Kolumne
Briefe von Christoph Keller: «Wir wollen da raus! Schreiben aus der Exklusion» – Monat 4/12

Der St.Galler Autor Christoph Keller schreibt in seinem neuen Buch «Jeder Krüppel ein Superheld» schonungslos über seine fortschreitende Muskelkrankheit und öffnet damit Nicht-Behinderten die Augen. Darum geht es ihm auch in seinem monatlichen Blog, in welchem der Autor Briefe an Schweizer Persönlichkeiten schreibt. Heute erhält der St.Galler Regierungspräsident und Gesundheitsdirektor Bruno Damann von Keller bereits das zweite Schreiben, nachdem der Autor mit der Antwort des Politikers alles andere als zufrieden war.

Christoph Keller
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An Regierungpräsident Bruno Damann
Vorsteher des Gesundheitsdepartements St. Gallen
Oberer Graben 32
9001 St. Gallen


St. Gallen, am 3. Dezember 2020

Sehr geehrter Regierungspräsident Bruno Damann

Ich danke Ihnen für Ihre Zeilen und das Mitgefühl, dass Sie meiner Situation gegenüber ausdrücken. Allerdings schreibe ich an Sie nicht als Patient, sondern als besorgter Bürger, der Fragen an seine Regierung hat. Diesen Fragen sind Sie ausgewichen. Ich erlaube mir daher, sie Ihnen noch einmal zu stellen.

Bruno Damann.

Bruno Damann.

Bild: Arthur Gamsa

Natürlich hoffen wir alle, dass es in den Spitälern zu keiner Triage kommt. Solange es jedoch Schlagzeilen wie «Die Schweiz ist auch bei den Covid-Todesfällen an der Weltspitze» und «Die Wirkung der Corona-Massnahmen ist bereits verpufft» gibt, die Infektionszahlen und auch der Reproduktionswert zu hoch bleiben, fällt es mir schwer, erste «nicht schlechte» Anzeichen zu sehen, wie Sie vage schreiben. Hier ist Goyas Klarheit gefragt. Ich frage also noch einmal: Was bedeutet eine Triage, was Bettenknappheit für Menschen mit Behinderungen? Wie wird hier entschieden? Heute ist übrigens der Internationale Tag der Menschen mit Behinderungen. Helfen Sie mit Ihren Antworten mit, mehr Bewusstsein für uns zu schaffen.

Dass Sie auf meine andere Frage überhaupt nicht eingehen, finde ich befremdlich, haben Sie sie doch öffentlich ins Spiel gebracht. Also stelle ich auch diese ein weiteres Mal: Wie können wir Ihrer Meinung nach als Gesellschaft das Sterben wieder lernen? Als Vorsteher des Gesundheitsdepartements sind Sie prädestiniert, dieses wichtige Thema anzugehen. Im Übrigen glaube ich, dass viele von uns sich weit mehr mit Sterben und Tod auseinandersetzen als Sie vielleicht wahrnehmen: die Artikel, Bücher (Romane – einer hat gerade den Schweizer Buchpreis gewonnen) – und Sachbücher, Therapieangebote u.v.m. sind zahlreich: Sie sprechen ein Bedürfnis an.

Nun haben Sie sich selber angesteckt: Ich wünsche Ihnen einen milden Verlauf, schnelle Besserung und unsere beste medizinische Versorgung. Passen wir alle gut aufeinander auf.

In der Hoffnung, von Ihnen bald Konkreteres zu lesen, wünsche auch ich Ihnen viel Kraft und Zuversicht.

Mit den besten Grüssen

Christoph Keller

Bruno Damanns E-Mail-Antwort

Das Antwortschreiben des Regierungspräsidenten ist kurz und knapp.

Das Antwortschreiben des Regierungspräsidenten ist kurz und knapp.

Bild: Screenshot

Regierungspräsident Bruno Damann hofft, dass man in den Spitälern keine Triage machen muss. Doch der Frage, was dies für die behinderten Menschen bedeuten würde, weicht er aus. (gen)

Zur Person

Christoph Keller - Schriftsteller
Bild: Benjamin Manser

Christoph Keller - Schriftsteller

Christoph Keller wurde 1963 geboren. Er ist in St.Gallen aufgewachsen, wo er heute als freier Schriftsteller wieder wohnt. 20 Jahre lang hat er in New York gelebt und dort seine ersten Bücher auf Englisch veröffentlicht. Keller ist aufgrund der fortschreitenden Krankheit spinale Muskelatrophie auf einen Rollstuhl angewiesen. Seine Romanfantasie «Der Boden unter den Füssen» wurde eben mit dem Alemannischen Literaturpreis 2020 ausgezeichnet. In seinem neuen Buch «Jeder Krüppel ein Superheld» erzählt Keller von den Hürden, die er mit seiner Behinderung täglich zu nehmen hat.