Kolumne
Briefe von Christoph Keller: «Wir wollen da raus! Schreiben aus der Exklusion» – Monat 5/12/Bonus

Der St.Galler Autor Christoph Keller schreibt in seinem neuen Buch «Jeder Krüppel ein Superheld» schonungslos über seine fortschreitende Muskelkrankheit und öffnet damit Nicht-Behinderten die Augen. Darum geht es ihm auch in seinem monatlichen Blog, in welchem der Autor Briefe an Schweizer Persönlichkeiten schreibt. Heute: Peer Teuwsen, Ressortleiter Kulturredaktion NZZ am Sonntag.

Christoph Keller
Drucken
Teilen

An die Kulturredaktion der NZZ am Sonntag
Ressortleiter Peer Teuwsen
Postfach
8021 Zürich


St. Gallen, am 17. Dezember 2020

Sehr geehrter Peer Teuwsen, sehr geehrte Kulturredaktion

Als seien Sie am vergangenen Sonntag in der NZZ am Sonntag im Kulturteil angetreten, meine These zu bestätigen: Menschen mit einer Behinderung, zu denen ich mit einer schweren progressiven Erkrankung gehöre, sind eine Minderheit, die gar von der Diskussion über Diskriminierung ausgeschlossen wird. Sechs ganze Zeitungsseiten über die politische Korrektheit. Kaum ein Political-Correctness-Ladenhüter fehlt: der böse Globi, Blackface-Othello, die Mohrenköpfe, Uncle Ben’s, gar Winnetou zeigt sein edles Gesicht, von dem wir längst wissen, dass es fake ist.

Peer Teuwsen.

Peer Teuwsen.

Bild: Nicole Sturz

Was aber fehlt, fast schon routinemässig (bitte widersprechen Sie mir!) nicht vorkommt, das sind wir, die grosse Minderheit der Menschen mit Behinderung, die wir ein wichtiges Kapitel in der Geschichte der politischen Korrektheit sind. Nicht einmal das Wort «Behinderung» hat es auf eine dieser sechs Seiten geschafft. Wie nur kann das sein, Herr Teuwsen? War es eine bewusste Entscheidung, das Thema «Behinderung» aus der Political-Correctness-Diskussion wegzulassen, mit anderen Minderheiten meine Minderheit erneut unsichtbar zu machen?

Erhellend einzig die Bemerkungen Martin R. Deans. Dies auch, weil hier einer auch über sich spricht. In der Tat besteht die Gefahr dieser oft wohlfeilen Blitzaufarbeitung der Black-Lives-Matter-Thematik, dass sie zum Hype verkommt. Zur Alibiübung. Warum, Hand aufs Herz, schwadronieren wir so gern von George Floyd? Weil er weit genug von uns weg ist, um uns wirklich nahe zu gehen.

Hartnäckig stülpen unsere Medien die US-amerikanische Rassismusdebatte unseren doch sehr anderen Verhältnissen über. So kommt es zu einer Ersatzdebatte, die uns nur scheinbar betrifft, darum auch nicht weh tut und nichts bewirkt. Für uns Weisse sind das Wohlfühldebatten. Zum Nachteil der dringend notwendigen Debatte über Diskriminierung von Menschen mit Behinderung, die – auch deshalb – nicht stattfindet.

Ich erlaube mir, Ihnen ein Exemplar meines zweiten Buches über mein Leben mit einer Behinderung – übrigens in der Schweiz und in den USA – zukommen zu lassen. Es heisst, politisch sehr unkorrekt: «Jeder Krüppel ein Superheld: Splitter aus dem Leben in der Exklusion». Es ist bereits dabei, uns ein bisschen sichtbarer zu machen.

Mit freundlichen Grüssen


Christoph Keller
Schriftsteller und Rollstuhlfahrer

Zur Person

Christoph Keller - Schriftsteller
Bild: Benjamin Manser

Christoph Keller - Schriftsteller

Christoph Keller wurde 1963 geboren. Er ist in St.Gallen aufgewachsen, wo er heute als freier Schriftsteller wieder wohnt. 20 Jahre lang hat er in New York gelebt und dort seine ersten Bücher auf Englisch veröffentlicht. Keller ist aufgrund der fortschreitenden Krankheit spinale Muskelatrophie auf einen Rollstuhl angewiesen. Seine Romanfantasie «Der Boden unter den Füssen» wurde eben mit dem Alemannischen Literaturpreis 2020 ausgezeichnet. In seinem neuen Buch «Jeder Krüppel ein Superheld» erzählt Keller von den Hürden, die er mit seiner Behinderung täglich zu nehmen hat.