Kolumne
Briefe von Christoph Keller: «Wir wollen da raus! Schreiben aus der Exklusion» – Monat 5/12

Der St.Galler Autor Christoph Keller schreibt in seinem neuen Buch «Jeder Krüppel ein Superheld» schonungslos über seine fortschreitende Muskelkrankheit und öffnet damit Nicht-Behinderten die Augen. Darum geht es ihm auch in seinem monatlichen Blog, in welchem der Autor Briefe an Schweizer Persönlichkeiten schreibt. Heute: Klaus Schwab, Gründer und Vorsitzender des Weltwirtschaftsforums WEF.

Christoph Keller
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An Herrn Professor Klaus Schwab
Gründer und Vorsitzender des WEF
Route de la Capite
1223 Cologny


St. Gallen, am 10. Dezember 2020

Sehr geehrter Klaus Schwab

Als ich mir die WEF-Website angeschaut habe, bin ich aus dem Staunen kaum heraus gekommen: So viel über «Behinderung», über «Inklusion»! Da finde ich die vielversprechende Schlagzeile: «Disability inclusion isn’t a tick-off excercise». Gar auf eine COVID-Tafel für Menschen mit Behinderung stosse ich. Und den Hinweis, dass einer von sieben Menschen weltweit eine Behinderung hat. Macht eine Milliarde. Irgendwo wird gar genauer gerechnet: Macht 1.3 Milliarden Menschen, die mit Einschränkungen auf unserem Planeten leben, kleineren oder erheblicheren. Menschen, die gefördert werden müssen, die integriert werden sollen. Chapeau, kann ich da nur sagen.

Klaus Schwab.

Klaus Schwab.

Bild: Salvatore Di Nolfi / Keystone

Das ist nicht die Vorstellung, die ich vom WEF habe. Denke ich an das WEF, kommen mir Milliardäre, Politiker und Medienstars (immer weniger sich ausschliessende Kategorien) in den Sinn, die mit Absperrungen und dem wuchtigen Einsatz des Schweizer Militärs inklusive Luftraumsicherung vor den Schweizern geschützt werden müssen. Mir kommen die zahllosen Privatjets in den Sinn, welche die 0.1 Prozent aus aller Welt einfliegen, die geschwärzten Fensterscheiben der gepanzerten Limousinen, in denen sie in die Berge gefahren werden. Mir kommt ein Dorf in den Sinn, das mit einer absichtlich ausgelösten Lawine von der übrigen Welt abgetrennt wird.

Herr Schwab, Sie haben eines der überzeugendsten Symbole für Exklusion geschaffen, gehegt und gepflegt. Nun befinden Sie sich in einer Dürrenmattschen Situation, der Schwierigkeit nämlich zu beweisen, Ihre Welt der Exklusion sei eigentlich eine der Inklusion. Wie, dies meine Frage, können Sie sich da noch glaubwürdig für Menschen mit Behinderungen, für Inklusion einsetzen?

Ich gehöre selber zu jenen, die aufgrund einer schweren Behinderung – Spinale Muskelatrophie vom Typ III, eine progressive neuromuskuläre, genetische Erkrankung – systematisch ausgeschlossen werden. Mein jüngstes Buch, das ich Ihnen mit diesem Schreiben überreiche, handelt davon. Es heisst« Jeder Krüppel ein Superheld: Splitter aus dem Leben in der Exklusion». Ich würde mich freuen, wenn Sie die Zeit fänden, es zu lesen – ich höre immer wieder, mein Buch sei ein Augenöffner in Sachen Inklusion – und bin gespannt auf Ihre Antwort auf meine Frage.

Frohe Festtage und anhaltende Gesundheit wünscht Ihnen und Ihrem Team

Christoph Keller

Zur Person

Christoph Keller - Schriftsteller
Bild: Benjamin Manser

Christoph Keller - Schriftsteller

Christoph Keller wurde 1963 geboren. Er ist in St.Gallen aufgewachsen, wo er heute als freier Schriftsteller wieder wohnt. 20 Jahre lang hat er in New York gelebt und dort seine ersten Bücher auf Englisch veröffentlicht. Keller ist aufgrund der fortschreitenden Krankheit spinale Muskelatrophie auf einen Rollstuhl angewiesen. Seine Romanfantasie «Der Boden unter den Füssen» wurde eben mit dem Alemannischen Literaturpreis 2020 ausgezeichnet. In seinem neuen Buch «Jeder Krüppel ein Superheld» erzählt Keller von den Hürden, die er mit seiner Behinderung täglich zu nehmen hat.