Kolumne
Briefe von Christoph Keller: «Wir wollen da raus! Schreiben aus der Exklusion» – Monat 8/12

Der St.Galler Autor Christoph Keller hat kürzlich sein neues Buch «Jeder Krüppel ein Superheld» veröffentlicht. Wie Keller über seine fortschreitende Muskelkrankheit schreibt, ist einzigartig; er öffnet damit Nicht-Behinderten die Augen. In seinem monatlichen Blog schreibt Keller Briefe an Schweizer Persönlichkeiten. Heute an Sandro Brotz, den Moderator der SRF-«Arena».

Christoph Keller
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An Herrn Sandro Brotz
Moderator Arena/SRF
Fernsehstrasse 1-4
8052 St.Gallen


St. Gallen, am 18. März 2021

Sehr geehrter Sandro Brotz

Ist die «Arena» eine behindertenfreie Zone? Darüber müssen wir reden.

Sandro Brotz, Moderator SRF-«Arena».

Sandro Brotz, Moderator SRF-«Arena».

Bild: SRF/Oscar Alessio

Je weiter ich mich durch das Sendungenarchiv durchklicke, umso weniger werde ich fündig. Sie moderieren die «Arena» seit Mai 2019, das sind gut achtzig Mal fünfundsiebzig Minuten. Macht 100 Stunden Nationalfernsehen. Über das Thema «Behinderung» gefühlt: nichts. Wie viele Gäste mit einer Behinderung sind aufgetreten?

Selbst bei Sendungen, bei welchen Sie Diskriminierung zum Thema machen, wie jene über die Gleichstellung der Frauen, der (zweiten) Rassismusdiskussion und jener über das Anti-Diskriminierungsgesetz, kommt Behinderung nicht vor.

Wie spannend, bereichernd und wirklich divers wäre es gewesen, etwa eine schwarze Frau im Rollstuhl darüber reden zu hören, wie es ihr mit diesem doppelten Anderssein in der Schweiz ergeht!

Diskriminierung von Menschen mit Behinderung, dieses hochbrisante politische Thema, aber wird nicht thematisiert.

Gerne mache ich Ihnen zwei Vorschläge, diesen Unzustand zu ändern. Einmal: Ein guter Teil Ihrer Gäste repräsentiert die Menschen in der Schweiz mit Behinderung, also etwa zwanzig Prozent, regelmässig. So wird Behinderung in der Schweiz viel sichtbarer. Und zum Thema. Und Ihre Sendung wird attraktiver, weil vielfältiger. Aber, entscheidend: Diese Menschen reden nicht über (ihre) Behinderung, sondern über die «Diktatur» Schweiz, was sie von Burkas oder Palmöl halten oder über Corona, was sie mit guter Wahrscheinlichkeit härter trifft als andere. Denn «wir Behinderten» sind nicht einzig Experten im Behindertensein.

Was mich zu meinem zweiten Vorschlag bringt: Machen Sie Diskriminierung gegen Menschen mit Behinderung zum Thema einer «Arena»-Sendung. Oder gleich mehreren: Wir haben ein grosses Nachholbedürfnis. Diskutieren Sie aber nicht, ob es diese denn in der Schweiz überhaupt gibt. (Ja, es gibt sie, sie ist strukturell, in Stein gemeisselt und nicht aus den Köpfen zu kriegen). Sondern, wie unser Land mit Diskriminierung (nicht) umgeht.

Ich stelle mir eine diverse Gruppe vor, eine, die natürlich auch «Nichtbehinderte» zu Wort kommen lässt. Nur so geht es: Wenn wir endlich ALLE darüber reden.

Mit diesem Schreiben überreiche ich Ihnen mein jüngstes Buch, in dem es um Behinderung und Diskriminierung geht. Es heisst «Jeder Krüppel ein Superheld: Splitter aus dem Leben in der Exklusion». Ich würde mich freuen, wenn Sie die Zeit fänden, es zu lesen – ich höre immer wieder, mein Buch sei ein Augenöffner in Sachen Inklusion – und bin gespannt auf Ihre Antwort auf meine Vorschläge.

Christoph Keller
Schriftsteller und Rollstuhlfahrer


Zur Person

Christoph Keller - Schriftsteller
Bild: Tobias Garcia

Christoph Keller - Schriftsteller

Christoph Keller wurde 1963 geboren. Er ist in St.Gallen aufgewachsen, wo er heute als freier Schriftsteller wieder wohnt. 20 Jahre lang hat er in New York gelebt und dort seine ersten Bücher auf Englisch veröffentlicht. Keller ist aufgrund der fortschreitenden Krankheit spinale Muskelatrophie auf einen Rollstuhl angewiesen. Seine Romanfantasie «Der Boden unter den Füssen» wurde eben mit dem Alemannischen Literaturpreis 2020 ausgezeichnet. In seinem neuen Buch «Jeder Krüppel ein Superheld» erzählt Keller von den Hürden, die er mit seiner Behinderung täglich zu nehmen hat.
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