Kolumne
Briefe von Christoph Keller: «Wir wollen da raus! Schreiben aus der Exklusion» – Monat 12.2/12

Vor einem Jahr hat der St.Galler Autor Christoph Keller sein neues Buch «Jeder Krüppel ein Superheld» veröffentlicht. Wie Keller darin über seine fortschreitende Muskelkrankheit schreibt, ist einzigartig; er öffnet damit Nichtbehinderten die Augen. In seinem monatlichen Blog schreibt Keller Briefe an Schweizer Persönlichkeiten. Heute veröffentlichen wir das zweite Antwortschreiben von Bundesrat Alain Berset an Christoph Keller.

Christoph Keller
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Im August schrieb Christoph Keller erstmals an Bundesrat Alain Berset mit dem Anliegen, der Invalidenversicherung eine zeitgemässere Bezeichnung zu geben. Denn invalid heisse übersetzt nicht anderes als untauglich, unfähig und zu nichts nütz. Das Antwortschreiben einer Chefbeamtin des Bundesrates, das wenig später eintraf, überzeugte den Autor und Rollstuhlfahrer nicht. Hartnäckig, wie er ist, hakte Keller mit einem zweiten Brief an Berset nach.

Nun ist Bundesrat Bersets zweites Antwortschreiben eingetroffen, dieses Mal verfasst von seinem Generalsekretär. Berset hat zwar nicht, wie von Keller erhofft, persönlich geschrieben. Doch präzisiert Generalsekreträr Gresch-Brunner darin eine wichtige Information: Ein Bericht zur sprachlichen Modernisierung der IV ist beim Bundesamt für Sozialversicherungen in Arbeit; problematische Begriffe, die im Bundesgesetz über die Invalidenversicherung (IVG) enthalten sind, sollen identifiziert werden und die Kosten berechnet werden, welche das Ersetzen dieser Ausdrücke verursachen würde. Veröffentlicht wird der Bericht wohl erst Ende 2022. Bis die IV möglicherweise umgetauft wird, kann es also noch dauern.

Zweites Antwortschreiben von Bundesrat Berset (21.10.21)

Alain Bersets Generalsekretär Lukas Gresch-Brunner verfasste das zweite Antwortschreiben an Christoph Keller.

Zweiter Brief von Christoph Keller an Bundesrat Berset (30.9.21)

An Bundesrat Alain Berset
Eidgenössisches Departement des Innern EDI
Generalsekretariat GS-EDI
Inselgasse 1
3003 Bern


St.Gallen, am 30. September 2021

Sehr geehrter Herr Bundesrat,

Bundesrat Alain Berset.

Bundesrat Alain Berset.

Bild: Peter Schneider/ KEY

Ihre Antwort vom 7. September 2021 hat mich enttäuscht. Sie machen sich nicht einmal die Mühe, persönlich auf mein Anliegen einzugehen. Das bedeutet, wir Menschen mit Behinderung sind nicht Chefsache, nicht einmal die des Chefs unseres Bundesamtes für Gesundheit.

Stattdessen erhalte ich das Schreiben einer Fachspezialistin, die mir bürokratisch ausführt, weshalb mein Anliegen unrealistisch ist. Der Begriff «Invalidenversicherung» könne nicht geändert werden, weil das «unverhältnismässig» sei.

Verhältnismässig also ist es nach wie vor, einen guten Teil der Schweizer Bevölkerung als «untauglich», «unfähig» und «zu nichts nütz» zu verunglimpfen. Was für ein Zeichen wir hier setzen!

Was für ein Zeichen die Schweiz, die im nächsten Jahr vom UNO-Behindertenrechtsausschuss für die Art, wie sie Menschen mit Behinderung behandelt, gerügt werden wird, setzen könnte! Die Schweiz könnte sagen: Selbstverständlich ist es uns der Aufwand und das Geld wert, diese himmelschreiende Diskriminierung aus der Schweiz zu schaffen. Immerhin betrifft diese unwürdige Behandlung 20 Prozent unserer Gesellschaft.

Vielleicht ist für Sie diese Angelegenheit bereits wieder erledigt. Für mich wird sie es nie sein. Ich lebe mit meiner Behinderung, jeden Tag, immer. So möchte ich wenigstens, Herr Bundesrat, dass Sie sich nicht hinter Ihrer Fachspezialistin, deren Paragrafen und dem SVP-Argument, mein Anliegen sei «zu teuer», verstecken, und mir ins Gesicht sagen, einer wie ich sei «untauglich», «unfähig» und «zu nichts nütz».

Auf eine positivere und persönlichere Antwort hoffend,

Ihr Christoph Keller
Schriftsteller und Rollstuhlfahrer
www.christophkeller.us

Erstes Antwortschreiben von Bundesrat Berset (7.9.21)

Erster Brief an Alain Berset (19.8.2021)

An Bundesrat Alain Berset
Eidgenössisches Departement des Innern EDI
Generalsekretariat GS-EDI
Inselgasse 1
3003 Bern

St.Gallen, am 19. August 2021

Sehr geehrter Herr Bundesrat,

zu ihrem 50. Geburtstag hat sich die Invalidenversicherung, die Ihnen untersteht, unter anderem gewünscht, ihren unwürdigen, diskriminierenden Namen endlich ändern zu dürfen. Das war 2010, vor elf Jahren. Geschehen ist das noch immer nicht.

Das Wort «invalid» bedeutet «untauglich», «unfähig», «krank», «zu nichts nütz». Es darf doch längst nicht mehr sein, dass unser Staat einen Fünftel der Bevölkerung – laut Bundesamt für Statistik leben 20 Prozent in der Schweiz mit einer Behinderung – offiziell so bezeichnet.

Diskriminierung fängt bei der Sprache an. Echte Integration auch. Die Schweiz hinkt dem modernen Sprachbewusstsein beschämend hinterher.

Dies ist mein zwölfter offener Brief, der auf Diskriminierungsprobleme in unserer Gesellschaft aufmerksam macht. Mir ist aufgefallen, dass wir uns für offener halten, als wir es tatsächlich sind. Wir fördern Menschen mit Behinderungen nur bedingt. Bestimmt nicht so, dass sie eine Stimme haben, wenn Entscheidungen gefällt werden. Gar Entscheidungen, die sie betreffen. Lieber verwalten wir noch immer die «Untauglichen».

Menschen mit Behinderungen sind in der Schweiz in entscheidenden Positionen systematisch unterrepräsentiert.

Wie viele Menschen mit einer Behinderung beschäftigen Sie in Ihrem Department, Herr Bundesrat? Wie viele in führenden Positionen? Sagen Sie mir: Warum sollte ein Arbeitgeber Menschen einstellen, die selbst der Staat «untauglich», «unfähig», «krank», «zu nichts nütz» nennt?

Ich bin einer dieser Untauglichen. Als solcher – und weil ich auch Schriftsteller bin – habe ich oft über meine angebliche Untauglichkeit als Mensch geschrieben, zuletzt in dem Buch «Jeder Krüppel ein Superheld: Splitter aus dem Leben in der Exklusion», das ich Ihnen mit diesem Brief auf den Schreibtisch und ans Herz lege. Ich fordere Sie auf, den politischen Stein ins Rollen zu bringen, der unserer Versicherung endlich – endlich! – einen würdigen Namen gibt. Dies ist seit langem überfällig.

Wie wäre es mit Partizipationsversicherung? Denn das ist es, was die IV garantiert: Dass jede und jeder an der Gesellschaft partizipieren kann. Oder Gleichstellungsversicherung, wird uns doch in der Verfassung versichert, dass wir alle gleich sind. Oder Inklusionsversicherung. In diesem Fall könnten wir das Kürzel IV behalten.

Es grüsst Sie herzlich, dankt Ihnen für Ihre gute Arbeit und freut sich, von Ihnen zu hören.

Christoph Keller
Schriftsteller und Rollstuhlfahrer
www.christophkeller.us


Zur Person

Christoph Keller – Schriftsteller
Bild: Ralph Ribi

Christoph Keller – Schriftsteller

Christoph Keller wurde 1963 geboren. Er ist in St.Gallen aufgewachsen, wo er heute als freier Schriftsteller wieder wohnt. 20 Jahre lang hat er in New York gelebt und dort seine ersten Bücher auf Englisch veröffentlicht. Keller ist aufgrund der fortschreitenden Krankheit spinale Muskelatrophie auf einen Rollstuhl angewiesen. Seine Romanfantasie «Der Boden unter den Füssen» wurde mit dem Alemannischen Literaturpreis 2020 ausgezeichnet. In seinem neuesten Buch «Jeder Krüppel ein Superheld» erzählt Keller von den Hürden, die er mit seiner Behinderung täglich zu nehmen hat.
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