Kolumnenfestival
Satire und Sagenhaftes auf 2500 Metern über Meer: Auf dem Säntis fand die zweite «Kolumination» mit Wortkunst aus drei Ländern statt

Ein empörter Protest gegen Hamburger mit Zwiebel-Confit, eine resignierte Beschwerde über die Berliner Bundestagswahl und ein Plädoyer auf den guten alten Rasenkantenmäher: Am Wochenende trafen sich die besten Kolumnistinnen und Slampoeten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz auf dem Säntis.

Kathrin Signer
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Bei der zweiten «Kolumination» stand das Thema «Leistung» im Vordergrund.

Bei der zweiten «Kolumination» stand das Thema «Leistung» im Vordergrund.

Bild: PD

Originell sollen sie sein, ein wenig kritisch, aber nicht zu sehr, dafür humorvoll, jedoch nicht ironisch, denn verständlich müssen sie bleiben – hauptsächlich aber kurz und pointiert. Für Schreibblockaden reicht die Zeit nicht. Die Kakerlakenplage des Nachbarn, das hippste Müslirezept oder die Leute, die beruflich Gesetze beschliessen, es aber nicht sollten – die Kolumne hat einen Platz für sie alle.

Reinhard Frei, Projektleiter Kolumination

Reinhard Frei, Projektleiter Kolumination

Bild: Urs Bucher

Acht der besten Verfasserinnen und Verfasser dieser journalistischen Kurzform trafen sich am Wochenende zur zweiten «Kolumination» auf dem Säntis. Das Gipfeltreffen auf dem höchsten Berg des Alpsteins soll nicht nur den geistreichen Texten, sondern auch den Printmedien selbst eine Plattform bieten. Projektleiter Reinhard Frei sagt:

«Im Online-Zeitalter ist es wichtig, das gedruckte Wort zu pflegen.»

Flüchtiges literarisches Erdbeben

Die Kolumne ist ein polarisierender Meinungsbeitrag, ein selbstironischer Blick in die Verwinkelungen des eigenen Gehirns, eine Zeitungsspalte exotischer Weltsicht oder ein flüchtiges literarisches Erdbeben. Eine lustvolle Form, aber keine simple. Das wusste schon die ukrainische Kolumnistin Clarice Lispector, aus deren Werk der Schauspieler Matthias Flückiger am Samstagmorgen vorlas:

«Beim Schreiben macht nur eines Probleme. Nämlich, dass man auf Worte angewiesen ist. Sehr unbequem.»
Schauspieler Matthias Flückiger las historische Kolumnen vor.

Schauspieler Matthias Flückiger las historische Kolumnen vor.

Bild: PD

Ein wenig unbequem war das wortreiche Wochenende für die Slampoeten Marvin Suckut, Mieze Medusa und Gregor Stäheli. Am Freitag erhielten sie vom Publikum Gute-Nacht-Mümpfeli auf Suddelzetteln: Ausgehend von skurrilen Begriffen wie Rasenkantenmäher, Flüsterbelag oder Restlaufzeit sollten die drei bis zum nächsten Morgen bühnenreife Texte vorbereiten.

Die halbe Nacht tippten sie an der Bar die Tastaturen ihrer Laptops heiss. Verblüffend tiefgründig und humorvoll war allerdings, was die schlaflosen Stunden zu Tage förderten. Der Stuttgarter Marvin Suckut etwa spannte einen Bogen von der menschlichen Sterblichkeit, über Motor-Metaphern, einem Käsefetisch bis hin zu seiner gegenwärtigen Lust, sich nackt in eine Waschstrasse zu stellen.

Mieze Medusa steht seit 2002 als Rapperin und Spoken-Word-Performerin auf internationalen Bühnen.

Mieze Medusa steht seit 2002 als Rapperin und Spoken-Word-Performerin auf internationalen Bühnen.

Bild: PD

Zweimal ausverkauft

Die «Kolumination» war auch in der zweiten Auflage mit je 80 Teilnehmenden pro Tag ausverkauft. Der Säntis, den der ehemalige Ausserrhoder Regierungsrat Hans Höhener liebevoll das «schönste Gebirgsstück der Erde» nennt, bot sich hinsichtlich des Mottos «Grenzen» der ersten «Kolumination» als Austragungsort an. Der Blick auf die Nachbarländer habe aber so gut gefallen, dass man sich wieder auf dem Gipfel treffen wollte, heuer mit dem Thema «Leistung».

Die Vorarlbergerin Monika Helfer las von einem Mann, der seit einer Reise in den Orient die Fähigkeit hat, über dem Boden zu schweben. Allerdings schwebt er nur vor den Augen seiner Frau. Sie ist überzeugt, dass er moralisch verpflichtet ist, diese Leistung der Welt zu zeigen. Am Ende stürzt er aus dem Fenster. Wer war im Recht?

Die Schriftstellerin Monika Helfer lebt und arbeitet in Hohenems.

Die Schriftstellerin Monika Helfer lebt und arbeitet in Hohenems.

Bild: Kathrin Signer

Politischer ging der deutsche «Focus»-Kolumnist Jan Fleischhauer das Thema an und schimpfte leidenschaftlich über die Leistungen der deutschen Landeshauptstadt. Berlin scheitere an den simpelsten Aufgaben, etwa an der parallelen Organisation der Bundestagswahl und eines Marathons: Minderjährige hätten abgestimmt, in einem Wahllokal gab es zu wenig Wahlzettel, mal wurden die Resultate geschätzt oder eine Wahlbeteiligung von 150 Prozent angegeben.

Zuletzt las die Baslerin Tamara Wernli versöhnliche Zeilen über das Altern. Vielleicht gehe es ab Mitte vierzig gar nicht steil abwärts und wenn, dann nur mit der Gesichtshaut. Sie hofft, in der zweiten Lebenshälfte eine neue Gelassenheit zu finden, unabhängig von vergangenen Leistungen. Oder der neuen Falte am Auge. Oder der letzten gelungenen Kolumne.

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