Kleintheater
Zu Gast «bei Matthias oben und Matthias unten» in St.Gallen: Volker Ranisch, seit dem Sommer Theaterleiter im Toggenburg, spielt weiterhin gern auswärts

In zwei Produktionen ist der Schauspieler Volker Ranisch diesen Monat in St.Gallen zu sehen – einmal in der Kellerbühne, einmal im Theater Parfin de siècle. Nach Jahrzehnten zwischen Berlin und Zürich ist der 55-Jährige in Mosnang sesshaft geworden und setzt sich für eine bessere kulturelle Vernetzung in der Ostschweiz ein.

Bettina Kugler
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Volker Ranisch ist seit dem Sommer Vereinspräsident des Chössi-Theaters in Lichtensteig - und denkt viel über Vernetzungsmöglichkeiten mit anderen kleinen Bühnen in der Region nach.

Volker Ranisch ist seit dem Sommer Vereinspräsident des Chössi-Theaters in Lichtensteig - und denkt viel über Vernetzungsmöglichkeiten mit anderen kleinen Bühnen in der Region nach.

Bild: Benjamin Manser

Das Gespräch findet nicht direkt backstage statt - aber nur einen Katzensprung entfernt von den zwei St.Galler Bühnen, auf denen Volker Ranisch diese Woche und Ende November gastieren wird. Wir sitzen in einem Café im Klosterviertel, noch ein paar Treppenstufen tiefer als die Kellerbühne, auf die man wiederum vom Theater Parfin de siècle am Mühlensteg herabsehen kann. Ranisch mag die benachbarten St.Galler Kleintheater beide gern, er versteht sich gut mit ihren Leitern Matthias Peter und Matthias Flückiger. Sagen wir einfach «Matthias unten» und «Matthias oben».

Es wird also fast ein Heimspiel sein, wenn er (zusammen mit Gian Rupf) in der Kellerbühne an zwei Abenden mit «Via Mala» Station macht und später im Parfin de siècle «Schätzchen, streit' mit mir!» präsentiert. Premiere hatte dieses neue Programm bei «Zürich liest». Die Prosavorlage dazu stammt von Benjamin Rakidzija: ein Liebesdisput in Briefen, die ein älteres Paar wechselt. Das «Schätzchen» freilich, lange Jahre überzeugte Feministin, wird nicht mit auf der Bühne stehen. Das hat sich in der Vorbereitung so ergeben, krankheitshalber – zu einem Zeitpunkt, als es noch möglich war, den Text so auszuarbeiten, dass Ranisch beide Figuren übernimmt, und noch dazu eine dritte, die sich kommentierend einmischt.

Auf der Suche nach Vernetzung und Verbündeten

Flexibilität ist Volker Ranisch gewöhnt, nicht erst seit Ausbruch der Coronapandemie, und nicht erst, seit er Vereinspräsident des Chössi-Theaters in Lichtensteig ist, das Programm dort verantwortet. Sie gehört zum künstlerischen Handwerkszeug eines freischaffenden Schauspielers ebenso wie die Reiselust. Nach wie vor ist der 55-Jährige gern unterwegs; regelmässig pendelt er nach Zürich und nach Berlin, wo er eine Weile am Deutschen Theater engagiert war und Mitglied im Theater im Palais. Andererseits gefällt ihm das Landleben im Weiler Rick bei Mosnang mindestens ebenso wie die Tingelei quer durch Deutschland.

«Als Schauspieler auf Tournée lernt man zwar die Städte und Regionen in ihrer grossen Unterschiedlichkeit kennen – was spannend ist. Aber es ist eben auch Arbeit und ziemlich anstrengend.»

Lieber steckt er seine Energie und Gestaltungslust in näherliegende Projekte – zum Beispiel in die Vernetzung mit anderen Kleintheatern in der Region. «Man braucht Verbündete», dieses Fazit zieht er aus den ersten Monaten nach dem Seitenwechsel vom Rampenlicht in die Verantwortung des Gastgebers und Kulturveranstalters. Denkbar wäre etwa, sich für Co-Produktionen zusammenzuschliessen und diese dann in verschiedenen Kleintheatern der Region zu zeigen, gemeinsam Vermittlungsformate zu schaffen, auf die Bedürfnisse von Schulen zu reagieren.

Theater soll kein Selbstzweck sein

«Das Theater hat sich wegbewegt vom Anspruch, eine ‹moralische Anstalt› zu sein, den Menschen und die Welt zu verbessern», sagt er und weiss sehr wohl, dass sich das Rad nicht zurückdrehen lässt. Bürgerliches Bildungstheater mit Botschaft passt eben nicht mehr in eine so diverse, auf Individualismus eingestellte Zeit; die Bühne soll kein musealer Raum sein. Gleichwohl findet Volker Ranisch vieles zu «homemade», was aktuell auf die Bühne kommt: all die «Try-outs» und «Stückentwicklungen». Ihm fehlt zuweilen die Verbindlichkeit, der Mut zu einer Form. Er sagt:

«Die grosse Freiheit des Materials kann auch überfordern.»

Momentan schaut er vor allem nach vorn, in die Zukunft der freien Szene und der kleinen Bühnen. «Die Corona-Pause hatte als Zeit zum Nachdenken auch Vorteile», sagt er. «Wir hatten vorher einen überhitzten Kulturbetrieb. So können wir nicht einfach weitermachen. Das Publikum ist unterdessen wählerischer, und auch die Kleintheater müssen selektiver werden, ihr Profil schärfen.» Ideen hat er genug; jetzt ist er unterwegs auf der Suche nach Verbündeten. Zum Beispiel in St. Gallen, bei Matthias unten und oben.

«Via Mala»: 19./20.11., 20 Uhr, Kellerbühne St.Gallen; «Schätzchen, streit' mit mir!»: 28.11., 17 Uhr und 1.12., 20 Uhr, Theater Parfin de siècle St. Gallen.

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