Kostbare Augenblicke zuhauf: Die Pianistin Anna Fedorova mit Beethoven, Chopin und Spätromantik in der Tonhalle St. Gallen

Standing Ovations gab es am Samstag Abend nach dem Klavierrezital von Anna Fedorova in der Tonhalle: ein speziellen Zeiten geschuldeter Ersatz für Pausen-Schwärmereien im Foyer.

Bettina Kugler
Drucken
Teilen
Die ukrainische Pianistin Anna Fedorova: nicht zum ersten Mal wurde sie in der Tonhalle St. Gallen mit Standing Ovations gefeiert.

Die ukrainische Pianistin Anna Fedorova: nicht zum ersten Mal wurde sie in der Tonhalle St. Gallen mit Standing Ovations gefeiert.

Bild: Marco Borggreve

Das immerhin darf man noch - und muss es, nach rund 75 Minuten pausenloser Virtuosität und Ausdrucksfülle auf der Bühne: Vom Sitz aufspringen, applaudierend Wind und Lärm machen, auch wenn das die flüchtige Magie der Musik zerstört. Sich wenigstens am Ende des Konzertes als begeistertes Kollektiv formieren - eine Schrumpfstufe angeregter Kommunikation, wie sie ihren festen Platz an Kulturorten wie der Tonhalle hat.

Die Standing Ovations galten am Samstag Abend Anna Fedorovas pianistischer Gestaltungskraft, der Anmut, mit der die junge Ukrainerin von einem Augenblick zum anderen die straffen Zügel lockerlassen, ins schwebend Leichte, Lyrische, Vieldeutige gleiten kann, ohne sich je ins Vage zu verlieren. Das Präludium zu diesem Abend hätte man auch zu Hause hören können, auf einer CD, die Anna Fedorova letztes Jahr zusammen mit dem Sinfonieorchester St. Gallen aufgenommen hat.

Da spielte sie neben Sergei Rachmaninows 1. Klavierkonzert und dessen Paganini-Variationen auch eine Auswahl von Préludes und bewies durchweg ihr enormes technisches Können, vor allem aber auch ihr Fingerspitzengefühl für die Klangwelt des russischen Spätromantikers.

Gefühlsstürme zwischen Klassik und Spätromantik

Viel schöner freilich ist es, Maske hin oder her, die Pianistin live zu erleben, die Energie wahrzunehmen, mit der sie die Bühne und den Saal erfüllt. Zu sehen, wie die Gefühlsstürme einer Beethoven-Sonate, zumal der Nr. 23 f-Moll, der «Appassionata», zwischen Kraftakt und unermüdlicher Beweglichkeit changieren und jeden mitreissen, der sich dem Augenblick hingibt.

Kostbare Augenblicke gab es viele im Rezital der 30-jährigen Künstlerin: Sei es in Alexander Skrjabins zweisätziger gis-Moll-Sonate, in den drei Préludes Rachmaninows oder den abschliessenden Chopin-Nocturnes, mit denen sich das Publikum noch nicht verabschieden lassen wollte. Auf die Ballade Nr. 1 g-Moll folgte denn noch ein Walzer - und ein Abstecher in südliche Gefilde, mit dem Feuertanz aus Manuel de Fallas «El Amor Brujo».

Ihr Spiel hat Verve, aber auch stets klare Konturen, es singt und atmet - oder schreitet energisch voran, wie im Andante con moto der Beethoven-Sonate. Ein unsichtbarer Motor treibt hier die Musik voran, und doch wirkt es nie mechanisch, sondern ruhig und gelassen. Erfahrungen, über die man sich gerne in der Pause austauschen würde, wenn es denn eine gäbe.

Sicher, Konzertprogramme profitieren von der Konzentriertheit, die sich aus der Abfolge ohne Unterbrechung ergibt. Ohne das Schlangestehen vor dem WC, ohne die Hektik der Pausengastronomie. Was leidet, ist der Dialog, der Austausch über das geteilte, vielleicht auch kontrovers diskutierte Hörerlebnis. Dass das fehlt in der «neuen Normalität», war aus dem langen Schlussapplaus herauszuhören. Standing Ovations mögen diese Verständigung, einen angeregten geselligen Diskurs zeitweilig kompensieren - aber hoffentlich nicht auf lange Sicht zum Verschwinden bringen.

Mehr zum Thema