort war, stiess per Zufall auf die «Simpsons»-Folge «Lisa Gets The Blues» aus Staffel 29, in welcher Homer sich durch die Spezialitäten von 54 Restaurants der Stadt frisst.

Janine Wiget (links) und Katrin von Niederhäusern haben Homers Fresstour mit viel Liebe zum Detail nachgestellt.

Janine Wiget (links) und Katrin von Niederhäusern haben Homers Fresstour mit viel Liebe zum Detail nachgestellt.

Bild: PD

Die beiden Grafikerinnen, die häufig gemeinsam auf Reisen gehen, beschlossen, die Fresstour nachzustellen. Vor der Reise bereiteten sie sich akribisch vor, recherchierten die Öffnungszeiten der Restaurants, erstellten Zeit- und Routenpläne. Eine ganze Ferienwoche investierten sie, um den Film zu realisieren:

«Wir machten es für uns selbst, ohne Hintergedanken.»

Doch zur grossen Überraschung der beiden Frauen ging der Film sehr schnell viral, bis heute wurde er auf Youtube über 4,3 Millionen Mal angeklickt. Unter den über 200 E-Mails mit Reaktionen, die schon in den ersten Tagen eintrafen, hätte von Niederhäusern beinahe die Nachricht von Juliet Kaufman übersehen und gelöscht, der Assistentin von Matt Selman, einem der Autoren und Produzenten der «Simpsons». Es war eine Einladung: «Falls ihr jemals in Los Angeles seid, kommt doch bei uns vorbei.»

Das liessen sich Wiget und von Niederhäusern nicht zweimal sagen und buchten gleich ihre Flüge. Sie wurden durch die Studios geführt und im Pausenraum sagte einer der Produzenten beiläufig zu ihnen: «Wir finden eure Arbeit super. Macht doch einen Couch-Gag.» Die Kontakte wurden ausgetauscht, dann blieb es ein paar Monate lang ruhig.

Die beiden Grafikdesignerinnen beschlossen, selbst aktiv zu werden, und schickten erste Ideen nach LA. Sie kamen gut an, doch bis Chefproduzent Al Jean schliesslich sein Okay gab, brauchte es noch etwa Geduld: «Wir waren aber immer sehr zuversichtlich, dass es klappt», sagt Wiget. Sie hofft, dass ihre Geschichte auch andere dazu inspiriert, anstatt zuerst Probleme zu wälzen, einfach mal zu machen. Und seine Chancen zu packen.

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