Kolumne
Briefe von Christoph Keller: «Wir wollen da raus! Schreiben aus der Exklusion» – Monat 7/12

Der St.Galler Autor Christoph Keller hat kürzlich sein neues Buch «Jeder Krüppel ein Superheld» veröffentlicht. Wie Keller über seine fortschreitende Muskelkrankheit schreibt, ist einzigartig; er öffnet damit Nicht-Behinderten die Augen. In seinem monatlichen Blog schreibt Keller Briefe an Schweizer Persönlichkeiten. Dabei erweist er sich als hartnäckig: Weil ihn das Antwortschreiben der Jury des Schweizer Buchpreises nicht ganz überzeugt hat, hakt der Autor heute mit einem zweiten Brief nach.

Christoph Keller
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An die Jury des Schweizer Buchpreises
c/o LiteraturBasel
Theaterstrasse 22
4051 Basel


St. Gallen, am 11. Februar 2021

Sehr geehrte Katrin Eckert, sehr geehrter Daniel Graf

Nun war ich mit der Antwort säumig – verzeihen wir uns, in einer Pandemie ticken die Uhren anders, dehnt und zieht sich die Zeit in einer Weise wieder zusammen, die uns noch immer fremd ist. Und herzliche Gratulation an Anna Stern, die jüngste (wirklich jüngste, glaube ich) Gewinnerin. Das hat mich überrascht und sehr gefreut.

Besonders bedanken möchte ich mich für Ihre sorgfältige und ausführliche Antwort auf meinen Brief. Ja, der Vorwurf der Diskriminierung ist kein unbeträchtlicher, doch mache ich ihn allen, auch mir. Ich glaube, keine ist frei davon, jeder wird sich dabei ertappen, nicht immer alles lupenrein richtig zu machen. Eine diskriminierungsfreie Welt ist eine Utopie, die wir anstreben müssen.

Dennoch machen Sie es sich mit Ihrer Antwort, so ausführlich sie ist, etwas einfach. Wenn Sie schreiben, Sie könnten nur Bücher beurteilen, die eingereicht werden, weil das die Regeln sind, ändern Sie doch die Regeln. Schwärmen Sie aus, finden Sie die Bücher, von denen Sie meinen, sie hätten eingereicht werden sollen.

Hier möchte ich – mit Ihnen – ansetzen: Beim Verändern. Was habe ich mich gefreut, als ich gegen Ende Ihres Briefes Ihre Aufforderung las, gegen jede Form der Diskriminierung gemeinsam anzuarbeiten und den Literaturbetrieb und die gesamte Gesellschaft inklusiver zu machen. Ja, tun wir das! Wie enttäuscht war ich dann, als der Brief da endete. Hier hätte es weitergehen müssen: mit konkreten Vorschlägen.

Wie nämlich die Spielregeln unserer diskriminierenden Gesellschaft, unseres diskriminierenden Literaturbetriebes zu ändern wären, damit auch Schreibende mit Behinderungen mehr schreiben können, mehr wahrgenommen, mehr publiziert, für Preise nominiert werden. Und diese auch gewinnen können, nicht, weil sie behindert sind, sondern weil sie überzeugende Literatur vorlegen. Dafür muss aber erst Grundlegendes geleistet werden.

Wo ansetzen? Das ist eigentlich einfach: mehr, viel mehr Menschen mit Behinderung integrieren – überall: Workshops leiten, Lesungen geben, im Literaturhaus einbeziehen, bei Panels auf barrierefreien Podien, auf literarischen Trips miteinbeziehen, zu Preisjurorinnen küren, und so vieles mehr. Je sichtbarer wir sind, umso normaler werden wir, und umso normaler wird es sein, dass auch wir zum Literaturbetrieb gehören. Der Schweizerische Buchpreis, das Literaturhaus Basel und BuchBasel kann hier, online – wie hoffentlich bald auch wieder offline, Enormes leisten.

Ich setze also an, wo Sie in Ihrem Schreiben aufhören – beim «Gemeinsam»: Und lade Sie auf einen Gedankenaustausch, ein Ideen-Brainstorming zu mir nach St. Gallen ein, per Zoom, aber lieber noch persönlich, wenn es wieder machbar ist. Idealerweise mit weiteren Beteiligten. Die Formate können Sie alle anbieten, von Ideen leben wir, die Inhalte werden wir gemeinsam finden. Und dann geht’s der Diskriminierung konkret an den Kragen.

Ich freue mich, wieder von Ihnen zu hören.

herzlich

Christoph Keller

PS: Wer von den Leserinnen und Lesern an einem solchen Gedankenaustausch interessiert ist, meldet sich bitte via ostschweizerkultur@chmedia.ch bei mir.

Erstes Schreiben von Christoph Keller an die Jury des Schweizer Buchpreises (22.10.2020)

An die Jury des Schweizer Buchpreises
c/o LiteraturBasel
Theaterstrasse 22
4051 Basel


St. Gallen, am 22. Oktober 2020

Sehr geehrte Jury-Mitglieder

Ich schreibe Ihnen als jemand, dem es in der Schweiz gut geht, der aber ausgeschlossen wird. Meine unheilbare progressive Erkrankung, Spinale Muskelatrophie Typ III, kann mir niemand abnehmen, mein Leben und das der etwa 20 Prozent* anderer Schweizer*innen mit einer Behinderung aber könnte wesentlich weniger schwierig sein. Behindert ist, wer behindert wird. Diskriminierung in der Schweiz ist noch immer strukturell. Das müssen wir ändern.

In der zwölfjährigen Geschichte des Schweizer Buchpreises hat es meines Wissens gerade einmal einen Nominierten mit einer Behinderung gegeben, den Superhelden Catalin Dorian Florescu, der den Preis erfreulicherweise gewonnen hat. Das ist einer von fünfundsechzig Nominierten. Wie nur kann das sein? Mögen Sie auch zu Recht einwenden, dass Behinderung keine literarische Qualität sei, so erwidere ich Ihnen mit demselben Recht, dass keine Behinderung zu haben, auch keine ist. Was Sie mit ihrer Auswahl – jüngst gleich zwei zum dritten Mal einzuladen – betreiben, ist Exklusion, ist Diskriminierung.

Ich schreibe Ihnen auch als Schriftsteller. Nach bereits einigen Büchern publizierte ich 2003 ein erstes über mein Leben mit einer Behinderung, „Der beste Tänzer“. Nun erscheint mit „Jeder Krüppel ein Superheld: Splitter aus dem Leben in der Exklusion“ (Limmat Verlag, 2020) ein weiteres. Hätte ich nominiert werden sollen? Eine oder einen wie mich hätte man endlich wieder einladen sollen. Der oder die sichtbar eine Behinderung hat. Der unbequem ist, auch physisch. Von dem man nicht einmal weiss, ob sie oder er als Zirkuspferdchen körperlich für das internationale Buchpreisspektakel taugt, dabei müsste man doch in diesen pandemischen Zeiten alle per Zoom einspielen. Dazu aber kam es zum 64. Mal wieder nicht.

Ich lege mein Buch nicht bei: Sie haben es. Ich hoffe sehr, dass Sie mir und den 20 Prozent, die im Literaturbetrieb so gut wie nicht vorkommen, nachhaltig dabei helfen, aus der Exklusion herauszukommen. Sorgen Sie dafür, dass auch der Literaturbetrieb barrierefrei wird. Dass es auch für uns möglich ist, überhaupt zu schreiben, zu publizieren und Preise zu gewinnen.

Natürlich soll Literatur nach literarischen Kriterien beurteilt werden. Doch was ist mit jenen Talentierten, die man im Dunkeln nicht sieht? Die aber zum Schreiben geradezu prädestiniert sind. June Jordan sprach 1970 davon, dass „der afroamerikanische Zeuge einer aussenstehenden Zensur“ (S. 113 in meinem Buch) unterliege. Sie hat ihr ganzes Leben lang dafür gekämpft, dass diese Zensur aufgehoben wurde. Mit Erfolg: Heute blüht die afroamerikanische Literatur, und Jordan selbst war zu Lebzeiten die am meisten publizierte afroamerkanische Autorin. Sie haben es in der Hand, dass wir dieses Ziel auch erreichen.

Es grüsst Sie herzlich, dankt Ihnen für Ihre gute Arbeit und freut sich, von Ihnen zu hören

Christoph Keller
Schriftsteller und Rollstuhlfahrer

*Quelle: Bundesamt für Statistik
Am 26. Oktober um 20 Uhr stellt Christoph Keller sein neues Buch in der Kellerbühne St.Gallen vor. Mitglieder der Jury des Schweizer Buchpreises 2020 sind Tommy Egger, Daniel Graf, Annette König, Christine Richard und Hubert Thüring.

Das Antwortschreiben der Jury des Schweizer Buchpreises

Antwortschreiben der Jury des Schweizer Buchpreises.

Antwortschreiben der Jury des Schweizer Buchpreises.

pd/Screenshot

Die Jury des Schweizer Buchpreises hat sich Zeit für ein ausführliches Antwortschreiben genommen. Sie teilen das Anliegen Christoph Kellers einer besseren Inklusion von Menschen mit einer Behinderung im Literaturbetrieb wie in der Gesellschaft insgesamt. Ob jemand eine Behinderung habe oder nicht, spiele für die Jury im Auswahlprozess keine Rolle. Warum der Anteil an Autorinnen und Autoren mit Behinderung in den Verlagsprogrammen geringer sei als ihr Anteil an der Bevölkerung, sei schwierig zu beantworten. Die Jury könne nur Bücher beurteilen, die überhaupt eingereicht würden.

Sie kann die Forderung Kellers nachvollziehen, Schriftstellerinnen und Schriftsteller mit einer sichtbaren Behinderung zu nominieren, Doch dies hätte zur Folge, dass die Chancengleichheit durch textexterne Faktoren beeinträchtigt würde. Zusammenfassend schreibt die Jury: «Lassen Sie uns gemeinsam gegen jede Form der Diskriminierung anarbeiten, und lassen Sie uns gemeinsam dafür sorgen, dass der Literaturbetrieb sowie die gesamte Gesellschaft inklusiver werden –auf allen Ebenen.» (gen)

Zur Person

Christoph Keller - Schriftsteller
Bild: Tobias Garcia

Christoph Keller - Schriftsteller

Christoph Keller wurde 1963 geboren. Er ist in St.Gallen aufgewachsen, wo er heute als freier Schriftsteller wieder wohnt. 20 Jahre lang hat er in New York gelebt und dort seine ersten Bücher auf Englisch veröffentlicht. Keller ist aufgrund der fortschreitenden Krankheit spinale Muskelatrophie auf einen Rollstuhl angewiesen. Seine Romanfantasie «Der Boden unter den Füssen» wurde eben mit dem Alemannischen Literaturpreis 2020 ausgezeichnet. In seinem neuen Buch «Jeder Krüppel ein Superheld» erzählt Keller von den Hürden, die er mit seiner Behinderung täglich zu nehmen hat.
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