Kinderliteratur
Was Heidi heute lesen würde: Die Wanderausstellung «Expeditionen ins Geschichtenland» macht gerade Halt in St. Gallen

Wie vielfältig die gegenwärtige Schweizer Kinderliteraturlandschaft ist, lässt sich bei einem Postenlauf durch die Stadtbibliothek Katharinen entdecken - am besten nimmt man sich viel Zeit dafür. Oder greift sich ein Thema heraus.

Bettina Kugler
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Die Hörstation lässt eintauchen in den Sound Schweizer Mundarten. Auf der Rückseite gibt's die passenden Geschichten von Linard Bardill & Co.

Die Hörstation lässt eintauchen in den Sound Schweizer Mundarten. Auf der Rückseite gibt's die passenden Geschichten von Linard Bardill & Co.

Bild: Reto Martin

Die Fixsterne dürfen nicht fehlen: Eine Ausstellung zur Schweizer Kinderliteratur, die auf «Expeditionen ins Geschichtenland» Lust machen will, wird an Johanna Spyris Klassiker «Heidi» nicht vorbeikommen. Ebenso wenig an der Tell-Sage, dem Schweizer Heldenmythos schlechthin, der Kindern heute in etlichen Varianten erzählt wird – mal Globi-Abenteuer in Comic- und Versliform, mal als in der Gegenwart verankerte Erzählung, wie im SJW-Heft «Tell, mein Vater» von Gabrielle Alioth oder Jürg Schubigers Kinderroman «Die Geschichte von Wilhelm Tell».

Superheld Wilhelm Tell, im Anflug auf die mythische Gegenwart.

Superheld Wilhelm Tell, im Anflug auf die mythische Gegenwart.

Bild: Reto Martin

Doch allein schon, wie das junge Schweizer Illustratorinnen-Duo namens It's raining Elephants den Superhelden mit dem unübersehbaren W auf der Brust seinen eigenen Mythos überfliegen lässt - buchstäblich! -, ist eine Expedition in die St. Galler Stadtbibliothek Katharinen wert. Dort macht bis zum 25. Juni die Wanderausstellung des Schweizerischen Instituts für Kinder- und Jugendmedien SIKJM Station. Sie nimmt Bezug auf den 2018 erschienenen «Atlas der Schweizer Kinderliteratur».

Schautafeln zwischen den Bücherregalen der Kinderbibliothek fächern derene Themen-, Figuren- und Formenvielfalt auf und zeigen neben einer Auswahl exemplarischer Bücher auch Zeichnungen derzeit angesagter oder schon lange etablierter Illustratoren. Darunter beispielsweise It's raining elephants alias Nina Wehrle und Evelyne Laube mit ihrem sehr gegenwärtigen Superman Wilhelm Tell.

Wimmelkrimis, Tiere aller Arten, Mundartkunst

Ein Wimmelbild für junge Detektive: Jürg Obrist erzählt Krimis visuell.

Ein Wimmelbild für junge Detektive: Jürg Obrist erzählt Krimis visuell.

Bild: Reto Martin

Eine Welt für sich sind Hannes Binders feine, ausdrucksstarke Klassiker-Illustrationen in Schabkartontechnik; zum Ausmalen lädt das fröhliche Tiergewimmel Adrienne Barmans ein, zum Lösen von Kriminalfällen die detailreichen Bilder von Jürg Obrist. Lange verweilen möchte man vor Insel der Gefühle, die Jacky Gleich in Herzform zeichnet: anatomisch präzise, zugleich wie eine Landkarte für Entdecker.

Als solche ist die Ausstellung gedacht: ein schneller Durchgang ist kaum möglich und wohl auch nicht Sinn der «Expeditionen ins Geschichtenland». Stattdessen animieren die Stationen dazu, sich auf noch unbekanntes Terrain zu wagen - oder bereits Bekanntes spielerisch neu zu entdecken. Die Texte auf den Rückseiten der Gestelle sind knapp und gehaltvoll; sie geben Einblick in die Kinderliteraturforschung, bleiben aber in ihrer Kürze und inhaltlichen Verdichtung recht abstrakt.

Ein Herz für Ausserirdische und fremde Wesen

Wahre Abenteurer sollten unbedingt auch die Bücher zur Hand nehmen, die jeweils als Ansichtsexemplare ausgelegt sind. Sie sollten eintauchen in aktuelle Kinderkrimis, Zeit und Lust haben, den Ausserirdischen, den Störenfrieden und Tieren aller Arten auf Augenhöhe zu begegnen: blätternd und lesend.

Kinder im Primarschulalter können sich mit dem Entdecker-Notizbuch nach Lust und Laune mit den Themen, Büchern und Bildern der einzelnen Posten beschäftigen, können Rätsel lösen, Wörter sammeln, Bilder in die richtige Reihenfolge bringen, Gedichte schreiben oder Ausschnitte aus Heidi-Filmen sehen. Dafür sollte man genug Zeit einplanen oder sich nur einen Posten pro Bibliotheksbesuch vornehmen – ein Grund mehr, daraus eine schöne Gewohnheit zu machen.