Kolumne
Briefe von Christoph Keller: «Wir wollen da raus! Schreiben aus der Exklusion» – Monat 12/12

Vor einem Jahr hat der St.Galler Autor Christoph Keller sein neues Buch «Jeder Krüppel ein Superheld» veröffentlicht. Wie Keller darin über seine fortschreitende Muskelkrankheit schreibt, ist einzigartig; er öffnet damit Nichtbehinderten die Augen. In seinem monatlichen Blog schreibt Keller Briefe an Schweizer Persönlichkeiten. Heute an Bundesrat Alain Berset.

Christoph Keller
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An Bundesrat Alain Berset
Eidgenössisches Departement des Innern EDI
Generalsekretariat GS-EDI
Inselgasse 1
3003 Bern


St.Gallen, am 19. August 2021

Sehr geehrter Herr Bundesrat,

zu ihrem 50. Geburtstag hat sich die Invalidenversicherung, die Ihnen untersteht, unter anderem gewünscht, ihren unwürdigen, diskriminierenden Namen endlich ändern zu dürfen. Das war 2010, vor elf Jahren. Geschehen ist das noch immer nicht.

Bundesrat Alain Berset.

Bundesrat Alain Berset.

Bild: Peter Schneider/ KEY

Das Wort «invalid» bedeutet «untauglich», «unfähig», «krank», «zu nichts nütz». Es darf doch längst nicht mehr sein, dass unser Staat einen Fünftel der Bevölkerung – laut Bundesamt für Statistik leben 20 Prozent in der Schweiz mit einer Behinderung – offiziell so bezeichnet.

Diskriminierung fängt bei der Sprache an. Echte Integration auch. Die Schweiz hinkt dem modernen Sprachbewusstsein beschämend hinterher.

Dies ist mein zwölfter offener Brief, der auf Diskriminierungsprobleme in unserer Gesellschaft aufmerksam macht. Mir ist aufgefallen, dass wir uns für offener halten, als wir es tatsächlich sind. Wir fördern Menschen mit Behinderungen nur bedingt. Bestimmt nicht so, dass sie eine Stimme haben, wenn Entscheidungen gefällt werden. Gar Entscheidungen, die sie betreffen. Lieber verwalten wir noch immer die «Untauglichen».

Menschen mit Behinderungen sind in der Schweiz in entscheidenden Positionen systematisch unterrepräsentiert.

Wie viele Menschen mit einer Behinderung beschäftigen Sie in Ihrem Department, Herr Bundesrat? Wie viele in führenden Positionen? Sagen Sie mir: Warum sollte ein Arbeitgeber Menschen einstellen, die selbst der Staat «untauglich», «unfähig», «krank», «zu nichts nütz» nennt?

Ich bin einer dieser Untauglichen. Als solcher – und weil ich auch Schriftsteller bin – habe ich oft über meine angebliche Untauglichkeit als Mensch geschrieben, zuletzt in dem Buch «Jeder Krüppel ein Superheld: Splitter aus dem Leben in der Exklusion», das ich Ihnen mit diesem Brief auf den Schreibtisch und ans Herz lege. Ich fordere Sie auf, den politischen Stein ins Rollen zu bringen, der unserer Versicherung endlich – endlich! – einen würdigen Namen gibt. Dies ist seit langem überfällig.

Wie wäre es mit Partizipationsversicherung? Denn das ist es, was die IV garantiert: Dass jede und jeder an der Gesellschaft partizipieren kann. Oder Gleichstellungsversicherung, wird uns doch in der Verfassung versichert, dass wir alle gleich sind. Oder Inklusionsversicherung. In diesem Fall könnten wir das Kürzel IV behalten.

Es grüsst Sie herzlich, dankt Ihnen für Ihre gute Arbeit und freut sich, von Ihnen zu hören.

Christoph Keller
Schriftsteller und Rollstuhlfahrer
www.christophkeller.us


Zur Person

Christoph Keller – Schriftsteller
Bild: Tobias Garcia

Christoph Keller – Schriftsteller

Christoph Keller wurde 1963 geboren. Er ist in St.Gallen aufgewachsen, wo er heute als freier Schriftsteller wieder wohnt. 20 Jahre lang hat er in New York gelebt und dort seine ersten Bücher auf Englisch veröffentlicht. Keller ist aufgrund der fortschreitenden Krankheit spinale Muskelatrophie auf einen Rollstuhl angewiesen. Seine Romanfantasie «Der Boden unter den Füssen» wurde mit dem Alemannischen Literaturpreis 2020 ausgezeichnet. In seinem neuesten Buch «Jeder Krüppel ein Superheld» erzählt Keller von den Hürden, die er mit seiner Behinderung täglich zu nehmen hat.
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