KLAVIERWETTBEWERB
Ein 88'000 Franken teurer Flügel im St.Galler Lagerhaus: Sein Klang wird jetzt für einen Wettbewerb nach Australien übertragen

Der traumhafte Rolls-Royce unter den Flügeln, ein Fazioli mit 278 Zentimetern Länge, kam letztes Jahr nach St.Gallen. Heute steht das in der Schweiz einmalige Instrument in einem kleinen, aber feinen Konzertsaal an der Davidstrasse. Er dient ab morgen als Austragungsort eines internationalen Wettbewerbs.

Martin Preisser
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Der Fazioli-278-Flügel ist das Herzstück des neuen St.Galler Konzertsaals.

Der Fazioli-278-Flügel ist das Herzstück des neuen St.Galler Konzertsaals.

Bild: Martin Preisser

Eine Jazzgrösse wie Herbie Hancock oder eine Klassikgrösse wie Angela Hewitt haben auf ihm gespielt: Der Flügel F 278 der italienischen Nobelmarke Fazioli erklang früher im KKL Luzern oder in der Tonhalle Zürich. Heute gehört er, auch dank grosszügiger Sponsoren, der St.Galler Pianistin Claire Pasquier.

Rund 30'000 der 88'000 Franken fehlen noch, dann darf sie dieses Instrument, das es in der Schweiz bisher nur einmal gibt, ihr eigen nennen. Im Mai letzten Jahres kam der Flügel in die evangelische Kirche Rotmonten und steht heute in einem grosszügigen Architekturbüro im St.Galler Lagerhaus an der Davidstrasse. Der Raum kann jeweils rasch zu einem Konzertsaal umgebaut werden.

Claire Pasquier, eine bekannte Ostschweizer Pianistin und gesuchte Kammermusikerin, arbeitet freischaffend und hat seit letzten Sommer coronabedingt keinerlei Einnahmen mehr. Und trotzdem sagt sie: «Ich bin glücklich, dass ich auch dank der Coronapause so etwas wie diesen kleinen Konzertsaal mit dem Fazioli-Juwel aufbauen konnte.» Eine Konzertreihe ist bereits aufgegleist. Corona hat den Start verzögert.

Ein Wettbewerb mit höllisch schweren Stücken

Diesen speziellen Fazioli-Flügel aus dem friaulischen Sacile hat sich auch der junge Pianist Dominic Chamot ausgesucht, um online beim Sydney International Piano Competition mitzumachen. Der Wettbewerb gilt international als renommiert, findet alle vier Jahre statt und wegen Corona dieses Jahr online. Dominic Chamot ist 1995 in Köln geboren und lebt heute in Basel. Allein 2019 hat er drei renommierte internationale Wettbewerbe gewonnen und zeigt jetzt am Wochenende der Jury des Sydney-Wettbewerbs in einer ersten Runde sein Können, online aus der St.Galler Davidstrasse.

32 ausgewählte Kandidaten kämpfen um den Preis. Chamot hätte seine erste Wettbewerbsrunde mit höllisch schweren Stücken wie Etüden von György Ligeti oder einer Konzertparaphrase von Liszt gerne vor Publikum gespielt. Leider ist das im Moment nicht möglich. Für den Online-Auftritt ist er, begeistert von den klanglichen Möglichkeiten, auf den Fazioli von Claire Pasquier gestossen. Morgen bis Sonntag finden die Rezitals mit Dominic Chamot statt und werden am Sonntag nach Sydney zur Jury übertragen.

Nächste Wettbewerbsrunde hoffentlich vor Publikum

Die St.Galler Pianistin Claire Pasquier.

Die St.Galler Pianistin Claire Pasquier.

Bild: PD

Die Fazioli-Besitzerin Claire Pasquier, für die mit diesem Flügel ein absoluter Traum in Erfüllung geht, hofft, dass die Konzerte der nächsten Wettbewerbsrunde im April und Mai vor Publikum stattfinden können. Und ist auch ein wenig stolz:

«Hier in St.Gallen Teil des internationalen Sydney-Wettbewerbs zu sein, ist für mich natürlich ein einmaliges Erlebnis.»

Und sie hofft gleichzeitig, dass eine solche Situation wegen der Coronakrise einmalig bleibe. Der Wettbewerb ist auch ein toller Start für die neue Konzertreihe im Lagerhaus-Architekturbüro mit seiner loftartig-alternativen Ambiance. Claire Pasquier, selbst eine Australierin aus Melbourne und Tochter einer prämierten Pianistin, hat am 26. und 27. März einen eigenen Auftritt geplant. Mit Beethovens letzter Klaviersonate op. 111. Der St.Galler Schauspieler Matthias Flückiger liest dazu aus Thomas Manns «Doktor Faustus». Weitere Anlässe mit dem Soloflötisten des Sinfonieorchester St.Gallen, Gianluca Campo, und dem Sänger Daniel Johannsen sind vorgesehen oder wegen Corona bereits schon einmal verschoben worden.

«Hoffentlich kann meine Mutter diesen Flügel auch noch ausprobieren»

Ihre letzten Einnahmen vor der arbeitslosen Coronazeit hat Claire Pasquier für das Equipment ausgegeben, das aus dem Architekturbüro neben einem kleinen, feinen Konzertsaal auch ein exquisites Aufnahmestudio macht: eine zukünftig angedachte Einnahmequelle für die momentan auftrittslose Pianistin. Dass die Organisatoren des Sydney-Wettbewerbs ihr für die Aufnahmetechnik für die Online-Übertragung auch mit dem Geld geholfen haben, das sie bei den Flugtickets für die Wettbewerbsteilnehmer dieses Mal einsparen konnten, freut Claire Pasquier natürlich.

Sie selbst plant nach einer bereits vor Jahren von ihr erschienenen CD eine Neuaufnahme von Johann Sebastian Bachs «Goldberg-Variationen», natürlich auch wegen des neuen, inspirierenden Klangs ihres Fazioli 278. Und Claire Pasquier wünscht sie sich sehr, dass ihre inzwischen 84-jährige Mutter, die ausser den «Goldberg-Variationen» die gesamte Klaviermusik von Bach aufgenommen hat, einmal von Melbourne nach St.Gallen kommen könne, um sich selbst an das Goldstück ihrer Tochter zu setzen.

Der Pianist Dominic Chamot hat sich für seine Teilnahme am Sydney-Klavierwettbewerb St.Gallen als Spielort ausgewählt. Der Fazioli 278 hat ihn gelockt.

Links zum Wettbewerb und zu den Konzerten im Lagerhaus: www.opus278.ch; www.thesydney.com.au/online-competition; www.dominicchamot.com