Krautrock
Vogelgesang und Handyklingeln: Das Album des Thurgauer-St.Galler Duos Subito Zeitlos klingt wie ein Hörspiel

Früher machten die Musiker Andrin Uetz und Samuel Weniger Schlager. Unter ihrem neuen Namen Subito Zeitlos arbeiten sie mit persönlicheren Klängen. Gesammelt haben sie sie auf der ganzen Welt: In einem Pub in London, in einem Park in Sao Paulo, an den Protesten in Hongkong.

Roger Berhalter
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Das Stofflager als Proberaum: Samuel Weniger (links, aus St.Gallen) und Andrin Uetz (aus Egnach) haben ihr Album «Attachment» in einer stillgelegten Stickerei in Balgach aufgenommen.

Das Stofflager als Proberaum: Samuel Weniger (links, aus St.Gallen) und Andrin Uetz (aus Egnach) haben ihr Album «Attachment» in einer stillgelegten Stickerei in Balgach aufgenommen.

Bild: Ralph Ribi (Balgach, 10. April 2021)

«Du fühlst dich bald wieder besser. Die Zeit heilt alles! ALLES!», ruft der Mann. Eine zweite Männerstimme mahnt auf Englisch, doch bitte leiser zu sein. Diese kurze Szene ist auf dem Album «Attachment» von Subito Zeitlos zu hören.

«Die Energie dieses Moments war sehr speziell», erinnert sich Samuel Weniger. Er stand in einer Londoner Bar am Tresen, hörte das angeregte Gespräch und nahm es mit dem Handy auf.

Auf «Attachment», dem ersten Album von Subito Zeitlos, wimmelt es von solchen Momenten. Man hört Vogelgezwitscher, Sprachnachrichten, Strassenlärm, Naturgeräusche, Handyklingeln, Sprechchöre, Gemurmel und Geschrei – und natürlich auch Musik.

Töne aus Miami, Sao Paulo, London und Hongkong

«Wir alle dokumentieren unser Leben ständig, fast lückenlos», sagt Samuel Weniger mit Blick auf die Bilder- und Textflut in den sozialen Medien. Auch er und sein Musikerkollege Andrin Uetz aus Egnach haben unzählige Fotos geschossen, Filmchen gedreht und Klänge aufgenommen.

Dies auf der ganzen Welt: Weniger arbeitet als freischaffender Filmemacher und hat die vergangenen Jahre in London und Miami verbracht, wo er zusammen mit Beat Oswald den viel beachteten Dokfilm «Golden Age» drehte.

Trailer zum Film Golden Age, der den skurrilen Alltag in einem Altersheim in Miami dokumentiert.

Quelle: Youtube

Uetz wiederum forscht als Musikwissenschafter an der Universität Bern und beschäftigt sich professionell mit Klangatmosphären. «Ich habe viele Stunden an Material», sagt der 34-Jährige. Zum Beispiel hat er mit dem Mikrofon die Proteste in Hongkong aufgenommen. Auch das Echo in einem Betonpavillon in Sao Paulo hat Uetz dokumentiert. Ebenso die Nachtigall, die er einmal spätabends in Egnach singen hörte.

Ursprünglich als Soundtrack gedacht

Andere würden diese Erlebnisse auf Instagram oder Facebook posten. Weniger und Uetz aber haben aus den Aufnahmen ein Album gemacht. «Es war ursprünglich als Film gedacht, als Soundtrack zu einem Videoclip», sagt Weniger.

Als Grundlage nahmen sie Songs, die Uetz geschrieben hatte – ganz traditionell mit Strophe und Refrain. Uetz spielte Gitarre und sang, Weniger trommelte dazu. In einer alten Stickerei in Balgach, wo Weniger sein Atelier hat, nahmen sie die Lieder auf.

Subito Zeitlos in ihrem Proberaum in Balgach. Andrin Uetz spielt Gitarre und singt, Samuel Weniger trommelt.

Subito Zeitlos in ihrem Proberaum in Balgach. Andrin Uetz spielt Gitarre und singt, Samuel Weniger trommelt.

Bild: Ralph Ribi

Anschliessend dekonstruierte Weniger die Songs wieder:

«Ich habe den Sound wie einen Film geschnitten. Das Album hat wahnsinnig viele Schichten. Wir wollten testen, was geht.»

«Popmusik ist meist sehr komprimiert, frontal und eindimensional», sagt Uetz. «In der realen Welt hören wir aber dreidimensional. Das wollten wir in unseren Sound einfliessen lassen.» So ist schliesslich das 35-minütige «Attachment» entstanden. Ein Album wie ein Hörspiel, geschnitten wie ein Film.

Video von Samuel Weniger zum Song «m i a».

Bei all diesen Feldaufnahmen ist es aber doch vor allem Andrin Uetz’ Stimme und Gitarre, die beim Hören haften bleibt. Als Gitarrist virtuos und präzis, als Sänger unaufdringlich melodiös, singt er vom Loslassen und Festhalten. Dazu trommelt Weniger auf dem Schlagzeug, aber auch mit allerhand Perkussivelementen.

Blick auf das Schlagwerk-Arsenal von Subito Zeitlos.

Blick auf das Schlagwerk-Arsenal von Subito Zeitlos.

Bild: Ralph Ribi

Kaum zu glauben, dass die beiden bis vor kurzem noch Schlager gespielt haben: Als Teil des Quartetts «Europa Neue Leichtigkeit» verbrachten sie «frivole Jahre der Schlager-Dekonstruktion», wie sie im Pressetext schreiben.

Von Bossa Nova über Krautrock bis Techno

Subito Zeitlos ist ihr neues Projekt. Es ist in zahlreichen Jamsessions in Wenigers Stickereiatelier in Balgach entstanden und musikalisch zwischen Krautrock, Tropicalismo und elektronischer Musik angesiedelt. Man hört Bossa-Nova-Gitarren, sphärische Flächen, herzzerreissende Melodien und sogar ein wenig Techno.

So etwas live auf die Bühne zu bringen, scheint unmöglich. Doch Weniger und Uetz arbeiten daran. Sie haben sich weitere Musiker ins Boot geholt: Den Bassisten Sandro Heule und den Analog-Synthesizer-Experten Carlo Rainolter. In einer Industriehalle in Widnau verwandelt sich das Konzept-Duo gerade in eine Liveband. Weniger: «Das Fundament steht, jetzt bauen wir darauf auf.»

Das Album «Attachment» von Subito Zeitlos ist ab 19. April bei Bandcamp erhältlich.

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