Offener Brief
«Scherbenhaufen», «Desaster»: Autor Christoph Keller greift St.Galler Stadträtin Sonja Lüthi wegen der Spitex-Krise frontal an

Vor bald einem Jahr hat der St.Galler Autor Christoph Keller sein Buch «Jeder Krüppel ein Superheld» veröffentlicht. Wie Keller über seine fortschreitende Muskelkrankheit schreibt, ist einzigartig; er öffnet damit Nichtbehinderten die Augen. In seinem monatlichen Blog schreibt Keller Briefe an Schweizer Persönlichkeiten. Heute an die St.Galler Stadträtin Sonja Lüthi.

Christoph Keller
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An Frau Sonja Lüthi, Stadträtin
Rathaus
9000 St.Gallen


St.Gallen, am 10. Juni 2021

Sehr geehrte Frau Stadträtin

Die St.Galler Stadträtin Sonja Lüthi.

Die St.Galler Stadträtin Sonja Lüthi.

Bild: Tobias Garcia

Vielleicht hat es etwas Gutes, dass die Spitex, die Organisation, die vielen Menschen Pflege und Hilfe zu Hause leistet, in das Bewusstsein der Bevölkerung rückt. Ohne Spitex wären viele – mich mit eingeschlossen – nicht in der Lage, in der eigenen Umgebung zu wohnen. Dafür bin ich den (mehrheitlich) Frauen, die diese schwierige, heikle und vor allem sehr intime Arbeit leisten, unendlich dankbar. Sie sind für mich die Spitexsuperheldinnen.

Der Grund aber, weshalb die St.Galler Spitex zurzeit Öffentlichkeit erhält, ist kein guter. Seit einem halben Jahr läuft nun ein Trauerspiel ab, für das Sie als zuständige Stadträtin die Verantwortung tragen. Mehrheitlich spielt sich der Skandal, denn ein solcher ist es, hinter den Kulissen ab. Was wir in der Öffentlichkeit mitbekommen, sind Beschwichtigungen, Abwiegelungen und Floskeln. Diese deuten auf ein weit ernsthafteres Problem hin, eines, das viel Unsicherheit, Leid und gar – ich übertreibe nicht – Leben kosten kann.

Nun ist der Geschäftsführer mit sofortiger Wirkung zurückgetreten. Oder wäre die korrekte Wortwahl «abgehauen»? Er hinterlässt einen stattlichen Scherbenhaufen, für den er natürlich zur Verantwortung gezogen wird. Nein, halt, wird er nicht! Vielmehr wird Herr Zellweger für seine «Herkulesarbeit» gelobt. Als sei die Spitex der Stall des Augias, der ausgemistet werden muss. Oder die Hydra, deren Köpfe abgeschlagen gehören. Wobei der griechische Held nicht abgehauen ist, sondern seine Arbeit gemacht hat.

Alles, was Ihnen, liebe Frau Stadträtin, zu diesem Desaster einfiel, war, dass der Zeitpunkt «ungünstig» sei.

Was ist mit den Spitexmitarbeitenden, welche die eigentliche Arbeit leisten? Wir wissen es nicht, denn sie sind vertraglich zum Schweigen verpflichtet. Ungewöhnlich viele von ihnen hatten ungewöhnlich rasch von dem vergifteten Arbeitsklima genug. Sie wollten sich in eine Reorganisation, die Profit über Menschlichkeit stellt, nicht «einbringen» (dies scheint eine Ihrer Lieblingsfloskeln zu sein). Sie wollten nicht, dass immer mehr «niedriger qualifizierte Personen» (Ihr Interview mit dieser Zeitung vom 22.3.2021) eingesetzt werden. Angehört wurden sie anscheinend nicht. Wir wissen es nicht, denn sie dürfen ja nicht darüber reden.

Diesen Vorgang bezeichneten Sie als «branchenüblich». Ich glaube nicht, dass er das ist. Sie sagten dazu, es sei okay für Sie, wenn sich jemand neu orientieren wolle. Sie hätten lieber «motivierte Mitarbeitende». Und seither? Kamen weitere Kündigungen hinzu. Nun, Motivation muss man auch motivieren.

Und über die Betroffenen, über uns Spitexklienten? Habe ich nichts gehört. Ausser dass die «Versorgungssicherheit» gewährleistet sei. Mit «niedriger qualifizierten Personen». Was für uns ganz und gar nicht «okay» ist. Weil potenziell gefährlich.

Kürzlich habe ich ein Buch mit dem Titel «Jeder Krüppel ein Superheld: Splitter aus dem Leben in der Exklusion» veröffentlicht. In diesem geht es direkt, hart, intim um mein – nun Spitexleben, wenn Sie so wollen. Was es alles so braucht, bis ich meinen Weg vom Bett via Badezimmer in meinen Rollstuhl geschafft habe. Mit beträchtlicher Hilfe meiner Frau, die auch eine Heldin ist, oder eben einer Spitex. Die Spitex ist ein wichtiges Element, um aus der Exklusion zu kommen. Was mich hier, neben der Kompetenz, motiviert, ist die branchenübliche Menschlichkeit dieser Frauen.

Frau Stadträtin, vielleicht finden Sie die Zeit, mein Buch zu lesen. Vielleicht öffnet es Ihnen die Augen. Vielleicht verstecken Sie sich danach nicht mehr hinter Floskeln und übernehmen die Verantwortung. Vielleicht forschen Sie nach, wie es zu diesem Schlamassel gekommen ist. Vielleicht kann dann aus den Fehlern gelernt und eine in jeder Beziehung, nicht nur als «Branche» funktionierende Spitex aufgebaut werden.

Für mich ist es allerdings auch «okay», wenn Sie sich «neu orientieren» wollen. Ich habe lieber motivierte Stadträtinnen.

Mit freundlichen Grüssen

Christoph Keller
Schriftsteller und Spitexklient
www.christophkeller.us


Zur Person

Christoph Keller – Schriftsteller
Bild: Tobias Garcia

Christoph Keller – Schriftsteller

Christoph Keller wurde 1963 geboren. Er ist in St.Gallen aufgewachsen, wo er heute als freier Schriftsteller wieder wohnt. 20 Jahre lang hat er in New York gelebt und dort seine ersten Bücher auf Englisch veröffentlicht. Keller ist aufgrund der fortschreitenden Krankheit spinale Muskelatrophie auf einen Rollstuhl angewiesen. Seine Romanfantasie «Der Boden unter den Füssen» wurde mit dem Alemannischen Literaturpreis 2020 ausgezeichnet. In seinem neuesten Buch «Jeder Krüppel ein Superheld» erzählt Keller von den Hürden, die er mit seiner Behinderung täglich zu nehmen hat.
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