Kolumne
Briefe von Christoph Keller: «Wir wollen da raus! Schreiben aus der Exklusion» – Monat 5.2/12

Der St.Galler Autor Christoph Keller schreibt in seinem neuen Buch «Jeder Krüppel ein Superheld» schonungslos über seine fortschreitende Muskelkrankheit und öffnet damit Nicht-Behinderten die Augen. Darum geht es ihm auch in seinem monatlichen Blog, in welchem der Autor Briefe an Schweizer Persönlichkeiten schreibt. Heute: Zweites Antwortschreiben von Klaus Schwab, Gründer und Vorsitzender des Weltwirtschaftsforums WEF mit einer Einladung ans WEF 2022 in Davos.

Christoph Keller
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Am 10. Dezember 2020 hat Christoph Keller seinen ersten Brief an Klaus Schwab geschrieben und postwendend eine Antwort erhalten. In einem weiteren Schreiben hakt der Autor nach und nimmt den WEF-Gründer beim Wort. Dieser hat Keller angeboten, ihm eine Stimme zu geben. In seinem zweiten Antwortschreiben löst Schwab sein Versprechen ein und lädt Keller ans WEF 2022 ein.

Zweiter Brief von Christoph Keller an Klaus Schwab (30.12.2020)

An Herrn Professor Klaus Schwab
Gründer und Vorsitzender des WEF
Route de la Capite
1223 Cologny


St. Gallen, am 30. Dezember 2020

Sehr geehrter Klaus Schwab

Danke sehr für Ihre gute Antwort: Sie haben mein Buch nicht nur rasch, sondern auch genau gelesen. Solange die Löwen nicht schreiben lernen, wird jede Geschichte die Jäger verherrlichen. Das war der Titel der Poetik- und Literaturvorlesungen der Universität St. Gallen, die ich im vergangenen Herbst gab: Jeder Mensch muss mit seiner eigenen Stimme sprechen können, einen demokratischeren Gedanken gibt es nicht. Auch gibt es wenige Gedanken, die so dürftig umgesetzt werden, auch in Demokratien.

Klaus Schwab.

Klaus Schwab.

Bild: Salvatore Di Nolfi / Keystone

Was gerade in der Debatte um Behinderung, so sie denn überhaupt stattfindet, fehlt, ist die Nachhaltigkeit. Mir fällt schon viel zu lange auf, dass «Behinderung» zwar sporadisch thematisiert wird, oft aber nur, weil es wieder einmal fällig ist, nicht aber, um das Thema zu normalisieren.

Sporadisch ist das Gegenteil von nachhaltig, damit erleichtern wir unser Gewissen. Erst aber wenn Behinderung als normal, nicht als Problem, wahrgenommen wird, haben wir das demokratische Ziel erreicht. Und was ist normal? Alles, was wir nachhaltig sichtbar machen. Darüber müssen wir debattieren, bis es nicht mehr notwendig ist.

Sie wollen meiner Stimme Ihr Megafon geben: Diese Gelegenheit nehme ich gerne wahr. Was ich mir zum Beispiel vorstellen könnte, ist, dem Forum vom Schicksal meines kürzlich verstorbenen, mehrfach behinderten Bruders zu erzählen, denn es geht uns alle an; denn lernten wir wieder zu hören und zu sehen, was sich hinter den Türen, die wir nicht öffnen wollen, abspielt, es ginge uns allen besser, als Individuen und als Gesellschaft.

Michael aber wurde mehr und mehr in die Exklusion gedrängt. So fein spielten diese Mechanismen, dass er dies schliesslich auch noch befürwortet hat: Immer weniger wollte er sich zeigen. So schlimm steht es um unsere Gesellschaft. Um James Baldwin zu paraphrasieren: Du bist nur ein invalider – «untauglicher», «unnützer» – Mensch, wenn du glaubst, was man dir dauernd einredet.

Hoffentlich hatten Sie gesunde Festtage. Ich freue mich, wieder von Ihnen zu hören.

Mit herzlichen Grüssen

Christoph Keller

Zweites Antwortschreiben von Klaus Schwab (4.1.2021)

Mit diesem Brief lädt Klaus Schwab Christoph Keller ans WEF 2022 in Davos ein.

Mit diesem Brief lädt Klaus Schwab Christoph Keller ans WEF 2022 in Davos ein.

Bild: Screenshot.

Klaus Schwab, Gründer und Vorsitzender des World Economic Forum WEF, hält Wort: In seinem zweiten Antwortschreiben lädt er Christoph Keller offiziell ans WEF 2022 in Davos ein. Er ermuntert den Autor dazu, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern vom Schicksal seines mehrfachbehinderten Bruders Michael zu berichten, der vergangenen Sommer verstorben ist. So könnten sie nachfühlen, was es heisst, von der Gesellschaft ausgeschlossen zu sein.

Erster Brief von Christoph Keller an Klaus Schwab (10.12.2020)

An Herrn Professor Klaus Schwab
Gründer und Vorsitzender des WEF
Route de la Capite
1223 Cologny


St. Gallen, am 10. Dezember 2020

Sehr geehrter Klaus Schwab

Als ich mir die WEF-Website angeschaut habe, bin ich aus dem Staunen kaum heraus gekommen: So viel über «Behinderung», über «Inklusion»! Da finde ich die vielversprechende Schlagzeile: «Disability inclusion isn’t a tick-off excercise». Gar auf eine COVID-Tafel für Menschen mit Behinderung stosse ich. Und den Hinweis, dass einer von sieben Menschen weltweit eine Behinderung hat. Macht eine Milliarde. Irgendwo wird gar genauer gerechnet: Macht 1.3 Milliarden Menschen, die mit Einschränkungen auf unserem Planeten leben, kleineren oder erheblicheren. Menschen, die gefördert werden müssen, die integriert werden sollen. Chapeau, kann ich da nur sagen.

Das ist nicht die Vorstellung, die ich vom WEF habe. Denke ich an das WEF, kommen mir Milliardäre, Politiker und Medienstars (immer weniger sich ausschliessende Kategorien) in den Sinn, die mit Absperrungen und dem wuchtigen Einsatz des Schweizer Militärs inklusive Luftraumsicherung vor den Schweizern geschützt werden müssen. Mir kommen die zahllosen Privatjets in den Sinn, welche die 0.1 Prozent aus aller Welt einfliegen, die geschwärzten Fensterscheiben der gepanzerten Limousinen, in denen sie in die Berge gefahren werden. Mir kommt ein Dorf in den Sinn, das mit einer absichtlich ausgelösten Lawine von der übrigen Welt abgetrennt wird.

Herr Schwab, Sie haben eines der überzeugendsten Symbole für Exklusion geschaffen, gehegt und gepflegt. Nun befinden Sie sich in einer Dürrenmattschen Situation, der Schwierigkeit nämlich zu beweisen, Ihre Welt der Exklusion sei eigentlich eine der Inklusion. Wie, dies meine Frage, können Sie sich da noch glaubwürdig für Menschen mit Behinderungen, für Inklusion einsetzen?

Ich gehöre selber zu jenen, die aufgrund einer schweren Behinderung – Spinale Muskelatrophie vom Typ III, eine progressive neuromuskuläre, genetische Erkrankung – systematisch ausgeschlossen werden. Mein jüngstes Buch, das ich Ihnen mit diesem Schreiben überreiche, handelt davon. Es heisst« Jeder Krüppel ein Superheld: Splitter aus dem Leben in der Exklusion». Ich würde mich freuen, wenn Sie die Zeit fänden, es zu lesen – ich höre immer wieder, mein Buch sei ein Augenöffner in Sachen Inklusion – und bin gespannt auf Ihre Antwort auf meine Frage.

Frohe Festtage und anhaltende Gesundheit wünscht Ihnen und Ihrem Team

Christoph Keller

Antwortschreiben von Klaus Schwab (14.12.2020)

Klaus Schwab kann sich vorstellen, Christoph Keller eine Stimme zu geben.

Klaus Schwab kann sich vorstellen, Christoph Keller eine Stimme zu geben.

Bild: PD

Klaus Schwab, Gründer und Vorsitzender des World Economic Forum, zeigt sich vom Schicksal Christoph Kellers sehr berührt, ebenso vom Lesen seines Buches. Schwab hofft, dass sich der Autor auch weiterhin zum Wohle der Behinderten einsetzt. Und bietet ihm an, ihm dabei eine Stimme zu geben. (gen)

Zur Person

Christoph Keller - Schriftsteller
Bild: Benjamin Manser

Christoph Keller - Schriftsteller

Christoph Keller wurde 1963 geboren. Er ist in St.Gallen aufgewachsen, wo er heute als freier Schriftsteller wieder wohnt. 20 Jahre lang hat er in New York gelebt und dort seine ersten Bücher auf Englisch veröffentlicht. Keller ist aufgrund der fortschreitenden Krankheit spinale Muskelatrophie auf einen Rollstuhl angewiesen. Seine Romanfantasie «Der Boden unter den Füssen» wurde eben mit dem Alemannischen Literaturpreis 2020 ausgezeichnet. In seinem neuen Buch «Jeder Krüppel ein Superheld» erzählt Keller von den Hürden, die er mit seiner Behinderung täglich zu nehmen hat.