Kolumne
Briefe von Christoph Keller: «Wir wollen da raus! Schreiben aus der Exklusion» – Monat 9/12

Der St.Galler Autor Christoph Keller hat kürzlich sein neues Buch «Jeder Krüppel ein Superheld» veröffentlicht. Wie Keller über seine fortschreitende Muskelkrankheit schreibt, ist einzigartig; er öffnet damit Nicht-Behinderten die Augen. In seinem monatlichen Blog schreibt Keller Briefe an Schweizer Persönlichkeiten. Heute an die Basler Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron.

Christoph Keller
Merken
Drucken
Teilen

Herzog & de Meuron Basel Ltd.
Rheinschanze 6
4056 Basel


St. Gallen, am 16. April 2021

Sehr geehrte Herren Herzog & de Meuron

Die Architekten Herzog & de Meuron.

Die Architekten Herzog & de Meuron.

Bild: Daniel Nussbaumer

Ich schreibe Ihnen als langjähriger Bewunderer Ihres Werkes. Als ich noch in New York gelebt habe, verfolgte ich gespannt, wie Ihr 56 Leonard Street Tower an Höhe und Eleganz gewann. Ganz in der Nähe, wo wir jetzt in St. Gallen wohnen, befindet sich der Hauptsitz der Helvetia Versicherungen, dessen Ursprünge auf 1989 zurückgehen und an den mittlerweile drei Erweiterungsbauten angedockt worden sind: ein progressives lokales Wahrzeichen!

Ein jüngeres, noch geprieseneres Werk befindet sich auf 2262 Meter auf dem Toggenburger Chäserrugg. Auch wenn wir uns längst daran gewöhnt haben, finde ich es noch immer aussergewöhnlich, dass unsere Transportmittel uns in so schwindel-erregende Höhen tragen können. Und oben auf dem Berggipfel, in der Bergstation, empfängt auch die Rollstuhlfahrerinnen alles, was diese brauchen, ein wahrhafter Showroom von Universal Design, also der Kunst, so zu bauen, dass niemand merkt, dass es für alle geeignet ist.

Und doch weist ihr Gebäude einen ironischen Makel auf. Einer wie ich im Rollstuhl kommt zwar in das Gebäude auf dem Berggipfel, aber nicht aus diesem heraus auf den eigentlichen Berg. Die Frontseite, jene mit dem spektakulärsten Blick, wird von einer sehr breiten Treppe dominiert, auf der die nichtbehinderten Leute sitzen, um die Bergwelt zu geniessen. Was es dort unverständlicherweise nicht hat, ist eine Rampe. Und hier die Ironie: Treppen gebieten einem wie mir in der Regel, draussen zu bleiben. Hier heisst es für einmal: Bleib drinnen.

Ins Gipfelrestaurant Chäserrugg der renommierten Basler Architekten Herzog und de Meuron kommt man als Rollstuhlfahrer zwar hinein, aber nicht heraus auf den eigentlichen Berg.

Ins Gipfelrestaurant Chäserrugg der renommierten Basler Architekten Herzog und de Meuron kommt man als Rollstuhlfahrer zwar hinein, aber nicht heraus auf den eigentlichen Berg.

Bild: Hanspeter Schiess

Meine Frau und ich blieben hartnäckig. Wir suchten das Gebäude auf eine für uns geeignete Möglichkeit ab, es zu verlassen, um doch wenigstens ein bisschen Berg unter die Füsse und Räder zu bekommen. Wir fanden eine gut verborgene Rampe (Hinweise auf Barrierefreiheit finden sich weder im Gebäude noch auf der Website), und wussten gleich: Mit dieser plumpen Holzlattenkonstruktion haben Herzog & de Meuron nichts zu tun.

Mit der Hilfe meiner Frau bewältigte ich die Rampe rückwärts. Das ist gefährlich und entwürdigend. Immerhin, wir waren draussen.

Später vernahm ich übrigens, dass ich aus dem alten Gebäude problemlos hätte herausrollen können. Gar bis zum Aussichtspunkt gekommen wäre. Nein, wir können nicht das ganze Alpmassiv barrierefrei gestalten; höchstens einen winzigen Teil. Zum Beispiel die Pfade um die Bergstation. Und auch wenn Sie vermutlich nicht für die Aussenwelt auf dem Chäserrugg zuständig waren – das Gewicht ihres guten Namens könnte auch diese verändern helfen.

Im vergangenen Herbst habe ich ein Buch mit dem Titel «Jeder Krüppel ein Superheld: Splitter aus dem Leben in der Exklusion» veröffentlicht, das weite Kreise zieht und das ich Ihnen durch meine Buchhandlung zukommen lasse. Einer dieser Splitter (auf Seite 111) handelt von unserer Erfahrung auf dem Chäserrugg. Es würde mich freuen, wenn Sie das Buch lesen und darauf als Architekten reagieren, die Menschen mit Behinderung ohnehin schon mitdenken, aber es vielleicht noch mehr tun könnten.

Es grüsst Sie herzlich, dankt Ihnen für Ihre gute Arbeit und freut sich, von Ihnen zu hören

Christoph Keller
Schriftsteller und Rollstuhlfahrer
www.christophkeller.us


Zur Person

Christoph Keller - Schriftsteller
Bild: Tobias Garcia

Christoph Keller - Schriftsteller

Christoph Keller wurde 1963 geboren. Er ist in St.Gallen aufgewachsen, wo er heute als freier Schriftsteller wieder wohnt. 20 Jahre lang hat er in New York gelebt und dort seine ersten Bücher auf Englisch veröffentlicht. Keller ist aufgrund der fortschreitenden Krankheit spinale Muskelatrophie auf einen Rollstuhl angewiesen. Seine Romanfantasie «Der Boden unter den Füssen» wurde mit dem Alemannischen Literaturpreis 2020 ausgezeichnet. In seinem neusten Buch «Jeder Krüppel ein Superheld» erzählt Keller von den Hürden, die er mit seiner Behinderung täglich zu nehmen hat.
Mehr zum Thema