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Auch der grösste Egoist will teilen: Durch die Ausstellung «Sharity – Teilen, Tauschen, Verzichten» mit dem Psychologieprofessor Theo Wehner

Das Kunstzeughaus Rapperswil-Jona widmet derzeit den Megatrends von Tauschbörsen, Gemeinschaftsgärten und Zero Waste die Ausstellung «Sharity». Der Organisationspsychologe Theo Wehner erklärt anhand dreier Exponate, wieso wir von Geburt an gerne teilen – und eigentlich auch verzichten.

Viola Priss
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Tauschen, teilen, verzichten: Arbeitspsychologe Theo Wehner erklärt die Begriffe aus psychologischer Sicht anhand dreier Ausstellungsstücke.

Tauschen, teilen, verzichten: Arbeitspsychologe Theo Wehner erklärt die Begriffe aus psychologischer Sicht anhand dreier Ausstellungsstücke.

Bilder: Arthur Gamsa

Wieso teilen wir, was tauschen wir und wann sind wir bereit zu verzichten? In der derzeitigen Ausstellung «Sharity – Teilen, Tauschen, Verzichten» des Kunstzeughaus' Rapperswil-Jona hinterfragen Künstlerinnen und Künstler in 29 zeitgenössischen wie historischen Werken den zum Lifestyle avancierten Trend des Teilens. Anhand dreier Ausstellungsstücke erklärt Theo Wehner, emeritierter Professor und Arbeitspsychologe der ETH Zürich, wann Teilen etwas mit Solidarität zu tun hat und wann mit Egoismus. Er wagt ausserdem eine Prognose: Haben wir dank der Covid-19-Pandemie zu verzichten gelernt oder die Jahrhundertchance verpasst?

Teilen: «Es gibt nichts Urchristlicheres als Teilen»

Arbeitspsychologe Theo Wehner vor dem Werk Hans Baldung Griens «Der Heilige Martin zu Pferde, mit dem Bettler seinen Mantel teilend».

Arbeitspsychologe Theo Wehner vor dem Werk Hans Baldung Griens «Der Heilige Martin zu Pferde, mit dem Bettler seinen Mantel teilend».

Bild: Arthur Gamsa

Mehr teilen, als der Heilige Martin es in der biblischen Legende getan hat, geht nicht, so der Psychologe. Er zeigt sich beeindruckt von dem Werk Hans Baldung Griens aus dem 17. Jahrhundert, das den «Heiligen Martin zu Pferde, mit dem Bettler seinen Mantel teilend» zeigt.

«Er gibt dem Bedürftigen nicht nur ein Stück, er teilt den Mantel komplett, er besitzt davon am Ende genau so viel und wenig wie der Bettler, friert genau so viel oder wenig. Damit hat er sich auf Augenhöhe mit ihm begeben – auch wenn er nicht vom Pferd gestiegen ist.»

Doch existiert reine Nächstenliebe ausserhalb der Kunst und Mythologie, ist sie heute nicht mehr ein naives Bild, ob gezeichnet oder erzählt? «Es gibt nichts Urchristlicheres als Teilen», sagt Wehner. Und nach wie vor sei es ein erstrebenswertes Gefühl, sich von einer gefühlten Bringschuld gegenüber Ärmeren zu befreien. «Es ist aber das eine, ein T-Shirt mit «Refugees welcome» zu tragen oder einen Flüchtling bei sich aufzunehmen.»

Tauschen: «Man tauscht, um anderes zu besitzen, es ist nur besser»

Arbeitspsychologe Theo Wehner auf dem interaktiven Schauplatz der Ausstellung.

Arbeitspsychologe Theo Wehner auf dem interaktiven Schauplatz der Ausstellung.

Bild: Arthur Gamsa

Auf dem Tauschplatz «The Sharing Project» von Joel Tauber sehen wir ein Paradies für Kinder. Um eine Schiefertafel reihen sich entsorgte Puppen, Marionetten und Tröten. Die Botschaft: Lass etwas da, nimm anderes mit. Tauschen ist besitzen, nur besser. Aufgewertet werde das andere durch einen ideellen Wert: «Da kann eine Puppe noch so auseinanderfallen – für den Besitzer ist sie die hundertprozentige Puppe. Auch dieser Erfahrungswert wird mitgetauscht.»

Ein Einblick in die Ausstellung mit Theo Wehner.

Video: Kunstzeughaus Rapperswil-Jona

Den Beweis liefern dem Psychologen Kinder auf dem Spielplatz. Kaum sei der Sandkasten erreicht, schon werde die wertvolle Lieblingsschaufel fallengelassen und bereitwillig gegen eine schäbige andere eingetauscht. Was dahinter stecke? Bei Kleinkindern sei das Tauschen wie Teilen selbstverständlich. «Sie sind neugierig und vertrauen. Denn offenbar spielt es sich mit der anderen Schaufel auch ganz hervorragend. Sie verlernen das erst mit ihrer Sozialisierung und müssen es dann wieder neu erlernen.»

Die Künstlerin Tonjaschja Adler wirft mit ihrem Werk «Für Dich habe ich nichts» Fragen auf, mit wem wir gerne teilen und wo wir Grenzen ziehen.
6 Bilder
Ausstellungsobjekte der Ausstellung "Sharity" im Kunstzeughaus Rapperswil.
Ausstellungsobjekte aus dem Garten. Das Kunstzeughaus Rapperswil-Jona hat seit Frühling 2019 einen eigenen Gemeinschaftsgarten auf dem Zeughausareal, das von Freiwilligen gepflegt, genutzt und geernet wird.
Beiträge der Studentinnen und Studenten der benachbarten Kunstschule auf dem Zeughausgarten.
«Genossenschaft ShareCom», unbekannter Fotograf. Die Grundidee des gemeinsam genutzen Fahrzeuges hat seine Wurzeln in der 1987 gegründeten Genossenschaft «ShareCom» aus Zürich-Seebach.
Arbeitspsychologe Theo Wehner vor den Urformen des Teilens im Christentum. Links im Bild: «Der Heilige Martin zu Pferde, mit dem Bettler seinen Mantel teilend» von Hans Baldung Grien, rechts: «Die heilige Dreifaltigkeit» aus dem 17. Jahrhundert. Beide Werke sind Leihgaben aus dem Bestand des Kunstmuseum St. Gallen.

Die Künstlerin Tonjaschja Adler wirft mit ihrem Werk «Für Dich habe ich nichts» Fragen auf, mit wem wir gerne teilen und wo wir Grenzen ziehen.

Arthur Gamsa

Verzichten: «Ich verzichte gerne, wenn Du verzichtest»

Das Volk in überdimensionaler Grösse: «Alle Daten dem Volke», ein Wandgemälde des Künstlerkollektivs Superflex.

Das Volk in überdimensionaler Grösse: «Alle Daten dem Volke», ein Wandgemälde des Künstlerkollektivs Superflex.

Bild: Arthur Gamsa

Das Kunstwerk des Künstlerkollektivs Superflex, in erschlagender Grösse, Blau auf orangem Acryl, scheint den Museumsgast schier anzuschreien: «Alle Daten dem Volke», propagiert es. Für Wehner gibt es keinen grösseren Verzicht als den Verzicht auf Anonymität. «Wie sieht ein Volk aus, mit dem ich gerne alle Daten teilen würde?», fragt er rhetorisch. Wie ein Volk aussieht, für dessen Gesundheit ich meine Freiheit einschränke – diese Frage jedenfalls stellte sich mit Covid-19 weltweit jeder.

Verzichten, weil es sich am Ende lohnt

«Ich verzichte gerne, wenn du verzichtest. Verzicht ist das Grundelement der Demokratie.» Insofern sei die Pandemie auch die Generalprobe für den Umgang mit dem Klimawandel. Ob wir diese Lektion gelernt haben, weniger Neues kaufen, nicht mehr fliegen, nicht immer mehr wollen? Theo Wehner zögert, dann nickt er: «Ich habe Hoffnung.»

Als bedrohlich empfunden werde nicht das Verzichten per se. Nur das «Verzichten Müssen». Der Verzicht auf ein eigenes Auto erfülle den Zweck, Ressourcen zu schonen, auch die eigenen. Erdöl, Parkplätze in der Stadt, Geld – all diese Ressourcen stünden beschränkt zur Verfügung: «Car-Sharing» zeugt also eher von wirtschaftlichem Denken als von der Bereitschaft zu teilen. Müssen wir aber verzichten, oder sehen wir uns auch nur davon bedroht, geschähe etwas wie 2020: Die Menschen begännen, Toilettenpapier zu horten oder sich zu verweigern: «Sobald man mir die Autonomie nimmt, fühle ich mich ohnmächtig. Und kein Ohnmächtiger verzichtet freiwillig.»

Nur wer in Zeiten der Pandemie die Gesellschaft als «Volkskörper» und sich als Teil davon verstehe, trage gerne zur Gesundheit dieses «Gemeinwohls» bei. Das habe er selbst erlebt, erzählt Wehner schmunzelnd. Gegen Mai sei es ihm beinahe schon peinlich gewesen, selbst in den Supermarkt zu gehen, denn fast täglich bekam er das Angebot: «Soll ich für Sie einkaufen gehen?»

Die Ausstellung «Sharity – Teilen, tauschen, verzichten» im Kunstzeughaus Rapperswil-Jona läuft bis zum 16. Mai 2021.
Eine Führung zum Thema Freiwilligenarbeit mit Theo Wehner und Simone Kobler, Co-Direktorin Kunstzeughauses, findet am 24. März um 18.30 Uhr statt. Weitere Informationen finden Sie hier.