Künstlerische Ergüsse im Sog des Wassers: Im St.Galler Kunstraum Auto ex Nextex ist Brunnenkunst aus der Ostschweiz zu sehen

Die Aufgabenstellung war so offen wie klar: Lasst euch von einem Ostschweizer Brunnen zu einem neuen Kunstwerk inspirieren! Sieben Kunstschaffende haben die Herausforderung angenommen und sich mit Brunnen von Amriswil bis Diepoldsau auseinandergesetzt. Eines vorneweg: Aus keiner der Arbeiten kann man trinken.

Christina Genova
Drucken
Teilen
Skizze zu Marion Täschlers animierte Projektion. Sie zeigt, wie eine Brunnenfigur verschiedene Tiere an der Leine hält - vom Käfer bis zum Säuli.

Skizze zu Marion Täschlers animierte Projektion. Sie zeigt, wie eine Brunnenfigur verschiedene Tiere an der Leine hält - vom Käfer bis zum Säuli.

Michel Canonica

Im Sommer im Brunnentrog planschen, einander nass spritzen. Auf Kinder übt Wasser eine grosse Faszination aus. Deshalb ist es wohl kein Zufall, dass vier der sieben Kunstschaffenden, die im St.Galler Projektraum Auto ex Nextex ausstellen, sich mit ihren Arbeiten auf Brunnen ihrer Kindheit beziehen. Die beiden Projektleiterinnen Angela Kuratli und Anna Beck-Wörner haben sie eingeladen, sich künstlerisch mit einem Brunnen aus der Ostschweiz auseinanderzusetzen. Die Ausstellung trägt den Titel «Remixing: Öffentlichkeit, Brunnen und andere Geschichten».

Entstanden sind sieben neue, sehr unterschiedliche Arbeiten, von denen sich manche stark von ihrer ursprünglichen Inspirationsquelle entfernt haben. Gerade diese haben jedoch eine besonderen Reiz, weil sie sichtbar machen, wie unvorhersehbar künstlerische Transformationsprozesse ablaufen. Gerade deshalb wäre es interessant gewesen, in der Ausstellung Fotos der ausgewählten Brunnen betrachtten zu können.

Marc Norbert Hörlers Text ist als Installation auf einem Tisch ausgelegt.

Marc Norbert Hörlers Text ist als Installation auf einem Tisch ausgelegt.

Michel Canonica

Marc Norbert Hörler erinnerte sich an einen einfachen Betonbrunnen in Gonten, der neben dem Haus stand, wo er aufgewachsen ist und heute ganz anders aussieht. Der 31-jährige Künstler, der in Berlin lebt, benutzte den Brunnen als Ausgangspunkt, um über Wasser als sinnlichen Erinnerungsträger, Innerrhoden und die Tradition des Gebetsheilens («för Hitz ond Brand tue») nachzudenken. Resultat dieser Überlegungen ist ein assoziativer, poetischer Text, der in einer näheren oder ferneren Zukunft spielt, in welcher die Natur sich Gonten zurückerobert hat.

Marc Norbert Hörler.

Marc Norbert Hörler.

PD

Im Text, der im Appenzeller Dialekt und auf Englisch verfasst ist, kommt die Freude des studierten Linguisten an der Sprache zum Ausdruck. Er liegt als Publikation zum Mitnehmen vor. In der grafischen Gestaltung von Lucas Kramer giesst er sich wie ein Wasserschwall über das Papier. Zum Text gehört auch ein speziell komponierter Duft, der die Reise durch Zeiten und Räume unterstützt.

Grausame Kinderspiele

Verspielte Hommage an den Brunnen ihrer Kindheit: Fotoarbeit von Thi My Lien Nguyen.

Verspielte Hommage an den Brunnen ihrer Kindheit: Fotoarbeit von Thi My Lien Nguyen.

Michel Canonica
Thi My Lien Nguyen.

Thi My Lien Nguyen.

PD/Joel Hunn
Bruno Spoerles Fantasia-Brunnen entstand 1999.

Bruno Spoerles Fantasia-Brunnen entstand 1999.

Susann Basler

Auch Thi My Lien Nguyen befasst sich mit einem Brunnen, der ihr aus ihrer Kindheit vertraut war. Der Fantasia-Brunnen von Bruno Spoerlé steht in Amriswil, wo die Künstlerin aufgewachsen ist. Die 25-Jährige begann im Umfeld des 2003 verstorbenen Künstlers zu recherchieren und traf auch einen guten Freund Spoerlés, der ihr viele Geschichten über den Tinguely von Amriswil erzählte.

Aus der «Recherchewolke» in ihrem Kopf schuf Thi My Lien Nguyen, die an der Hochschule Luzern Design und Kunst studierte und heute in Winterthur lebt, eine vom Fantasia-Brunnen inspirierte Fotoarbeit, ebenso verspielt wie der mit kletternden Männchen und Vögeln verzierte Brunnen: «Ein Werk, das aus den Begegnungen, den Geschichten, meinem Empfinden und meinen Erinnerungen entstand. Eine Art Selbstporträt und eine Art Zitat», schreibt dazu die Künstlerin.

Marion Täschler hingegen benutze den Lukasbrunnen aus ihrer Herkunftsgemeinde Diepoldsau dazu, sich in Form einer Animation Gedanken zur Beziehung zwischen Mensch und Tier zu machen. Wie die 32-Jährige herausfand, sollte der Brunnen ursprünglich einen Buben darstellen, der einen Maikäfer und eine Spule in den Händen hält. Kinder banden früher im Rheintal Fäden an Maikäfer und liessen sie wie Drachen steigen. Weil der Gemeinde als Auftraggeberin dieser Brauch als zu grausam erschien, hält der Bub nun einen «Törgga», einen Maiskolben, in der Hand.

Lukasbrunnen mit Bub und Maiskolben.

Lukasbrunnen mit Bub und Maiskolben.

PD/Marion Täschler

Die Animation zeigt die Brunnenfigur, wie sie verschieden Tiere an der Leine führt, vom Delphin, über ein Kaninchen, bis zum Säuli. Haustier, Nutztier, Wildtier - wie behandeln wir welche Tiere? Warum verhätscheln wir die einen und beuten die andern aus? Es sind Fragen, die in dieser Arbeit aufgeworfen werden.

Auch der Rehetobler Künstler Frank Keller suchte einen Brunnen aus seiner Kindheit auf. In der Ausstellung zeigt er einen verrosteten Brunnenstöpsel, den er auf seinem Ausflug dorthin gefunden hat. Begleitet wird das als minimalistische Skulptur inszenierte Fundstück von einer Tonspur, die das Gurgeln des Wassers wiedergibt.

Ein verrosteter Brunnenstöpsel führt zurück in Franke Kellers Kindheit.

Ein verrosteter Brunnenstöpsel führt zurück in Franke Kellers Kindheit.

Michel Canonica

Der Klang des Wasser spielt auch bei Barbara Brülisauers Arbeit eine wichtige Rolle. Die 45-jährige St.Gallerin, die heute in Basel lebt, hat sich mit dem Goldbrünneli, das sich in St. Gallen unterhalb des Dreilindenhangs befindet, befasst. Der vermutlich älteste Brunnen der Stadt St.Gallen ist heute nüchtern in Beton gefasst, das ursprüngliche Quellwasser läuft über einen Schacht ab. Brülisauer folgt ihm mit der Kamera in die Tiefe, eine Tonspur mit Meeresrauschen begleitet den Sog des Wassers.

Barbara Brülisauer spürt dem Wasser in die Tiefe nach.

Barbara Brülisauer spürt dem Wasser in die Tiefe nach.

Michel Canonica

Brunnen flicken als Performance

Dort hingegen, wo sich der unscheinbare Brunnen befindet, den David Berweger zum Ausgangspunkt seiner künstlerischen Recherchen machte, ist die Welt noch in Ordnung. Seine Wahl fiel auf einen einfachen, aus einem Baumstamm geschnitzten Brunnen, der sich neben der idyllisch gelegenen Ottilien-Kapelle im Guggerloch in Appenzell Innerrhoden befindet. Da die Heilige Ottilia für Augenleiden zuständig ist, besuchen Pilgerinnen und Pilger die Kapelle in der Hoffnung auf Heilung.

Malerpaletten aus Plastik in Holzoptik: Kaum zu glauben, dass ein Brunnen David Berweger zu dieer Arbeit inspirierte.

Malerpaletten aus Plastik in Holzoptik: Kaum zu glauben, dass ein Brunnen David Berweger zu dieer Arbeit inspirierte.

Michel Canonica

Der 38-jährige Bürger von Stein AR ging sehr frei mit dieser Ausgangslage um. Das Holz des Brunnen findet sich wieder im Astkieferdekor, mit welchem er billige Malerpaletten aus Plastik bedrucken liess. Wasser benötigt man für das spezielle Druckverfahren, das angewandt wurde. Und die Referenz an die Heilige Ottilia besteht nicht nur in der Augentäuschung durch das Trompe-l’œil-Objekt, sondern auch in der Art, wie die Malerpaletten als Insignien des Künstlers schlechthin wie Votivgaben an der Wand dargebracht sind.

Andy Guhl beim «Steinaufzug».

Andy Guhl beim «Steinaufzug».

PD

Auch der moosbewachsene Brunnen, mit welchem sich Andy Guhl befasst hat, befindet sich an einem lauschigen Ort - im Freudenbergwald oberhalb des St.Galler Naherholungsgebiets Drei Weieren. Der St.Galler Künstler, der für seinen virtuosen Umgang mit Alltagselektronik bekannt ist, hat mit «Steinaufzug» für einmal eine sehr analoge Arbeit entwickelt.

Skizze der Brunnenskulptur.

Skizze der Brunnenskulptur.

Christina Genova

In einem ersten Schritt hat er im Rahmen einer Performance ein abgeplatztes Stück des Brunnenstockes über ein Hebesystem aus dem Trog geborgen und hochgezogen. In dieser Position verharrt der Stein, bis er am Ende der Ausstellung im zweiten Teil der Performance wieder an seinen ursprünglichen Platz gesetzt wird. In der Ausstellung ist eine Projektskizze und ein Foto des Brunnens zu sehen.

«Remixing: Öffentlichkeit, Brunnen und andere Geschichten», bis 15.11., Projektraum Auto ex Nextex, Wassergasse 47, St.Gallen. Prefinissage: 12.11., 19 bis 21 Uhr; 15.11., Steinsetzen mit Andy Guhl, 11 Uhr bis 12.30 Uhr, Treffpunkt Parkplatz Dreilinden vor Frauenbad, beim Weiher, Wanderzeit: ca. 15 Minuten, Gesamtdauer ca 90 Minuten.