Kolumne
Briefe von Christoph Keller: «Wir wollen da raus! Schreiben aus der Exklusion» – Monat 3/12

Der St.Galler Autor Christoph Keller schreibt in seinem neuen Buch «Jeder Krüppel ein Superheld» schonungslos über seine fortschreitende Muskelkrankheit und öffnet damit Nicht-Behinderten die Augen. Darum geht es ihm auch in seinem monatlichen Blog, in welchem der Autor Briefe an Schweizer Persönlichkeiten schreibt. Heute: der St.Galler Regierungspräsident und Gesundheitsdirektor Bruno Damann. Keller fragt ihn unter anderem, was Triage bedeutet, wenn es um Menschen mit Behinderung geht.

Christoph Keller
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An Regierungpräsident Bruno Damann
Vorsteher des Gesundheitsdepartments St. Gallen
Oberer Graben 32
9001 St. Gallen


St. Gallen, am 12. November 2020

Sehr geehrter Regierungspräsident Bruno Damann

Denke ich ans Sterben, kommen mir Goyas Zeichnungen in den Sinn. In dessen Werk wimmelt es von Kranken, Behinderten, Hungernden, Sterbenden, Toten. Für letztere reicht es manchmal nicht einmal für Leichentücher, wie zum Beispiel in «Leichenhaufen» aus «Die Schrecken des Krieges» (1810-1814). In Goyas Welt gehört der Tod immer zum Leben.

Bruno Damann.

Bruno Damann.

Arthur Gamsa

Denke ich an Covid, kommt mir Krieg in den Sinn. Dramatisiere ich? Panik, wie man oft zu hören bekommt, sei das Letzte, was wir jetzt bräuchten. Wären wir aber im Sommer zumindest ein bisschen in Panik ausgebrochen, so wären wir vorsichtiger geworden und nicht wieder in dieser misslichen Lage. Stattdessen gaben wir uns der Unbekümmertheit hin. Wir bräuchten jetzt einen Goya, um dem Virus ein Gesicht zu geben, das uns wieder wachrüttelt. Wie im Frühjahr die Bilder von Bergamo.

Jetzt, da ich Ihnen schreibe und diese Bilder wieder anschaue, denke ich an die schwer Erkrankten in den Intensivabteilungen unserer Spitäler. Einer davon war mein Bruder, der vor genau drei Monaten (nicht an Covid) starb. Goya hätte seinem Gesicht Ausdruck gegeben: menschlich leidend, ein Anblick, den ich nie vergessen werde. Erst, als er gehen durfte, weil es nicht mehr anders ging (das Kantonsspital St. Gallen hätte nichts besser machen können), stellte sich Erlösung ein. «Man soll die Todesfälle nicht überbewerten», sagen Sie. Das ist mir zu salopp, zu sehr aus der Machtposition gesprochen.

Aber Sie haben recht: «Sterben gehört zum Leben. Unsere Gesellschaft hat verlernt zu sterben.» Wir haben uns weit von unserer Natur entfernt. Als mein Bruder verstarb, habe ich nicht nur die grosse Trauer, sondern auch die Nähe zum Tod gespürt. Dass wir auch sie brauchen. Ich nehme Sie also beim Wort und fordere Sie auf, uns als Arzt und Vorsteher des Gesundheitsdepartments vorzuschlagen, wie wir jetzt, während einer tödlichen Pandemie, das Sterben wieder lernen können. Es würde uns allen helfen, nicht nur jetzt.

Mir geht es in diesem Schreiben an Sie auch um das Ausgeschlossensein. Es ist jetzt viel vom Mangel an Intensivbetten die Rede, das Kriegswort «Triage» geistert herum. Was bedeutet das, wenn es um Menschen mit Behinderungen geht? Davon lese ich nichts. Welche Chancen haben wir, die üblicherweise ohnehin schon ausgeschlossen werden, Intensivpflege zu bekommen? Werden Menschen mit einer Behinderung eher zu «Todesfällen», die man nicht «überbewerten» soll? Wird es zu Goya-haften Szenen kommen?

Als Bürger, einer, der zur «Risikogruppe» gehört, bin ich selbstverständlich bereit, meinen Teil zu leisten. In vorauseilendem Gehorsam (was ein Schriftsteller ja nicht tun sollte) habe ich mich in die selbstauferlegte Quarantäne zurückgezogen, als die Infektionszahlen zu explodieren begannen. Lesungen mussten abgesagt, eine Fotoausstellung und eine Preisverleihung verschoben werden. Ein kleiner Preis für Risikoverminderung, für Gesundheit, meine und die unserer Gesellschaft.

Ich schicke Ihnen mein jüngstes Buch «Jeder Krüppel ein Superheld: Splitter aus dem Leben in der Exklusion», das diesen Herbst im Limmat Verlag erschienen und auf breite Resonanz gestossen ist. Es ist mein zweites Buch über mein Leben mit Spinaler Muskelatrophie vom Typ III Kugelberg-Welander, einer neuromuskulären Erkrankung, die progressiv ist – so progressiv wie auch das Leben. Es würde mich freuen, wenn Sie die Zeit fänden, es zu lesen.

Denke ich mit diesen Voraussetzung mehr über den Tod nach als andere? Kaum. Bestimmt aber denke ich mehr als andere über Exklusion nach. Und ich weiss: Wirklich integriert ist nur, wer stets mitgedacht ist. Auch und vor allem, wenn es um Leben und Tod geht.

Es grüsst Sie herzlich, dankt Ihnen für Ihre gute Arbeit und freut sich, von Ihnen zu hören

Christoph Keller
Schriftsteller und Rollstuhlfahrer

*Quelle: Bundesamt für Statistik

Zur Person

Christoph Keller - Schriftsteller
Bild: Benjamin Manser

Christoph Keller - Schriftsteller

Christoph Keller wurde 1963 geboren. Er ist in St.Gallen aufgewachsen, wo er heute als freier Schriftsteller wieder wohnt. 20 Jahre lang hat er in New York gelebt und dort seine ersten Bücher auf Englisch veröffentlicht. Keller ist aufgrund der fortschreitenden Krankheit spinale Muskelatrophie auf einen Rollstuhl angewiesen. Seine Romanfantasie «Der Boden unter den Füssen» wurde eben mit dem Alemannischen Literaturpreis 2020 ausgezeichnet. In seinem neuen Buch «Jeder Krüppel ein Superheld» erzählt Keller von den Hürden, die er mit seiner Behinderung täglich zu nehmen hat.